Joachim Sendler

Joachim Sendler war ein bekannter Bildhauer und freischaffender Künstler, der 1934 in Egeln (Salzlandkreis) geboren wurde. Nach dem Studium der Bildhauerei in Dresden zog Sendler, der drei Kinder hinterließ, mit seiner Familie nach Magdeburg. Von 1964 bis 1966 war er Vorsitzender des Verbandes Bildender Künstler Deutschlands (VBKD).

Zahlreiche Werke Sendlers sind in und um Magdeburg zu finden. Zu den bekanntesten Werken zählt die Großplastik „Fahnenmonument“, die seit 1974 an der Elbuferpromenade steht. Kurz vor seinem Tod im Jahr 2005 erklärte Sendler, dass er mit dem zwölf Meter hohen Monument eine „aufwärts strebende Bewegung“ darstellen wollte.

Neben Beton und Bronze arbeitete Sendler auch mit Metall und Sandstein. Weitere Werke Sendlers sind unter anderem der „Stehende Jüngling“ (Bronze) im Nordpark Magdeburg, der Brunnen Wasserjette in Zerbst, die Bronze-Statue „Vater und Sohn“ in Schönebeck und die Plastikgruppe Eisenbahner in der Maybachstraße Magdeburg.

Magdeburg l Auf einem kleinen Rasenstück, direkt vor der Kinderklinik in Magdeburg, steht eine Bronze-Skulptur aus den 1960er Jahren. Zu sehen sind zwei junge Frauen, zueinander gewandt, sie schauen nach oben. Eine der beiden hat die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Es ist das Werk des mittlerweile verstorbenen Bildhauers Joachim Sendler. Seine Skulpturen und Plastiken sind in und um Magdeburg zu finden. Was kaum jemand weiß: Hinter der Bronze-Skulptur „Badende“ nahe der Leipziger Straße verbirgt sich die bewegende Ost-West-Geschichte zweier Schwestern.

Juni, 1961. Walter Ulbricht verkündet, dass niemand die Absicht hat, eine Mauer zu errichten. Vier Wochen später ist klar: Das war eine Lüge. Es ist ein Satz, der bis heute in jedem Geschichtsbuch zur deutsch-deutschen Historie seinen Platz hat. Neue Verfassung, neues Strafrecht, neue Bildungspolitik. Turbulente Zeiten. Auch für Henriette (heute mit Nachnamen Schanz) und Christine Ernst.

Die beiden Schwestern werden im tschechischen Reichenberg (heute Liberec) geboren. Nach Kriegsende siedeln sie mit ihrer Mutter 1946 nach Magdeburg um und wachsen in der DDR auf. Doch kurz nachdem die Berliner Mauer und damit das wichtigste Symbol der deutsch-deutschen Teilung errichtet wurde, gesteht Henriette ihrer Schwester, dass sie flüchten und ihrem Freund in den Westen folgen wolle. „Henriette war verzweifelt, ich habe versucht, sie zu trösten, und meinte, dass wir schon einen Weg finden werden“, erinnert sich ihre heute 81-jährige Schwester.

Bilder

Schwestern standen Modell

Es ist der Beginn einer Geschichte, die 60 Jahre später, erschaffen aus Bronze, noch immer in Magdeburg verankert ist. Aber das weiß niemand. Bis jetzt. Nur wer schon einmal die Skulptur „Badende“ gesehen hat, kennt Henriette und Christine – ohne es zu ahnen. Beide standen Anfang der 1960er Jahre für den Bildhauer Joachim Sendler Modell. Entstanden ist ein Werk, von dem beide sagen: „Das ist unser persönliches Ost-West-Denkmal, ein Teil unserer Geschichte.“

Alles fing damit an, dass Henriette Anfang der 60er Jahre an einer Straßenbahnhaltestelle von einem älteren Mann angesprochen und gefragt wurde, ob sie für eine Künstlergruppe in Schönebeck Modell stehen würde. „Wir waren schon immer unzertrennlich, also bin ich irgendwann mitgegangen“, sagt Christine. Über zwei Jahre hinweg fuhren beide immer wieder zu der Künstlergruppe. Pro Modell-Stellung erhielten sie fünf Mark. „Eifrige Künstler ganz verschiedener Kunstrichtungen saßen um uns herum, zeichneten und skizzierten uns.“ Christine Ernst erinnert sich an nette, zuvorkommende Künstler, „in dem Atelier war eine angenehme Atmosphäre“. Sendler hätte zu diesem Zeitpunkt an einem Brunnen gearbeitet, hieß es damals.

Während die Schwestern Modell stehen, schmieden sie einen Fluchtplan. Christine erinnert sich an eine Kur für werdende Mütter in Morsleben, gelegen in der Sperrzone. „Also fuhren wir mit dem Motorroller diesen Bereich ab und versuchten, uns auf Feldwegen der Grenze zu nähern.“ Doch jeder rot-weiße Schlagbaum, jedes Militärfahrzeug, jede markierte Schneise zwang die beiden, umzukehren. Dann trafen sie an einer Tankstelle auf zwei junge Motorradfahrer. Einer der beiden bot Henriette Hilfe bei der Flucht an. Nach einwöchiger Vorbereitung hieß es Abschied nehmen. „Das tat weh, weil wir beide immer unzertrennlich waren“, sagt Christine.

Flucht in den Westen von Harbke aus

Wie vereinbart, traf sich die heute 79-Jährige mit ihrem Helfer an einer Ausweichstelle der Landstraße nach Harbke. Dort ließ sie ihren Motorroller zurück und stieg auf sein Motorrad um, denn der Fluchthelfer besaß einen Passierschein. Ein Stück fuhren sie noch auf der Landstraße, wechselten dann aber auf Feld- und Waldwege. In einer Schonung setzte er Henriette ab. Nach Sonnenuntergang robbte sie los, kam aber nur langsam vorwärts. Weiter kriechen. Anhalten. Wachsam sein. Flach an den Boden gepresst, schob sich die junge Frau unter dem Stacheldrahtzaun durch. Dahinter ein Graben, dann eine Böschung hinauf. Irgendwann erreichte sie eine Straße. Ein Autofahrer hielt an, Henriette fragte den Mann: „Bin ich hier im Westen?“ Der Mann brachte sie zu einer Unterkunft, bevor sie bei Verwandten unterkam und kurze Zeit später ihren Freund in die Arme schloss.

Währenddessen wurde ihre Schwester Christine in Magdeburg mehrmals zum Verhör geladen. „Der Grund hat sie nicht interessiert, sie wollten alles zum Fluchtweg und zum Fluchthelfer wissen“, erinnert sich Christine. „Sie drohten mir, mich dazubehalten, am Ende flüchtete ich mich ins Schweigen.“ Nur, weil Christine der Stasi versicherte, ihre Schwester nach dem Fluchtweg zu fragen, durfte sie gehen. „Mir fiel die Kette ein, die sie immer trug. Eine mit den drei Affen, die sich die Ohren, die Augen und den Mund zuhielten. Diesen Talisman erwähnte ich am Ende des Briefes, in der Hoffnung, sie würde begreifen, nichts sagen zu dürfen“, erinnert sich Christine.

Schwestern treffen sich in Ungarn

Der Antwortbrief ihrer Schwester wurde abgefangen, „aber Jahre später erfuhr ich, dass sie den Hinweis verstanden hatte“. Im Sommer 1970, nach neun Jahren, treffen sich die Schwestern erstmals in Sio­fok (Ungarn) wieder, tauschen sich über das vergangene Jahrzehnt, Henriettes Flucht, das Leben aus.

Die Bronze-Skulptur besucht Christine Ernst viele Jahre später das letzte Mal vor ihrem Umzug ins Vogtland. „Ich erinnere mich an einen kühlen Frühlingstag. Irgendjemand hatte Henriette einen roten Schal um den Hals geschlungen und mir eine bunte Strickmütze mit Bommel übergestülpt“, erzählt Christine. „Was für eine nette Respektlosigkeit.“

Als 1989 die Mauer fällt, verliert das persönliche Ost-West-Denkmal der beiden Schwestern seine Symbolik. Aber nicht seine emotionale Bedeutung. „Irgendwann werden wir nicht mehr da sein, aber unsere bronzenen Schwestern werden bleiben und vielleicht etwas von uns weitergeben, das nicht sichtbar ist.“

Mehr Informationen im Dossier "30 Jahre Mauerfall"