Magdeburg l Gabriele H.* sucht nach einem ruhigen Ort zum Reden. Im ersten Café sitzen zu viele Menschen, ein anderes hält keine einsame Ecke parat. 30 Minuten wandert sie durch die Innenstadt, irgendwo im Süden Sachsen-Anhalts. Dann schaut H* erneut durch das Fenster eines Restaurants. Dunkel, fast menschenleer. „Das sieht gut aus“, sagt die 45-Jährige. Sie wirkt rastlos, guckt ab und zu über die Schulter, um sicherzugehen, dass niemand zuhört.

H.* war vier Jahre lang Mitglied einer esoterischen Gruppe, deren Name sie nicht in der Zeitung lesen will. Zu groß sei die Angst, dass der Gründer sie wiedererkennen könnte. Die kleine Gruppe hat deutschlandweit Mitglieder, traf sich ab 2009 vor allem in Hessen und im Harz. Den Gründer der Gruppe hatte sie bereits Jahre zuvor bei einer Weiterbildung kennengelernt. „Ich hatte 2012 persönliche Probleme, war depressiv, so dass ich jeden Strohhalm ergriffen habe. Er meinte, die Gruppe kann mir helfen.“

In einem abgelegenen Gebäude in dem kleinen Ortsteil Heudeber haben die Mitglieder zusammen Zeit verbracht und hielten „geistige Arbeiten“ ab. Wenn H.* versucht, diese Sitzungen zu beschreiben, lacht sie verlegen, unterbricht sich selbst. „Ich weiß, wie absurd das alles klingt“, schiebt sie dann ein. Die Mitglieder stellten sich demnach in Form eines Kreuzes auf, der „Guru“ sprach zu ihnen „und einige gerieten dabei in trance-ähnliche Zustände. Manche Teilnehmer waren nicht mehr sie selbst“, so H.*

Die Sitzungen orientierten sich an den Schriften von Johannes Greber, der den christlichen Spiritualismus geprägt hat, und am Konzept der Seelenrückholung, das von Schamanen praktiziert wird. Im Kern heißt das, die Seele eines Menschen besteht aus mehreren Teilen. Widerfahren einer Person schlimme Erlebnisse, gehen Seelenteile verloren. Nur der Schamane kann sie zurückholen, in diesem Fall der Gruppenanführer – so die vermeintliche Theorie. „Er hat viele Konzepte und Glaubensrichtungen in einen Topf geworfen und daraus seine eigene Version entwickelt“, sagt H.* Am Anfang sei sie demgegenüber aufgeschlossen gewesen. Damit war sie nicht allein.

„Er (der Gründer, Anm. d. Red.) scheint eine charismatische Ausstrahlung zu haben und behauptet, mit Gott in Verbindung treten zu können“, sagt Sabine Riede. Sie ist Leiterin der Informations- und Beratungsstelle Sekten-Info in Nordrhein-Westfalen. Seit 2009 ist die Gruppierung dort bekannt. Ein Vater hatte sich damals bei Riede und ihrem Team gemeldet, weil seine Frau in die Gruppierung geraten war und den eigenen Sohn mitgenommen hatte. Der Gruppenanführer predigte, dass die Welt vor einer Apokalypse stehe. Daraufhin schloss sich die Frau mit ihrem Kind im Keller ein und häufte Vorräte an. Das Jugendamt musste eingeschaltet werden. Insgesamt neun Fälle sind der Beratungsstelle bekannt, vier davon aus Sachsen-Anhalt.

Im Laufe der Zeit besuchte H.* immer mehr Treffen, nicht mehr nur im Harz, sondern auch in Hessen. „Ich habe einfach daran geglaubt, dass mir diese Sitzungen helfen oder wollte es glauben“, sagt sie. Zu den Mitgliedern entstanden enge Bindungen, auch am Telefon hielt der Gruppenführer seine Sitzungen ab. „Ich wurde abhängig und die Gruppe und die Sitzungen waren so etwas wie meine Droge.“ Doch was treibt die selbsternannten Heiler an? „Es gibt zwei Aspekte: Erstens, Menschen an sich binden und zweitens, Geld verdienen“, sagt Riede. Mitglieder empfänden große Dankbarkeit, wenn sie in persönlich schweren Zeiten vom Gruppenanführer getröstet werden. Vertrauen Mitglieder diesem Glaubensmodell erst einmal, ist es schwierig auszusteigen. „Es ist doch alles ist immer so schön, wir gehen alle so lieb miteinander um. Es ist für Betroffene wie eine Traumwelt“, erklärt Riede.

Abstrakte Traumwelt

Für H.* wurde diese Traumwelt immer abstrakter. Es ging in der Gruppe immer öfter darum, die Verbindungen zwischen den Mitgliedern zu zerstören – vorgeblich im Sinne der Heilung. Beeinflussten die Seelenanteile zweier Mitglieder laut Gruppenführer einander negativ, hielt er die Personen voneinander fern. „Das waren dann sogenannte Ansagen von oben“, erinnert sich H.* und schüttelt ungläubig den Kopf. Sogar in Kirchen traf sich die Gruppe. Bei einem Treffen in Hessen reiste ein Mitglied aus Cottbus an. Da aber H.* und die Person nicht in Kontakt kommen durften, wurde die Frau in den Zug gesetzt und durfte sofort wieder zurückfahren. „Diese Abgrenzung wurde immer schlimmer“, erinnert sich H.*, die ihren Unmut darüber mit der Gruppe teilte. „Fortan wurde ich in Sitzungen runtergemacht. Das war emotionaler Missbrauch.“ Auf den Rückfahrten hätte sie öfter Suizidgedanken gehabt. Irgendwann wurde sie von der Gruppe endgültig „verbannt“.

Sobald Kulte oder problematische esoterische Gruppierungen bei Mitgliedern Zweifel am Glaubensmodell wahrnehmen, werden diese ausgegrenzt. H. fiel danach in ein emotional schwarzes Loch. Es war zu tief, um allein herauszukommen. Doch Hilfe beim Aussteigerprozess suchte sie in Sachsen-Anhalt vergebens.

2015 wurde die Förderung für den Kinder- und Jugendschutz, bei der die Informations- und Dokumentationsstelle (IDS) zu neureligiösen und ideologischen Gemeinschaften in Sachsen-Anhalt angegliedert war, eingestellt. „Das Land wollte den Fokus im Kinder- und Jugendschutz stärker auf den Jugendmedienschutz legen“, sagt Pressesprecherin Ute Albersmann vom Sozialministerium. Seitdem gehört die Stelle zum Aufgabenbereich des Verbands „fjp>media“. Der wird jedoch nur bei der Gefährdung des Kindeswohls im Zusammenhang mit religiösem Extremismus aktiv. In allen anderen Fällen informiert der Verband nur Stellen in anderen Bundesländern – wie zum Beispiel die Sekten-Info NRW. Doch die ist ausgelastet und zudem nur für ihr Bundesland zuständig. „Es melden sich durchaus Menschen aus Sachsen-Anhalt bei uns. Leider müssen wir sie abweisen“, sagt Riede. Sie würde sich wünschen, dass es eine derartige Beratungsstelle wie in NRW auch in Sachen-Anhalt gebe. „Jedes Bundesland hat Erziehungsberatungsstellen, Suchtberatungsstellen. Wir geben im sozialen Bereich viel Geld aus – warum nicht auch dafür?“

Das Angebot bestimme in diesem Falle die Nachfrage, sagt Olaf Schütte, Geschäftsführer der Servicestelle Kinder- und Jugendschutz. Laut ihm gab es 2018 nur eine Anfrage, die hätte weitergeleitet werden müssen. Bei Sören Brenner, Weltanschauungsbeauftragter der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, rufen im Durchschnitt ein- bis zweimal pro Monat Betroffene an. Er ist jedoch hauptamtlich Schulbeauftragter und kann die erforderliche Betreuung nebenamtlich nicht leisten. „Es gibt niemanden in Sachsen-Anhalt, der einen Überblick zu allen problematischen Gruppierungen liefern kann“, so Brenner. Es sei zwar gut, dass das Thema an einer Landesstelle wie dem Kinder- und Jugendschutz verankert ist. Eine spezielle Ausbildung im Bereich Sekten und Kulte haben die Mitarbeiter jedoch nicht. „Was die Beratung und das Expertennetz angeht, in diesem Bereich leben wir in Sachsen-Anhalt noch etwas hinter dem Mond“, sagt Brenner.

Ein unüberschaubares Feld an Gruppen hat sich im letzten Jahrzehnt entwickelt. Durch die einfache Vernetzung via soziale Medien sind Kulte und esoterische Gruppierungen kein alleiniges Problem mehr in den alten Bundesländern, wo Volkskirchen eine größere Rolle spielen. „Die Anfragen aus dem Bereich alternativer Heilungsangebote nehmen zu. Das Spektrum reicht hier vom „Wunderheiler“ bis zum „Schamanistischen Heiler“, sagt auch Thorsten Schulz vom Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern, bei dem die Sekteninformationsstelle zugeordnet ist.

Bereits 2014 beklagte Solveig Prass, damals Leiterin des Projektes Beratung und Prävention zu Sekten und Kulten in Leipzig, in einem offenen Brief die Schließung der IDS in Sachsen-Anhalt und machte deutlich: „Die Kollegen der angrenzenden Bundesländer haben keine Ressourcen, Beratungen aus und Prävention in ihrem Bundesland zu übernehmen.“ Bei Gerald Kluge, Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen im Bistum Dresden-Meißen, landeten 2018 fünf Fälle aus Sachsen-Anhalt, unter anderem in Bezug auf die bekannten Gruppen „Scientology“ und „Zeugen Jehovas“. Auf Nachfrage erklärte das Bistum Magdeburg, dass es keinen Ansprechpartner für Betroffene gebe, sie könnten sich jedoch an das Ordinariat wenden.

Für H. waren die ersten Monate nach dem Ausstieg besonders kräftezehrend. Einkaufen fahren, Zeit mit ihrer Familie verbringen, all das sei kaum möglich gewesen. „Es dreht sich alles im Kopf um diese Gruppe“, sagt sie. An den Feiertagen hat sie sich ein Notfall-Paket in Form von Lektüre und mutmachenden Botschaften geschnürt. „Diese Tage waren für die Gruppe immer besonders wichtig. An den Weihnachtsfeiertagen oder an Pfingsten und Ostern, immer haben wir uns getroffen.“ Auf der Suche nach Hilfe hat H. fast jeden Weltanschauungsbeauftragten in Deutschland kontaktiert. „Im Ergebnis wurde ich in den meisten Fällen immer weitergereicht.“

Das hätte sich besonders am Anfang so angefühlt, als würde man seinen Glauben zweimal verlieren. Erst in einen Menschen, den man dachte zu kennen, und dann in die Kirche selbst. Der christliche Glaube war bei H. schon immer tief verankert. Die fehlende Hilfe beim Prozess des Ausstiegs jedoch ließ sie oft an ihrem Glauben zweifeln. In Hessen bat sie einen Pfarrer um Rat. Der antwortete, er könne ihr nicht helfen, sie sei doch selbst schuld. „Das hat mich schockiert“, sagt H.

In der Nähe des kleinen Ortes, in dem sie lebt, sind Psychologen rar und Psychologen mit Sektenerfahrung kaum vorhanden. Deshalb steht H.* nun auf einer Warteliste, geschätzte Wartezeit bis zum Therapiestart: eineinhalb Jahre. „Mir geht es besser als vor zwei-einhalb Jahren, aber ich fühle mich immer noch so, als würde ich in einem Boot ruderlos auf dem Meer treiben.“

*Der Name ist der Redaktion bekannt.

Betroffene, die über ihre Erfahrungen reden wollen, können sich an maria.kurth@volksstimme.de wenden.