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Bundessieger Matheolympiade Die Magie der Mathematik - Magdeburger von Zahlen begeistert

Beweise: Für alle natürlichen Zahlen a, b und c mit a 2 + b 2 = c 2 ist a · b · c durch 60 teilbar. Hä? Wiebitte? Wo die meisten abwinken, fängt für Michael Wagner der Spaß erst richtig an. Der 14-Jährige vom Magdeburger Siemens-Gymnasium ist frisch gekürter Bundessieger der Matheolympiade. Ihn ziehen Zahlen sogar in den Ferien magisch an.

Von Janette Beck 11.07.2023, 21:59
Der Meister der Zahlen: Michael Wagner liebt es, neue und vor allem herausfordernde Mathe-Aufgaben zu lösen.
Der Meister der Zahlen: Michael Wagner liebt es, neue und vor allem herausfordernde Mathe-Aufgaben zu lösen. Foto: Janette Beck

Magdeburg/Jessen - Die 8. Klasse abgehakt, ein „passables Zeugnis“ in der Hand – endlich Ferien! Auch Michael Wagner jubelt. Der 14-Jährige hat sein Zimmer im Wohnheim in Magdeburg geräumt und lässt es sich in Jessen bei Mama und Papa gutgehen. Einfach mal abhängen, Youtube-Videos schauen, Musik hören, Eis essen, baden gehen oder mit Freunden treffen. Eigentlich ist Micha „Standard“ – wie er es ausdrückt. Ein ganz normaler Teenager in den Sommerferien.

Das mit dem „ganz normal“ betont er. Wohl wissend, dass ihm Außenstehende nur allzu schnell den Stempel „anders“, „komisch“ oder „Streber“ aufdrücken. Und das nur, weil er ein mehrfach preisgekröntes Mathe-Ass ist und selbst in der Freizeit nicht alle Fünfe gerade sein lassen kann. Oder will. Denn Zahlen haben für Micha etwas Magisches. Oft zieht er sich in „seine Welt“ zurück. Die Welt der Formeln, Variablen, Gleichungen und Beweise. „Mathe ist mein Hobby, wie bei anderen Fußball.“ Zahlen seien sein Element. „Da fühle ich mich zu Hause. Das ist mein ,safe place’“, erzählt er und schwärmt mit leuchtenden Augen von der Riemannschen Zeta-Funktion wie andere Jungs von den Bayern.

Mathe als Hobby: Immer auf der Suche nach mathematischen Beweisen

Und so sitzt er auch dieser Tage vor einem Blatt Papier, grübelt über ein plötzlich in seinem Wuschelkopf aufgetauchtes Problem. Sucht nach Ideen, „weil ich alles ausrechnen und beweisen will – je kniffliger, desto besser“. Mit Vorliebe beweise er aber, dass etwas nicht geht. So trainiert der frischgebackene Bundessieger der 8. Klasse ganz nebenbei sein Gehirn und bereitet sich auf die baldigen Prüfungen vor, die ihn dem erklärten, „großen Endziel“ näherbringen: Teilnahme an der Internationalen Matheolympiade.

Mathe statt Messi – das war schon immer so. Sagt Mutter Ragna. Als Kita-Knirps habe sich ihr „Micha“ nicht für ein Spielzeugauto an sich interessiert, „sondern eher für die Einzelteile. Er wollte verstehen, wie alles zusammenhängt“. Zählen – vorwärts, rückwärts? Für den Fünfjährigen ein Klacks. Zahlen hätten ihn früh fasziniert, erinnert er sich: „Da habe ich entdeckt: hinter der 10 geht es ja weiter – und vor der 0 ist auch noch was.“

Dass ihr Kind eine besondere Begabung für Mathematik hat, wurde der Mutter klar, als ihr Sohn sie nach dem dritten Schultag in der 1. Klasse fragte: „Mama? Minus 1 minus minus 1 ist gleich 0 – oder?“ Da habe sie kurz gestutzt, überlegt, die Frage mit „Ja“ beantwortet und gewusst: „Mathe ist Michas Ding.“

Der Zauber der Zahlen ist nie verflogen. Mit jeder verstandenen Herleitung von einer im Internet aufgestöberten Formel wuchs nicht nur die Begeisterung für Mathematik, sondern auch der „Werkzeugkasten“ der Beweisführung. Vieles erarbeitete sich der junge Mathe-Fan selbst. Vor allem Geometrie zog ihn in den Bann. Die Kreiszahl π wurde quasi zur besten Freundin. Die Eltern kamen indes immer öfter nicht mehr mit, wenn ihr Kind versuchte, sie für sein neuestes Wissen zu begeistern.

Magdeburger liebt Mathe: Viel Unverständnis bei Mitschülern

Auch bei den Mitschülern stieß der Zahlenakrobat, der Sport hasste, die meisten Fächer mit links machte, Mathe-Preise abräumte und in der Pause von binomischen Formeln plapperte, oft auf Unverständnis: „Auf die Frage, ob jemand Lust hat, mit mir vierstellige Zahlen zu multiplizieren, kam die Antwort: Mann, such’ dir ’n richtiges Hobby!“ Das änderte sich im vorigen Sommer. Während der Bundesrunde der Matheolympiade lernte er Jungs vom Magdeburger Siemens-Gymnasium kennen. Sofort funkte man auf gleicher Welle. „Die waren nett, gut drauf und offen. Wir haben uns auf Anhieb verstanden.“ Mathe war natürlich Gesprächsthema Nummer 1. „Das war krass: Ich habe viele gute Ideen und neue Beweismethoden mitbekommen, die ich noch nicht kannte.“

Dass ihr Sohn im Kreis von Gleichgesinnten aufblüht, blieb auch den Eltern nicht verborgen. Sie hatten bereits nach Wegen gesucht, „wie Michas Begabung noch besser gefördert werden kann“. Das Siemens-Gymnasium mit seinem Spezialförderprogramm erschien dem Sohn plötzlich die Lösung zu sein. „Also schrieb ich auf Michas Wunsch hin kurzentschlossen die Schule an“ erzählt die Mutter. Mit Erfolg. Der kurzfristig anberaumte Aufnahmetest wurde bestanden. Mit Schuljahresbeginn folgte der blitzartige Wechsel nach Magdeburg.

Die Rechnung scheint aufzugehen: Micha fühlt sich am Siemens-Gymnasium „total wohl“, kommt auch im Wohnheim gut zurecht. Kein Wunder, dass er nach wie vor von Mathe begeistert ist: „Ich feiere jede einzelne neue Waffe, mit der ich etwas beweisen kann.“ Wie etwa die Eingangsaufgabe. Diese, sowie weitere fünf, stellten für ihn beim Bundesfinale kein unlösbares Problem dar. Nach neun Stunden Mathe-Zauberei an zwei Tagen hieß es: quod erat demonstrandum – „was zu beweisen war“. Sieg!