Leipzig l Susann Jaensch strahlt, wenn sie an die in zwölf Tagen beginnende Buchmesse denkt. Sie zieht dann mit dem Verlag Buch für die Frau vom angestammten Sitz im Haus des Buches in die Messehallen. „Für uns ist die Messe ein Heimspiel. Unsere Teilnahme ist ein Muss“, sagt die Marketingfrau des fünfköpfigen Unternehmens beim Treffen des Börsenvereins in dieser Woche in Leipzig. Zahlreiche Verleger aus dem mitteldeutschen Raum waren der Einladung gefolgt.

Viele von ihnen reden vom Heimspiel. Auch Harry Ziethen. Den Verleger aus Oschersleben muss man nach dem Warum seines Messeauftritts nicht extra befragen. Dass er seit 1992 mit den von ihm herausgegebenen Büchern in Leipzig präsent ist, seit 1995 mit eigenem Stand, sagt schon alles über die Rolle dieses Frühjahrstreffens. „Wo sonst werden so viele Menschen auf unser Programm aufmerksam“, sagt Ziethen und meint das nicht als Frage, sondern als Feststellung.

Immer wieder Besucherrekorde

Auch für den Militzke-Verlag, ein fünf Mitarbeiter zählender Schulbuchverlag mit Sitz in Magdeburg, ist die Messe ein Muss. Geschäftsführer Michel Wolf erinnert an 1991 und an den Kleinststand im alten, engen Messehaus am Markt. „Wir haben auf dem Messegelände beste Bedingungen für unsere Fortbildungsveranstaltungen“, sagt er. Sie finden im Kongresszentrum statt. Wolf: „Für uns ist die Leipziger Buchmesse sogar wichtiger als die Schulbuchmesse Didacta.“

Immer mehr Besucher strömten in den vergangenen Jahren in die Messehallen an der A 14. Man eilte von Rekord zu Rekord. Jener von 2017 mit 285  000 Besuchern steht in den Büchern. Im vergangenen Jahr sollte die Zahl eigentlich noch einmal getoppt werden, doch das Wetter mit Schnee auf den Straßen und vereisten Zugweichen machte den Organisatoren dann einen kleinen Strich durch die statistische Rechnung. Doch auch wagemutige Straßenverhältnisse vor allem am wichtigsten Tag der Messe, dem Sonnabend, hatte den Massenandrang nur mäßig gestoppt.

Jana Krimmling vom Mitteldeutschen Verlag aus Halle, der alljährlich mit einem gestalterisch anspruchsvollen Stand auf sich aufmerksam macht, weiß um das Arbeits-pensum zur Messe, aber eben auch die für ihr Haus so wichtige Resonanz. Was gefällt und kommt an, was eher nicht? Um ganz nah am Leser zu sein, stemmt der Verlag auch 40 Veranstaltungen beim Lesefestival „Leipzig liest“ – eine stattliche Zahl.

In Frankfurt geht es um Lizenzgeschäfte

Es gibt Lesungen und Gespräche mit Autoren wie Marco Organo, Simone Trieder und Hans-Joachim Maaz auf dem Messegelände, in der Innenstadt von Leipzig, auch in der Verlagsheimat Halle. Die Stadt nutzt zum wiederholten Mal die Nähe zur Buchmesse und feiert selbst das Lesefest „Halle liest mit“, das schon am 14. März beginnt und zu 35 Lesungen mit 50 Autoren einlädt.

In Halle hat auch der Hasenverlag seinen Sitz. Dessen Geschäftsführer Peter Gerlach nimmt vier neue Titel aus der Reihe Mitteldeutsche Kulturhistorische Hefte mit nach Leipzig, zudem Ausstellungskataloge wie jenen zur Grand Tour des Künstlers Moritz Götze, der einst den Verlag mitgründete. Seit 2006 ist der Hasenverlag mit einem eigenen Stand auf der Buchmesse.

„In Frankfurt geht es um Lizenzgeschäfte, in Leipzig um das Publikum. Hier ist man ganz nah am Leser dran“, sagt Gerlach, der wie die meisten mitteldeutschen Verlage in Frankfurt nicht präsent ist. Vor allem der hohen Messekosten wegen, die Kleinverlage nicht stemmen können. Wie Gerlach erzählt, wäre er auf der größten Buchmesse der Welt dabei, wenn denn – wie im Moment mit dem Wirtschaftsministerium besprochen – Sachsen-Anhalt mit einen Gemeinschaftsstand vertreten wäre. Gerlach: „Literatur ist auch ein Wirtschaftsfaktor.“

Unabhängige Verlage gründen Buchhandlung

Die Verlagslandschaft in Mitteldeutschland nimmt sich bescheiden aus. Die meisten Verlage haben zwei, drei Mitarbeiter. Werbeetats sind sehr überschaubar. Die Großen haben auf dem hart umkämpften Markt das Sagen, drängen als übermächtige Konkurrenz auf die Büchertische in den überregionalen Buchketten wie Hugendubel und Thalia. „Die unabhängigen, kleinen Verlage haben es schwer, in die Buchhandlungen zu kommen“, sagt Nora Milenkovic, Geschäftsführerin des Deutschen Börsenvereins für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

In Dresden gehen unabhängige Verlage einen neuen Weg. Sie schlossen sich zusammen und gründeten im August 2018 die Buchhandlung „Shakespeares Enkel“. Im Angebot: Die eigenen Produkte.

Wie der cass Verlag aus dem thüringischen Bad Berka, der von zwei Japanologen geführt wird und japanische Belletristik und Kriminalliteratur herausbringt. Alle würden Murakami kennen, aber es gebe so viele preisgekrönte Schriftsteller, die bei uns keiner kennt, sagt Verlegerin Katja Cassing.

Kleine Verlage besetzen Nischen

Der Hasenverlag greift kulturhistorische Themen Mitteldeutschlands auf, der Domowina Verlag sorbische Literatur, der Leipziger Universitätsverlag ist ein akademischer Verlag, der mit 60 Neuerscheinungen aufs Messegelände zieht. Der Rhino Verlag aus Ilmenau hat große Jubiläen im Programm: 100 Jahre Bauhaus, 30 Jahre Mauerfall, 200 Jahre Fontane, der Verlag Kirchschlager aus Arnstadt setzt auf authentische Fälle der Kriminalgeschichte. Dessen Verleger Michael Kirchschlager, der im nächsten Jahr 25 Jahre Verlagsgründung feiert, wirbt zum zehnten Mal auf der Buchmesse. Warum reist er alljährlich nach Leipzig? „Hier lebt unser Zielpublikum. Hier sind unsere Kripo-Leute im Einsatz.“ Auch er weiß, wie wichtig es ist, werben, werben und nochmals werben zu können. Das Buch müsse vom Kunden entdeckt werden.

Milenkovic bezeichnet Leipzig als „Haus- und Hofmesse“. 100 Verlage aus Mitteldeutschland stellen ihr Programm vor. Die Börsenvereins-Chefin spricht trotz aller Schwierigkeiten von einer stabilen Situation. Sorge bereitet Verlegern vor allem die Insolvenz des Zwischenbuchhändlers KNV, über den das Buch den nächsten Tag im Laden ist. Es geht um ausstehendes Geld, aber auch um die schnelle Lieferung und die Frage, wie es denn weitergehen wird. Der Börsenverein lud gestern seine Mitglieder zum beratenden Gespräch mit Rechtsanwälten und dem Insolvenzverwalter.

Diese Sorge dämpft die Stimmung. Die Hoffnungen liegen auf der Buchmesse. „Nirgendwo sonst kann unser Verlag so viele Buchhändler und Leser erreichen wie auf dieser Messe“, sagt Susann Jaensch. Am 21. März beginnt -für sie und ihre Kollegen das Heimspiel.