Magdeburg/Berlin l Seit 30 Jahren schon teilen die Deutschen Autos. Die Idee: In der Zeit, in der ein Fahrzeug ungenutzt am Straßenrand steht, kann es genauso gut ein anderer benutzen. Und wer teilt, der schont auch die Umwelt. Am Anfang standen die Vereine oder Genossenschaften. Deren Mitglieder vereinbarten untereinander, wer die vorhandenen Autos wann zum Wochenendausflug oder zur Fahrt in den Baumarkt in Anspruch nehmen darf.

Inzwischen gibt es in Hunderten Städten und Gemeinden in Deutschland Carsharing-Anbieter, die mit unterschiedlichen Varianten des Teilens arbeiten. Es gibt feste Stationen zur Abholung oder sogenanntes Free-Floating. Dabei kann das Auto irgendwo im Nutzungsgebiet geparkt werden. Verbreitet vor allem in größeren Städten oder Ballungszentren. Gängiges Prinzip inzwischen: Die Fahrzeuge können per Smartphone geortet und gebucht werden.

Privat verleihen und Geld verdienen

Edgar Scholler setzt mit mit seinem in Berlin ansässigen Start-up Getaway auf das Prinzip Privat-zu-Privat. Nutzer können ihr eigenes Auto an jemanden anderen verleihen und damit Geld verdienen. Wer verleiht denn seinen eigenen Wagen?, könnte man da fragen. Offensichtlich gar nicht so wenige: Das Unternehmen Drivy, nach eigenen Angaben Marktführer bei der Privat-zu-Privat-Vermietung in Europa, hat 50.000 Autos im Angebot, davon 6000 in Deutschland. Mehr als zwei Millionen Nutzer sind europaweit registriert.

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Getaway wächst noch. Etwas über 100 Fahrzeuge sind deutschlandweit buchbar. Mut macht eine Ford-Studie von 2016. Demnach wäre beinahe jeder Zweite bereit, einer fremden Person sein Gefährt gegen eine Gebühr zu vermieten.

In der Vox-Sendung „Höhle der Löwen“ gab es für den Magdeburger Edgar Scholler und seine Idee vor einem Jahr dennoch keinen Deal. Die „Löwen“ winkten ab. Für den 32-Jährigen im Rückblick kein Problem. „Wir wollten bekannter werden. Und die Nutzerzahlen sind nach der Show nach oben gegangen. Das zählte für uns“, sagt Scholler. In Städten wie Hamburg, Essen oder Fürth ist Getaway bereits verfügbar. In diesem Jahr sind Pilotprojekte auch in Stadtrandgebieten und im ländlichen Raum an den Start gegangen. In Berlin ist der „Fuhrpark“ am größten. Auch die Nutzer können sich schon sehen lassen. 13.800 Nutzer sind bei Getaway aktuell angemeldet.

Im Städteranking noch hinten dran

In Magdeburg wiederum ist das Angebot noch ausbaufähig. Die App zeigt in Schollers Heimatstadt lediglich fünf Fahrzeuge an. Bei knapp 110.000 gemeldeten Autos in der Landeshauptstadt sieht der Getaway-Chef indes Potenzial. Seine Vision: Noch mehr Autobesitzer von den Vorzügen zu begeistern, den Pool der verfügbaren Autos nach und nach zu vergrößern und damit die parkenden Blechkolonnen effizienter zu nutzen. Fahrzeuge, die die meiste Zeit des Tages herumstehen, könnten denen zugute kommen, die spontan mobil sein wollen, aber kein eigenes Auto besitzen. Das würde in der Konsequenz das Verkehrsaufkommen reduzieren und die Umwelt schonen, so Scholler. In Sachsen-Anhalt ist das Auto-Teilen allgemein noch nicht so hip wie in anderen Bundesländern. Im Carsharing-Städteranking von 2017 belegt Halle mit 0,5 Carsharing-Fahrzeugen je 1000 Einwohner immerhin Platz 26, Magdeburg ist auf Rang 60 (0,15) und Dessau-Roßlau auf Platz 116 (0,05). Insgesamt wurden 144 Städte erfasst. Ganz oben landet Karlsruhe (2,71 Autos je 1000).

Was nicht heißt, dass nicht auch hierzulande bereits viele Anbieter um Kunden buhlen. Das größte Angebot hat teilAuto. 1992 in Halle als ökologisch orientierter Verein gegründet, hat teilAuto in Sachsen-Anhalt mittlerweile 3800 registrierte Nutzer, die unter 120 Fahrzeugen an 80 Stationen wählen können. Die Fahrer können die Fahrzeuge über eine App orten und an festgelegten Standorten übernehmen. Im Stadttarif gibt es keine Grundgebühr, die Mietgebühr beträgt ab 1,90 pro Stunde. 23 Cent werden je Kilometer fällig. Laut Sprecherin Franziska Wilhelm sei bei den Nutzerzahlen ein „sanfter Anstieg“ zu verzeichnen. Neuerdings sind auch fünf E-Autos in Magdeburg und Halle im Einsatz.

Bei Flinkster, dem Carsharing-Angebot der Deutschen Bahn, sind in den vergangenen fünf Jahren ebenfalls Nutzer hinzugekommen. Von 1650 ging es hoch auf 4450. Fahrzeuge stehen laut Bahn-Sprecher an 111 Stationen zur Verfügung. Flinkster kooperiert mit anderen Anbietern. Ein Teil der 164 Autos umfassenden Flotte bilden beispielsweise 31 Fahrzeuge von teilAuto, die Flinkster-Kunden ebenso nutzen dürfen. In Halle kooperiert Flinkster mit JEZ! Mobil. Buchbar sind dort 40 Fahrzeuge.

Etwas Vorlauf nötig

Zudem gibt es im Land Anbieter wie Drivy mit 80 Fahrzeugen oder snappcar, wo keine Zahlen zu bekommen waren. Das Prinzip dort ist ähnlich zum Start-up von Edgar Scholler. Privatpersonen vermieten ihre Autos zu bestimmten Zeiten. Der Nachteil: Mitunter braucht es einigen Vorlauf, um das passende Auto zu finden. Der Besitzer muss die Anfragen bestätigen. Häufig ist noch die persönliche Schlüsselübergabe vonnöten. Wie bei großen Anbietern wie car2go, können die Fahrzeuge über das gesamte Stadtgebiet – oder sogar auf dem Land – angemietet werden. Zurückgegeben werden müssen sie aber am Leihort. Eine Übersicht über die Standorte lässt sich via GPS mit der Smartphone-App gewinnen. Schollers Getaway macht die Verabredung mit dem Besitzer des Autos überflüssig. Der Autobesitzer lässt in seinem Fahrzeug einmalig eine Telematik-Einheit und die Box für Schlüssel und Tankkarte einbauen. Wer die App installiert, fotografiert seinen Führerschein, der wird geprüft, der Nutzer kann losstarten. Sollte ein Unfall passieren – sind die Getaway-User versichert.

Das Fahrzeug wird bei der Abholung einfach mit dem Smartphone geöffnet. Im Auto liegen Schlüssel und Tankkarte dann bereit. Abgerechnet wird per Kilometer. Kostenpunkt: 30 bis 80 Cent. Die Zahlung erfolgt per Kreditkarte. Wer vom Magdeburger Hasselbachplatz einen Abstecher zu Ikea und zurück unternimmt, würde für die Strecke von 14 Kilometern 11,20 Euro zahlen (bei 80 Cent je Kilometer). Das Auto muss im Umkreis von 250 Metern des Abholorts wieder geparkt werden.

Der Vorteil dieser Privat-zu-Privat-Anbieter: „Wir lassen nicht extra Autos produzieren, sondern nutzen die vorhandenen Ressourcen“, sagt Scholler. Dass sich das Angebot auch in seiner Heimatstadt herumspricht und das Fahrzeug-Netz dichter wird, daran arbeitet der gebürtige Ottersleber.

Getaway sammelt frisches Kapital ein

Mit der Stadt kooperiert er bereits, mit anderen Kommunen will er ins Gespräch kommen. Denn: In ländlichen Regionen könnte Carsharing zunehmend eine Option darstellen, um mobil zu werden. Experimentierfeld Nummer eins für Schollers Unternehmen ist indes Berlin. Dort hat der 32-Jährige, der Kommunikationswissenschaften und BWL studiert hat, vor einigen Tagen den Deutschen Mobilitätspreis 2018 erhalten. Von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer wurden zehn Projekte gewürdigt, die sich nachhaltiger Mobilität verschreiben. „Sehr stolz“ sei er über diesen Preis, sagt Edgar Scholler. Auch die Finanzierung seines Unternehmens ist kürzlich weiter gesichert worden. Mit Eigenkapital gestartet, hat Scholler nun zum zweiten Mal frisches Geld einsammeln können. Mit einem siebenstelligen Betrag beteiligten sich das Energieunternehmen Innogy und zwei weitere Investoren.

Und die „Löwen“? Die haben ihre Chance verpasst. Wie es mit Getaway weitergeht - sie können es aus der Ferne beobachten.