Liebe im Lazarett

74 Jahre verheiratet: Was hält die Liebe frisch?

Seit 74 Jahren ist das Ehepaar Ruth und Harry Warstat verheiratet. Wie ihre Beziehung begann. Und was sie bis heute frisch hält.

Von Jakob Milzner
Am 13. September 1947 heirateten Ruth und Harry Warstat. 74 Jahre ist das nun her.
Am 13. September 1947 heirateten Ruth und Harry Warstat. 74 Jahre ist das nun her. (Foto: Katrin Sieler)

Merseburg/MZ - Das Mädchen aus Thale am Harz und der Junge aus Westberlin: Zum ersten Mal trafen beide in Wernigerode aufeinander. 1944 war das. Der heute für seine historischen Fachwerkhäuser bekannte Ort war im Krieg Lazarettstadt. Und Harry Warstat, 17 Jahre war er damals alt, war verwundet worden. Schwer. Nur acht Tage hatte sein Einsatz an der Ostfront gedauert. So kam er zur Genesung nach Wernigerode. Und lernte dort die fast gleichaltrige Ruth kennen, die ihn als Schwesternhelferin betreute. Die beiden gefielen einander. Und blieben in Kontakt: Nach dem Krieg schrieben sie Briefe und besuchten sich. „Wir haben uns in sehr schwierigen Zeiten kennengelernt“, sagt Ruth Warstat, „das schweißt uns zusammen.“

Wenn die Eheleute 74 Jahre nach ihrer Heirat von der gemeinsamen Lebensgeschichte erzählen, ist da dieses enge Band der innigen Vertrautheit, das sich in kleinen Details äußert, wie sie die Sätze des anderen ergänzen oder sich sanft am Arm berühren. „Mein und dein gibt es nicht. Das ist unser“, beschreibt Harry Warstat einen Grundsatz ihrer Beziehung. Das sei auch daraus gewachsen, dass sie in den frühen Jahren ihrer Beziehung kaum das Notwendigste hatten. Hunger bestimmte das Leben. Also teilten sie. „Und dann möchte ich noch sagen: gegenseitige Rücksichtnahme“, ergänzt Harry Warstat, der am Freitag seinen 95. Geburtstag feierte. Mit Kaffee und Kuchen im Kreis der Familie: Kinder, Enkel und auch Urenkel haben die Warstats mittlerweile.

„Da gibt es einige Sachen zu erzählen, über die man lachen kann“

Am 13. September 1947 heirateten sie in Ruths Geburtsort Thale. „Das war eine Hochzeit“, erinnert sie sich und lacht. „Alles war geborgt.“ Denn aus der Not eine Tugend zu machen, war damals unumgänglich; so hätten zu ihrem ersten Hausstand auch zwei zu Möbeln umfunktionierte Panzerfaustkisten gezählt, erzählt die Frau in der frischen, in frühlingsfarben gestreiften Bluse. Ähnlich adrett ist ihr Mann gekleidet, in einen grauen Anzug mit fliederfarbenem Hemd, als sie nun auf einer Bank im Garten des Merseburger Pflegeheims Kursana Domizil sitzen, wo sie seit zwei Jahren leben, um der Familie näher zu sein. Und ihre Erinnerungen an die vielen Jahre aufleben lassen, die sie als Ehepaar zusammen lebten. Zunächst in Wernigerode, dann in Winningen bei Aschersleben, wo Harry Warstat eine Anstellung als Lehrer fand. Als Berliner musste er sich an das Dorfleben erst gewöhnen: „Da gibt es einige Sachen zu erzählen, über die man lachen kann“, sagt er. „Kein Auto, kein Bus, keine Bahn“, ergänzt seine Frau. „Nach Aschersleben, 12 Kilometer etwa, zu Fuß oder mit dem klapprigen Fahrrad. Wir sind unsere Kilometer getippelt im Leben.“

Es begann der langsame Aufbau einer Familie und zwei Söhne kamen zur Welt. Einige Jahre später entschloss sich Ruth Warstat dazu, eine Ausbildung zur Laborantin anzufangen: „Dann habe ich hier in Halle im Institut für Zucker- und Stärkeindustrie Lehrgänge gemacht“, sagt sie. Schließlich bekam ihr Mann eine neue Stelle als Chemielehrer an einer Schule in Oschersleben, an der er bis zu seiner Rente unterrichtete. Auch Ruth fand Beschäftigung an einer Zuckerfabrik in der Region.

Die Chemie, sie zieht sich durch die Familie: Der eine Sohn habe selbst Chemie studiert, der andere Mathematik, und auch von den Enkeln hätten „die meisten“ eine chemische Ausbildung ergriffen, erzählt Ruth Warstat. „Aber ansonsten führen wir eine ganz normale Ehe“, ergänzt sie.