Wernigerode l „Wehmütig, aber mit Freude auf den neuen Lebensabschnitt“ verabschiedet sich Prof. Eberhard Högerle in den Ruhestand. Ursprünglich hätte der 67-Jährige die akademische Lehre schon eher gegen die freie Kunst eintauschen können, aber dann verlängerte er „das große Glück in der Medieninformatik zu unterrichten“ doch noch um mehr als zwei Jahre. Nach 46 Semestern verlässt nicht nur ein Urgestein die Hochschule Harz, sondern auch der Mitbegründer eines wegweisenden Studiengangs.

„Nur zwei Jahre nach der Gründung der Hochschule Harz begann ich 1993 die angehenden Touristiker und Betriebswirte in Medienkompetenz zu schulen“, erinnert sich Eberhard Högerle. Zu diesem Zeitpunkt war er längst ein Reisender mit Leib und Seele. Mit einem ebenso weisen wie warmherzigen Blick durch die charakteristische Hornbrille erzählt der stets in schwarz Gekleidete von seinem bewegten (Künstler)Leben.

Geboren in Wangen im Allgäu „auf der schwäbischen Seite, 10 Kilometer nördlich vom Bodensee“, lauschte er schon als kleiner Junge den afrikanischen Missionspredigern in der Dorfkirche und wollte die große weite Welt entdecken. Zuerst folgte er jedoch dem selbst diagnostizierten „Vollständigkeitszwang“ in Ausbildungsfragen.

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Nach einer Lehre als Schriftsetzer und einer weiteren als Fotograf, studierte er Grafik an der heutigen Universität der Künste Berlin. Später folgte ein Lehramts-Studium und Referendariat für die Fächer Kunsterziehung, Werken und Geografie. Nachts jobbte er als Schriftsetzer, im Sommer ging er auf Reisen – bald auch beruflich im Auftrag des hauptstädtischen Lateinamerika-Instituts: In Brasilien gestaltet er Bildungscomics. Grafiker mit dem thematischen Schwerpunkt „Dritte Welt“ waren eine Rarität, Högerle wurde binnen kürzester Zeit zum Experten.

Drei Monate lang durchquerte er das „platte Land“ im afrikanischen Sambia und schulte Grafiker des dortigen Landwirtschafts- und Gesundheitsministeriums. „Wir wollten unter anderem die Bevölkerung beim Bau von Brunnen unterstützen. Das war nur visuell möglich, mit schriftlichen Instruktionen hätten wir den hohen Anteil von Analphabeten nicht erreicht.“

Eberhard Högerle saß stundenlang mit den Bauern vor ihren Hütten, skizzierte, wie sie ihre Familien und ihr Dorf sehen. „Wer nicht lesen kann, folgt auch bei der Betrachtung von Zeichnungen keiner vorgegeben Reihenfolge. Gemeinsam entwickelten wir Visualisierungen wie im Mittelalter: Das wichtigste im Zentrum, rundherum kleinere Abbildungen“.

Es folgte ein Projekt in Peru, wo er und drei seiner Freunde mithilfe eines Comics die indigene Bevölkerung für den Schutz der Vikunjas, einer wildlebenden Lama-Art, sensibilisierten. „Erstmals standen die Indios selbst im Mittelpunkt, wurde ihre Geschichte nicht aus der Sicht der Weißen erzählt“, erklärt der Weltenbummler.

Im Harz verbanden sich schließlich die losen Enden, wie er rückblickend sagt: „In Frankfurt war ich Partner einer kleinen Grafik-Agentur, die für die Buchmesse und verschiedene Verlage arbeitete, und lebte ein wildes Leben in einer Künstler-WG. Die Ausschreibung der Grafik-Professur an der Hochschule Harz fand ich damals so eigenartig wie reizvoll. Die Querverbindung umfasste nicht nur meine künstlerische Ausbildung und die als Lehrer, sondern auch meine Leidenschaft für das Reisen durch den Unterricht von Tourismus-Studenten“.

Nach dem erfolgreichen Auftakt ergab sich wenige Jahre später der nächste akademische Sprung. Högerle gehörte zum Gründungsteam des innovativen Studiengangs Medieninformatik. „Wir waren 1997 erst die dritte Hochschule mit einem solchen Programm, aber unsere Studierenden waren die cleversten und reservierten sofort die Website www.medieninformatik.de“, erinnert er sich schelmisch.

Der Studiengang an der Schnittstelle zwischen Informatik und Gestaltung bleibt für ihn einzigartig. Nicht nur inhaltlich, auch räumlich wurden Träume wahr. Als der moderne Neubau „Papierfabrik“ noch aus der namensgebenden Industrieruine bestand, reichte Eberhard Högerle ein Blick um zu wissen, dass das der richtige Ort für die modernen Labore und Räume sein würde, die richtige „Heimat“ für seine Schützlinge – 2004 erfolgte der Umzug.

Der Globetrotter eröffnete den Studierenden die weite Welt; er initiierte die erfolgreichen Kooperationen der Hochschule Harz mit der US-amerikanischen Southern Oregon University in Ashland und der südafrikanischen Central University of Technology in Bloemfontein.

Nun geht die Reise weiter – und bleibt kreativ mit der Herausforderung der freien Kunst. „Ob ich noch Grafik mache, weiß ich nicht“, gibt Eberhard Högerle zu bedenken. Zunächst seien grobe, harte, kantige Papierschnitte geplant. Auch das Zeichentalent – legendär sind seine Karikaturen des Professorenkollegiums – will der Ruheständler weiter nutzen. An Inspiration wird es kaum mangeln: Gemeinsam mit 15 Bekannten sowie seiner Partnerin zieht der Professor und reisende Künstler in eine „Alten-WG“ in Braunschweig: ein neues wildes Leben.