Berlin l Rotes Sakko. Weißes Hemd, der Kragen locker geöffnet. Schwarze Hose. So sitzt mir der ehemalige „Bild“-Zeitungskorrespondent Peter Brinkmann in der Lobby des Hilton-Hotels am Gendarmenmarkt in Berlin gegenüber. War es die wichtigste Frage, die er in seinem Leben gestellt hat, will ich wissen. „Nein, das war die Frage an meine Frau, ob sie mich heiraten will.“ Ich schaue ihn etwas erstaunt an. „Na ja. Da ich schon zwei Mal geschieden bin, war es wohl die Frage mit der langfristigsten Wirkung“, sagt Brinkmann. Der heute 74-Jährige lächelt.

Der berühmte Zettel, den Schabowski hatte. Das folgenreichste Missverständnis der Geschichte. Das alles hatte ein Vorspiel. Brinkmann: „Es gab schon vor dem 9. November Gespräche zwischen Ost- und Westberlin.“ Es wäre aber um Reisefreiheit gegangen – nicht um Mauer-Öffnung. Brinkmann: „Schabowski hatte gegenüber dem Regierenden Bürgermeister von Berlin, Walter Momper, ganz klar erklärt, ,Wir geben Reisefreiheit. Das heißt, wir fragen nicht mehr, warum und wieso du irgendwo hinfahren willst, sondern jeder Bürger, wenn er denn einen Pass hat, kann fahren, ohne dass er noch begründen muss, warum er fahren will.‘“ Deswegen wäre auch schon am 30. Oktober in Westberlin vom Senat eine Arbeitsgruppe Reisen eingerichtet worden, der Leiter Werner Kolhoff war, der damalige Senatssprecher in Berlin. Ebenfalls dabei: Jörg Rommerskirchen, Staatssekretär beim Wirtschaftssenator.

Westberlin gründet Arbeitsgruppe Reisen

Brinkmann: „Und die haben sofort damit begonnen, zu überlegen, was man braucht, wenn zu Weihnachten 500.000 DDR-Bürger und Ostberliner nach Westberlin kommen.“ Denn bei den Reiseerleichterungen sei es darum gegangen, dass jeder DDR-Bürger einen Pass erhält – und dann reisen kann. „Schabowski und Momper rechneten, die Passausgabe von Antragstellung bis Ausgabe dauert sechs Wochen, dann sind wir ungefähr beim 10., 12., 15. Dezember. Weihnachten ist zehn Tage später. Wie viele werden kommen? Schabowski sagte 300.000, Momper glaubte eher 500.000. Dann war die Frage, wie stellt man Busse und U-Bahnen auf einen höheren Takt um, wie gibt man das Begrüßungsgeld aus?“ Es wurde an alles gedacht. „Zum Beispiel, wie viele Kondome man vorrätig haben muss. Das ist kein Witz.“

Bilder

Anruf von Staatssekretär Rommerskirchen. „Wir kannten uns aus Hamburger Zeiten, als er Direktor des Amtes für Hafen war und ich Schifffahrtsreporter bei der ,Bild‘. Wir hatten täglich miteinander zu tun. Daraus entstand eine Freundschaft“, erklärt Brinkmann. Rommerskirchen hätte ihm gesagt: „Es konkretisiert sich was, ich weiß nicht, was, aber komm her.“ Dann sei er am 9. November morgens los. An der Kontrollstelle zur Transitstrecke hätte er den beiden Grenzerinnen gesagt, „heute Abend ist der ganze Spuk zu Ende“. Brinkmann: „Es war halt so ein Gefühl. Ich hatte doch recht.“ Zufrieden lehnt er sich in seinen Stuhl zurück.

In Berlin angekommen, ging Brinkmann in ein Restaurant: „Das war neben dem Pressezentrum in Ostberlin, da liefen die ganzen SED-Chargen rum und die Stasileute. Die kannte man schon über Jahre. Vor allem von der Leipziger Messe. Die sagten dann: ,Ja, die beraten das Reisegesetz, nichts Konkretes, aber möglicherweise …‘ Und als westdeutscher Journalist fragte man dann, könnte es sein, dass … Und die antworteten: ,Ja, könnte, muss aber nicht.‘ Ich meldete mich eigentlich nur bei Rommerskirchen, um zu sagen, ich bin hier. Ich bin vor Ort, und es wird das und das getratscht.“ Rommerskirchen hat das dem Senat als News verkauft, dass Entscheidendes passiert? „Er hat später im Wortlaut gesagt: ,Ich habe mich für Brinkmann verbürgt, ich war sicher, dass er eine Wanze im Politbüro hat‘.“

Die Pressekonferenz mit DDR-Regierungssprecher Günter Schabowski begann kurz vor 18 Uhr. Rund 150 Journalisten im Saal. Es war erst die zweite Pressekonferenz dieser Art, ein Novum in der Geschichte der DDR. Das Fernsehen der DDR übertrug die Sitzung live aus dem internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße. Brinkmann: „Ich hatte mir schon Stunden zuvor einen Stuhl gesichert, meine Jacke über die Lehne gelegt. Ein guter Platz ist immer in der ersten Reihe, dicht am Mikrofon.“

Pressekonferenz und Krenz-Zettel

Erst mal habe Schabowski bis 18.40 Uhr nur referiert, ein Monolog. Brinkmann: „Es war zum Einschlafen. Dann kamen zwei Fragen von DDR-Kollegen, der dritte war ich. Ich dachte, ich stell erst mal eine Frage zu etwas, was Schabowski thematisiert hat. Also fragte ich: ,Haben Sie gerade die Pressezensur in der DDR abgeschafft?‘ Er murmelte dann etwas wie ,die gab es doch bei uns sowieso nicht.‘ Es gab etwas Gelächter. Schabowski nahm den italienischen Korrespondenten dran, der vorn vorm Podium saß. Darauf erzählte Schabowski sehr umständlich: ,Jawohl, blablabla, wir haben eine Vorlage, die Sie alle haben müssten …‘. Hatte aber keiner. Dann kam die Formulierung, wonach es jedem DDR-Bürger erlaubt sein sollte, auszureisen. Und jetzt kommt der Moment, wo du innerlich journalistisch explodierst. Ich dachte, du kommst nicht mehr dran, weil du dein Pulver verschossen hast, du musst dazwischenrufen. Da zahlt es sich aus, wenn man in der ersten Reihe sitzt. Ich rufe: ,Ab sofort?‘ Deutlich und klar. Vorher gab es ein Gemurmel: ,Ab wann?‘ Da waren mehrere dabei, die das fragten. Aber durch das ,Ab sofort?‘ bekam es diesen Drall.“

Er war also nicht der Einzige, der nach dem Zeitpunkt gefragt hat? Das „Ab sofort“ hätte Schabowski wohl durcheinandergebracht. Er blickte auf den Notizzettel von Egon Krenz, der ihm kurz vor der Konferenz gebracht worden war. Dann stotterte er seinen Satz: „Ähh, das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ Brinkmann fasste noch mal nach: „Sie hatten nur BRD gesagt, gilt das auch für Westberlin? Und dann sagt er: ,Ja, meines Wissens auch für Westberlin.‘ Das war die zweite, entscheidende Frage.“

Schabowski stottert seine Antwort

Der berühmte Zettel, von dem Schabowski ablas: „Na ja, der war korrigiert worden. Der SED-Generalsekretär und Staatsratsvorsitzende Egon Krenz hatte in der Sitzung des Zentralkomitees seine Vorlage handschriftlich korrigiert und dann den Zettel Schabowski in die Hand drücken lassen. Der hatte nicht an der Sitzung teilgenommen, wusste also gar nicht, wie der ganze Diskussionsprozess im Zentralkomitee verlaufen war. Die Nachricht hätte eigentlich eine Sperrfrist bis 4 Uhr morgens gehabt.

„Wie sah die Korrektur durch Egon Krenz aus?“, frage ich. Brinkmann: „Der hat die Formel ,zeitweilig‘ durchgestrichen und daraus eine sofort geltende Lösung gemacht, die keine Vorbedingung mehr enthielt.“ Damit war aber eigentlich die Passbeantragung ab 6 Uhr morgens gemeint. Brinkmann: „Schabowski hat das ganz falsch interpretiert. Das SED-Politbüro wollte was doch ziemlich anderes, nämlich Ausreisen erlauben, aber nur nach wochenlanger Vorprozedur und mit Stempel und Visum. Also nix mit gleich rüber, ein Bierchen trinken und zurück. Das ,Sofort‘ in der Formulierung bezog sich auf Freitag, den 10. November. Da hätten die Bürger der DDR sofort einen Pass beantragen können, Bearbeitungsfrist sechs Wochen.“ Schabowskis Missverständnis. Brinkmann: „Ich habe gedacht, jetzt musst du raus aus der Pressekonferenz und das mitteilen. Die Zentralredaktion der ,Bild‘-Zeitung saß in Hamburg und ich hatte in meinem Auto ein großes Funknetz-Telefon, was damals völlig unüblich war, und wollte sofort durchgeben, ,Schabowski verkündet Reisefreiheit‘ oder so ähnlich. Ich weiß nicht mehr genau, was ich mir da zurechtgelegt hatte.Auf jeden Fall bin ich aus der Pressekonferenz heraus.“

Sturm auf die Grenze

Aber er bekam keine Verbindung mit dem Funknetz. „Dann bin ich zur Postzentrale gelaufen, um das durchzugeben, die saß im Pressezentrum unten im Erdgeschoss, aber es gab keine Verbindung nach Hamburg. Es war also nicht möglich, es ganz schnell durchzugeben.“

Brinkmann hatte die Nachricht seines Lebens. Aber! Brinkmann: „Ich konnte nichts machen. Ich hätte rüberfahren können in den Westen. Aber da wären mindestens 15 Minuten vergangen. Bis dahin war die Meldung längst über Ticker in der Welt. Vor allem aber hatte ich befürchtet, ich komme dann nicht mehr zurück in den Osten, weil die Grenzer mich nicht zweimal an einem Tag reinlassen würden. Deshalb bin ich erst mal wieder in mein Hotel zurück, hab dem Concièrge 50 West-Mark gegeben, also 500 Mark Ost, und gesagt: ,Besorg mir ein Taxi!‘ Das wäre in Ostberlin genauso schwierig gewesen, wie in den Westen zu telefonieren. „Dem Fahrer habe ich gesagt: ,Wir fahren die ganze Nacht, weil irgendwas passiert ja vielleicht.‘“

Brinkmann ließ sich zu den vier Grenzübergangsstellen bringen. Und zum Brandenburger Tor. Zunächst passierte aber nichts. „Auf den Straßen ist nichts zu sehen“, hieß es im Originalton beim Westberliner SFB-Radio. Das „heute journal“ im ZDF wagte schon 30 Minuten später eine ganz andere Prognose. „Öffnung der Grenze: Die DDR sucht neue Wege“. Die „Aktuelle Kamera“ des DDR-Fernsehens blieb bei der steifen Verlesung der Infos über die Reiseregelung – „Reisen müssen beantragt werden.“ Es ist Hanns Joachim Friedrichs von den „Tagesthemen“, der um 22.42 Uhr zum Superlativ greift. „Im Umgang mit Superlativen ist Vorsicht geboten, sie nutzen sich so leicht ab“, sagte der Mann im karierten Sakko, „aber an diesem Abend darf man einen riskieren.“ Dieser 9. November sei ein historischer Tag, erklärte Friedrichs in ruhigem, unaufgeregtem Ton. „Die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Übergang an Bornholmer Brücke

Viele setzten sich nun in Bewegung. Zehntausende Berliner stürmten noch in der Nacht zu den Kontrollposten und forderten unter Berufung auf Schabowski deren Öffnung. Um 23.30 Uhr herum wurde schließlich an der Bornholmer Brücke die erste Sperre geöffnet. Das verpasste Brinkmann: „Ich war so gegen halb zwölf am Brandenburger Tor. Da sind die Ersten über den Stahlzaun gesprungen, ich auch. Die Grenzer haben gerufen: ,Halt! Stehen bleiben, wir schießen!‘ Aber wir sind gelaufen. Und dann habe ich richtig geheult, als ich zwischen den Säulen stand. Ich hab die umarmt und geheult wie ein Schlosshund.“ Die Mauer am Brandenburger Tor war noch nicht offen. Brinkmann: „Nein, aber vom Westen sprangen Leute auf und über die Mauer. Die DDR-Grenzer haben dann eine Postenkette gebildet und gingen voran. Ich bin dann weg, das war mir nicht ganz geheuer.“

Was geschah dann? Brinkmann: „Ich weiß es nicht mehr. Die nächsten Stunden sind im Nebel geblieben. Ich war wohl noch im Hotel, zog mir etwas Warmes an. Es war eine kühle Nacht. Danach muss ich in Ostberlin unterwegs gewesen sein. Ich weiß es nicht mehr, war wohl 48 Stunden am Stück unterwegs. In einem Geschäft bin ich dann zusammengebrochen, kam ins Hotel und habe lange durchgeschlafen.“

Die Mauer wäre sowieso gefallen

Peter Brinkmann, der im Herbst 1989 die entscheidende Frage stellte, schaut nachdenklich. Kein Zeile von den entscheidenden Stunden von ihm erschien. Brinkmann: „Die haben in der Redaktion einen Text zusammenstöpselt aus Agenturmeldungen und allem anderen. Da ist kein Namensartikel von mir erschienen, auch nichts von der Pressekonferenz mit Schabowski.“ Die alte Technik und die Umstände vor Ort hatten ihn daran gehindert, etwas zu schreiben.

Und die Ehre bekam später auch jemand anderes: Der italienische Reporter Riccardo Ehrman wurde 2008 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Hat ihn das gewurmt? Brinkmann: „Nein. Ich sage genau das Gegenteil: Das ist unser Job, wir müssen immer alarmbereit sein. Und wenn du keine Chance hast, zu fragen, musst du dazwischenquatschen. Wir haben ja auch die Mauer nicht durch unsere Fragen zum Einsturz gebracht. Das wäre doch sowieso passiert. Es hätte nur etwas länger gedauert. Wer hätte denn eine Mauer gebraucht, wenn er trotzdem reisen durfte.“

Dossier 30 Jahre Mauerfall