Magdeburg l Ist sie das wirklich? Die erste Begegnung mit Lou Beyne in der Kantine des Magdeburger Theaters lässt durchaus Zweifel zu: Auf den Brettern, die für sie die Welt bedeuten, wirkt die Französin groß und sehr präsent. Doch in natura ist die 26-Jährige klein, zierlich und schüchtern. Es ist der Primaballerina so ungesehen abzunehmen, dass sie es vermag, federleicht über die Bühne zu schweben - getragen von Anmut und Grazie. Die personifizierte Leichtigkeit des Seins.

Etwas schwerer fällt es indes beim Anblick der schlanken Frau und der halbvollen Wasserflasche auf dem Tisch zu glauben, dass sie „gerne gut“ isst. Dabei lässt sie sich mit Vorliebe von ihrem kanadischen Freund Adam Reist, ebenfalls Tänzer am Magdeburger Theater, bekochen oder sich nach einem harten Arbeitstag mit Schokolade belohnen.

Acht Stunden Probe jeden Tag

Lou Beyne, seit 2011 Mitglied der Magdeburger Ballett-Kompanie und seit 2016 Erste Solotänzerin, sieht blass aus und müde. Und das ist sie auch, wie sie in der ihr willkommenen Atempause zwischen den Proben zugibt. Seit Januar arbeitet sie mit der Kompanie unter der Leitung von Ballettdirektor Gonzalo Galguera auf die Raymonda-Premiere hin – ein klassisches Ballett in drei Akten. Das bedeutet bis auf sonntags acht Stunden knochenhartes, schweißtreibendes Training täglich. Und mindestens ein Paar durchgetanzte Spitzenschuhe in der Woche.

„Ich schlafe zurzeit sehr schlecht und auch viel zu wenig“, macht die Französin kein Geheimnis daraus, dass ihr Traumberuf nicht nur schöne Seiten hat, sondern auch kalorienfressender Hochleistungssport ist und Leiden schafft. Physische wie psychische. Und so sind derzeit blutige Blasen, Hühneraugen und blaue Zehen an den Füßen oder ein schmerzender Rücken genauso Alltag wie permanente Kopfarbeit. Selbst wenn sie irgendwann abends nach einem entspannenden Vollbad und einem Gläschen Wein todmüde ins Bett fällt, dann tanzt sie weiter: „Wenn ich die Augen zumache, bin ich Raymonda und bewege mich zur Musik über die Bühne. Ich denke sehr viel und intensiv über die Rolle nach und bin emotional aufgewühlt, liege stundenlang wach.“

Starker Hang zum Perfektionismus

Seit sie das erste Mal die „unfassbar schöne“ Musik von Alexander Glasunow gehört und das Libretto von Lidia Pashkova und Marius Petipa verinnerlicht hat, taucht die Wahlmagdeburgerin in Raymondas Welt ab. Immer wieder und mit jedem Tag tiefer. „Ich muss verstehen, was die Geschichte ist, um sie auf der Bühne erzählen zu können.“ Nur die vollständige Identifikation mit der Figur macht es ihr möglich, deren Persönlichkeit und Eigenschaften in Bewegung und Tanz auszudrücken, betont die Primaballerina.

Die letzten zwei, drei Wochen waren besonders für den Kopf schwierig, gesteht sie. Da musste sie noch „Die Wahlverwandtschaften“ tanzen, konnte aber eigentlich an nichts anderes mehr denken als an die neue Rolle. Tag und Nacht ein Schwanken zwischen Euphorie und Niedergeschlagenheit, sagt sie. Denn in die pure Vorfreude auf ihre Traumrolle mischten sich immer wieder mal Selbstzweifel, nicht gut genug zu sein: „Ich bin eine Perfektionistin und stehe mir damit oft selbst im Weg.“ Zu der hochsensiblen Künstlerseele kommt noch das Lampenfieber vor der Uraufführung: „Ich bin voller Adrenalin, nervös, aufgeregt und habe Angst zu versagen“, lässt Lou Beyne die Ballett-Fans an ihrer Gefühlswelt der letzten Tage teilhaben.

Dass die Pariserin diesen Meilenstein ihrer Karriere auf Spitzen überhaupt erreichen würde, war lange Zeit nicht abzusehen, denn sie ist eher eine „Spätstarterin“. Zwar wurde ihr die künstlerische Ader vom Vater, einem Bildhauer, in die Wiege gelegt, dennoch begann Lou Beyne erst mit zehn Jahren mit dem Ballett – anfangs einmal, später dreimal die Woche. „Vom ersten Moment an war das meine Welt, ich lebte meinen Traum.“ Mit 15 Jahren wechselte sie an eine professionelle Ballettschule. „Ich ging jeden Tag nach der Schule zum Training, um das aufzuholen, was die anderen mir voraushatten.“ Irgendwann gewann sie das Hase-und-Igel-Rennen und gehörte schließlich zu den Besten und gewann sogar Preise.

Dennoch traute sie sich nach dem Abitur nicht, ganz auf die Karte Profitänzerin zu setzen. Beyne studierte zunächst Philosophie, blieb weiter dem Ballett treu. Beides unter einen Hut zu bekommen, war aber schwierig. Die Liebe zum Spitzentanz war letztlich stärker, sodass mit 18 Jahren die Entscheidung fiel, Ballerina zu werden: „Meine Eltern standen voll hinter mir. Von da an steckte ich meine ganze Energie ins Ballett, viele Stunden am Tag. Und ich ging immer wieder zum Vortanzen.“

Magdeburg war genau das, was sie suchte

Mit Erfolg: 2010 wurde Lou Beyne in die Kompanie des Ballett Zürich aufgenommen. Aber glücklich machte sie das nicht. „Ich habe mich nicht so wohl gefühlt. Die Kompanie Zürich war mit 60 Tänzern sehr groß. Es herrschte eine strenge Hierarchie und der Konkurrenzkampf war echt brutal.“ Und die junge Ballerina nicht der Typ, der sich einen Platz in der ersten Reihe mit Ellenbogen erkämpft.

Ein Freund berichtete ihr von Nuriá Salado. Die tanzte am Magdeburger Theater und schwärmte, dass dort das Repertoire sehr klassisch sei und die Kompanie mit 20 Tänzern relativ klein sei. So bekomme man immer eine Chance, etwas Interessantes, Anspruchsvolles zu tanzen. Das war genau das, wonach die ambitionierte Ballerina suchte und was ihrem Profil entsprach. Sie wagte ein Vortanzen. Allerdings, die damals 19-Jährige war nicht die Einzige. 500 waren es insgesamt, aber nur zwei Tänzerinnen sollten engagiert werden. „Ich dachte mir: Oh, das wird schwer, aber da muss ich durch: Ich will das schaffen, die Beste sein!“

Und tatsächlich habe sie einen Vertrag bekommen und entschieden, ihn auch anzunehmen: „Ich war begeistert von der Atmosphäre im Ballettsaal. Da war so viel positive Energie und Gonzalo trieb mich bereits das ganze Vortanzen über an und fordert mich, mehr zu geben, besser zu sein. Das hat mir gefallen.“

Ihr Ja zu Magdeburg hat Lou Beyne nie bereut, auch wenn ihr auf dem Weg zum Primaballerina-Thron beileibe nichts geschenkt wurde. Doch jede Rolle, war sie anfangs auch noch so klein, jede dritte oder zweite Besetzung brachte sie ihrem Ziel, ihr Bestes zu geben, ein Stückchen näher. Mehr und mehr bewegte sie Magdeburg und Magdeburg sie: „Hier habe ich die Chance bekommen, viele interessante Charaktere und Partien zu tanzen. So konnte ich viel lernen, mich stetig weiterentwickeln. Gonzalo Galguera fördert und fordert uns Tänzer. Dass er zum Teil nur für uns choreografiert, die Rollen uns auf den Leib schneidert, das ist schon etwas ganz Besonderes.“

2014 gab es das erste große Achtungszeichen von Lou Beyne: Sie erhielt den Preis des Fördervereins Theater Magdeburg. Zwei Jahre später hatte sie es geschafft, sie bekam einen Vertrag als Erste Solistin. Bei „La Sylphide“ tanzte sie erstmals als Primaballerina die Titelrolle. Es folgten viele weitere, mit der Lou Beyne sich in die Herzen der hiesigen Ballett-Fans getanzt hat. Sie war u. a. das Opfer in „Le Sacre du Printemps“, die Marie in „Der Nussknacker“, die Swanilda in „Coppélia“ oder die Medora in „Le Corsaire“. Die Aurora in „Dornröschen“ wurde zu ihrer Paraderolle.

Und nun also ist sie die Raymonda. Und diese Rolle ist in ihren Augen das Nonplusultra des klassischen Balletts: „Ich mag Liebesgeschichten und verkörpere gerne starke Frauen.“ Die Rolle der Raymonda sei allerdings besonders schwierig. Eine riesige Herausforderung und Schwerstarbeit für die Füße, weil Beyne nahezu die ganze Zeit über auf der Bühne präsent ist. Volle Konzentration und Körperspannung vom großen Zeh bis in die Fingerspitzen.

Mit 26 Jahren reif für die Rolle

Der facettenreichen Rolle, der Variabilität in Technik und Ausdruck und dem permanenten Druck sieht sich Lou Beyne, die inzwischen recht passabel deutsch spricht, erst jetzt mit 26 gewachsen: „Vor zwei Jahren hätte ich mir die ,Raymonda‘ noch nicht zugetraut. Aber jetzt ist es okay. Ich bin erfahren genug und reif für diesen Schritt.“ Sie habe das Gefühl, es ist das richtige Ballett zum richtigen Zeitpunkt. „Alles, was ich bis jetzt gelernt habe, baut aufein-ander auf und gipfelt nun in dieser klassischen Rolle. Das ist unfassbar schön für mich, die Erfüllung eines Traums.“

All die Mühen und Qualen, die geschundenen Füße, die aussehen „wie die Füße einer alten Oma“, all das Streben nach Vollendung waren es wert, urteilt Magdeburgs Primaballerina rückblickend auf die letzten 14 Wochen. Erst recht nach dem ersten Durchlauf vor neun Tagen, als das Ballett das erste Mal komplett durchgetanzt wurde. Seitdem ist sie ruhiger. Sicherer. Zufriedener, wie sie sagt. Ein sicheres Zeichen dafür, dass sie ihren eigenen, extrem hohen Ansprüchen, aber auch denen von Ballettdirektor Galguera gerecht werden kann und sie die Titelfigur „drauf hat“, wie es so schön heißt.

Die Leichtigkeit des Seins ist zurück, Lou Beyne und Raymonda sind ineinander verschmolzen, sie sind eins. Die Premiere kann kommen!