Güsten l Auf den ersten Blick ist es ein Morgen wie jeder andere im beschaulichen Güsten. Nur zögernd erwacht die 4000-Einwohnerstadt im Salzlandkreis am Montag aus den Nebeln des Wahlabends zum Leben. Von einem politischen Erdbeben, das Beobachter nach dem Einzug der rechtspopulistischen AfD am Sonntagabend in den Bundestag diagnostiziert hatten, ist hier wenig zu spüren. In Güsten bebt nichts. Dabei gehört die Stadt zu den Epizentren des Wahlschocks nach der Bundestagswahl.

Jeder Vierte hat AfD gewählt

26 Prozent haben den Rechtspopulisten hier am Sonntag zur Bundestagswahl ihre Stimme gegeben. Den ersten Platz musste die AfD mit einem Rückstand von 0,2 Prozent nur der CDU überlassen. Am Hauptreffpunkt im Ort, dem Edeka-Markt, schieben ältere Leute ihre Einkaufswagen in die Verkaufsstelle. Auf die Wahl angesprochen winken die meisten ab. „Interessiert mich nicht“, „Dazu will ich nichts sagen“, heißt es meist. Wenn sich jemand äußert, dann nur ohne Namen. In der Zeitung erscheinen und dann noch zum Thema AfD – das wollen die wenigsten.

Anders Elke Siewert, die am Supermarkt einen Restpostenhandel betreibt. „Ich bin nicht schockiert, ich finde das Wahlergebnis toll“, sagt die 58-Jährige trotzig und lehnt sich mit verschränkten Armen zurück, als erwarte sie Widerspruch. Die stämmige Frau mit kurzem Haar und rot gefärbtem Pony kann ihre Abstimmung begründen: „Das war eine reine Protestwahl“, sagt sie. Früher habe sie aus Überzeugung die Linke gewählt.

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Der Frust sitzt tief

Inzwischen aber hätten alle etablierten Parteien die eigenen Leute im Stich gelassen. Stattdessen kümmerten sie sich nur noch um die „Neubürger“. Die bekämen mehr als so mancher deutsche Rentner, der jahrzehntelang in die Sozialsysteme eingezahlt habe.

Mit den Neubürgern meint die Güstenerin die Flüchtlinge. Das sagt sie auf Nachfrage auch deutlich. Dabei sei sie nicht ausländerfeindlicht, betont sie. Man darf ihr das glauben. Seit 20 Jahren ist die 58-Jährige mit einem Pakistaner verheiratet. Auch jetzt sitzen Zuwanderer in der Runde um den Tisch.

Es funktioniere aber eben nicht, dass alle nach Deutschland kommen. „Wir können doch nicht die ganze Welt retten“, sagt Siewert. Eine Freundin, die neben ihr an einem Kaffeebecher nippt, nickt ihr zustimmend zu. „Ich habe die Linke gewählt, kann sie aber verstehen“, sagt die Rentnerin, die ungenannt bleiben will. Bald wird klar: Der Frust sitzt tiefer, es geht hier längst nicht nur um Flüchtlinge.

Bürgermeister schockiert

Sie selbst komme nur über die Runden, weil sie auch im Alter einem Nebenjob nachgehe, sagt die Frau. „Genau das meine ich“, stimmt Siewert erneut ein und erzählt nun von ihrem Sohn. Der arbeite schon seit drei Jahren bei einer Leiharbeitsfirma und werde ständig von einem Arbeitsplatz zum nächsten verschoben. Sobald eine Festanstellung fällig sei, werde dem jungen Mann zuverlässig gekündigt.

Ein paar hundert Meter weiter im schick sanierten Rathaus macht sich Helmut Zander seine eigenen Gedanken über das Wahlergebnis. Der langjährige Ortsbürgermeister hatte schon damit gerechnet, dass in Güsten viele für die AfD stimmen würden. „Dass es so viele geworden sind schockiert mich aber trotzdem“, räumt der kräftige Mittsechziger ein. Erstaunt ist Zander über das Ergebnis vor allem, weil es in Güsten so wenige Flüchtlinge gibt. Ganze 59 leben auf dem Gebiet der Verbandsgemeinde Saale-Wipper zu der Güsten gehört. Bei rund 10.000 Einwohnern entspricht das einem Anteil von gerade mal 0,6 Prozent.

Sorgen nicht entkräftet

Trotz der Zahlen glaubt auch der SPD-Mann den Grund für das Wählerverhalten bereits ausgemacht zu haben. „Es ist uns nicht gelungen, die Sorgen der Leute in der Flüchtlingsfrage zu entkräften“, sagt er. Dieses Thema habe im Wahlkampf alle anderen überlagert. Da nütze es auch wenig zu sagen: „Aber wir haben doch die Kindergärten so schön saniert.“

Die Agenda für die nächsten Jahre steht für den Bürgermeister dann auch fest: „Wir müssen den Leuten bis zur nächsten Wahl klarmachen, dass sie im Speziellen bei uns keinerlei Nachteile wegen der Zuwanderung zu befürchten haben“, sagt er.

Problem Strukturwandel

Doch liegt der Wahlerfolg der AfD nicht vielleicht auch in den Umbrüchen infolge der Wiedervereinigung begründet? Immerhin hat die AfD im wohlhabenderen Westen und in den dynamischen Großstädten meist deutlich schlechter abgeschnitten. „Nein“, glaubt Zander. „Das hat damit nichts zu tun.“ Es gebe ein großes Türenbau-Unternehmen im Ort, die Schulstandorte seien gesichert. Die Botschaft: Güsten geht es insgesamt gut.

Tatsächlich teilt die Gemeinde dennoch das Schicksal vieler Kommunen im Osten. Nach der Wende verlor die Stadt mit dem Bahnbetriebswerk ihren größten Arbeitgeber mit fast 2000 Beschäftigten. Wie viele andere Kleinstädte hat Güsten heute sichtbar mit Leerstand zu kämpfen. In der Stadt sind mehrheitlich ältere Menschen unterwegs.

Die Leute auf der Straße schmerzt der Verlust ihrer einst intakten Heimat. Um von der AfD auf die Kommunalpolitik zu kommen, brauchen zwei Frauen am Edeka-Markt gerade eine Minute. „Früher hatten wir hier ein Kino und ein Schwimmbad“, sagt eine. Jetzt sei alles zu. Wer tut denn noch was für die jungen Leute oder uns Ältere?“, fragt sie.

Menschen ohne Chance auf Aufstieg

Am Ende ist es wohl doch eine Mischung aus unterschiedlichsten Gründen, die die Güstener zu AfD-Wählern werden ließ. Am Springbrunnen der Stadt sitzt mit Michael Hellmuth ein junger Mann, der unübersehbar als Punk zu erkennen ist. Das Ergebnis sei erschreckend, überrasche ihn aber nicht, sagt er gleichgültig und setzt seine Bierflasche zum Trinken an. „Alle versprechen immer irgendwas, tatsächlich aber läuft alles schief.“ Hellmuth hat seine eigenen Schlüsse gezogen. „Ich gehe nicht mehr wählen“, sagt er.

Inzwischen ist es Mittag geworden. Am Bäcker im Supermarkt gönnen sich einige Besucher eine Pause. Einer kommt ins Reden, stellt sich als Polizist heraus: „Viele wählen die AfD, weil sie mit ihrem eigenen Leben unzufrieden sind oder erleben, dass sie trotz harter Arbeit weniger bekommen als andere“, sagt er. Eine Lösung hat auch dieser Güstener aber nicht. „Ich bin nur froh, dass ich verbeamtet bin“, sagt er und presst die Lippen zusammen.

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