Magdeburg l Dauerlüften? Maskenwaschen? Handschuhe im Supermarkt? In der Corona-Sprechstunde an der Uniklinik Magdeburg sitzen die Professoren Gernot Geginat (Krankenhaushygiene), Achim Kaasch (Mikrobiologie), Peter Mertens (Chef Nierenklinik) und Hans-Jochen Heinze (Ärztlicher Direktor) und beantworten unsere Fragen:

Im Vergleich zur Impfstoffsuche oder den harten Schließungsmaßnahmen wirken Themen wie Zimmer lüften und Hände waschen ziemlich banal. Wie wichtig ist die Hygiene?
Hans-Jochen Heinze: Die Hygieneregeln sind tatsächlich einfach - und doch so immens wichtig. Wenn wir sie beherzigen, können wir die Lage im Griff behalten, ohne dass die Politik wieder flächendeckend Schulen und Firmen schließen muss. Aber eines ist auch klar: Corona ist keine Bagatelle. Die Demos vom Wochenende sind hochgradig kontraproduktiv.
Peter Mertens: Coronaviren greifen nicht allein die Lunge an, sondern auch Herz, Hirn und Nieren. 25 Prozent der schwer Erkrankten hatten starke Nierenprobleme und brauchten eine Dialyse. Derzeit wird diskutiert, wie das Virus die Blutgerinnung aktiviert. Die Niere mit ihren feinen Gefäßen kann dann verstopfen.

Manche Virologen sagen, dass sich im Raum Aerosole voller Viren bilden und empfehlen Dauer-Durchzug mit Ventilatoren. Andere bezweifeln das. Was stimmt?
Achim Kaasch: Das ist wissenschaftlich noch nicht entschieden. Erst hieß es, Aerosole – also kleinste Tröpfchen in der Luft, in denen Coronaviren stundenlang überleben – spielen keine Rolle. Dann wurden sie etwas wichtiger, nun sollen sie die Hauptrolle spielen. Das ist noch nicht ganz klar. In jedem Fall gilt: Regelmäßige gründliche Raumlüftung ist extrem wichtig.

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Schulklassen unter Zugluft: Keiner bekommt Corona, aber alle sind erkältet?
Gernot Geginat: Nein, man muss sich eben richtig anziehen. Für Schulklassen rate ich: Während des Unterrichts die Fenster kippen, in der Pause alle Fenster und Türen ganz öffnen. Zusätzliche Ventilatoren benötigt man nicht.

Wie sieht es in Gaststätten aus?
Geginat: Außengastronomie ist kein Problem, soweit Abstandsregeln eingehalten werden. Der Betrieb von geschlossenen Gasträumen in Gaststätten mit vielen Gästen ist hingegen aus Hygienesicht problematisch. Die Zahl der Gäste muss der Raumgröße angemessen sein und es muss auf eine gute Durchlüftung geachtet werden. Denn gerade in einem geschlossenen Gastraum können sich virushaltige Tröpfchen oder Aerosole leicht verteilen. Das Risiko in Gaststätten ist auch aufgrund des ständig wechselnden Besucherkreises erhöht. Es ist daher wichtig, Namen und Adresse der Gäste zu dokumentieren, um im Fall einer Ansteckung Infektionsketten verfolgen zu können.

Es gab Überlegungen, beim Servieren Hauben über die Speisen zu setzen.
Geginat: Das ist eher was fürs Auge.
Kaasch: Die Aufnahme von Viren über die Nahrung ist unbedeutend.

Ein Leser fragt: Pusten Raucher verstärkt Viren durch die Luft?
Kaasch: Es ist unwahrscheinlich, dass Rauch Viren transportiert. Aber klar: Raucher sind stärker gefährdet, nach einer Infektion schwer zu erkranken.

Kellner werden Masken tragen. Reichen die einfachen oder benötigen sie die professionellen FFP-2-Masken?
Geginat: Die einfachen sind ausreichend, da Kellner beim Servieren einen gewissen Abstand zu den Gästen haben.

Hoteliers fürchteten, dass sie nach jedem Aufenthalt das Zimmer mindestens einen Tag nicht belegen dürfen.
Mertens: Das ist unnötig. Das machen wir in den Kliniken ja auch nicht. Bei uns in der Dialysepraxis zum Beispiel wechseln alle vier Stunden die Patienten. Nach jedem Durchgang gibt es eine Wisch-Desinfektion. Da gibt es keinen Tag Pause.

Wo ist eine Desinfektion - etwa in Hotels - sinnvoll? Wo können sich Viren lange halten?
Kaasch: Auf Oberflächen, die oft mit Händen angefasst werden, ist eine Wischdesinfektion angeraten. Dazu gehören Türklinken, Badarmaturen, Tische. Aber unter dem Bett zum Beispiel ist es nicht nötig. Dort fasst man ja nicht hin.

Im Supermarkt werden Handschuhe angeboten, um damit Einkaufswagen anzufassen. Schützt das?
Kaasch: Eher nicht. Denn: Viren gelangen vom Griff des Einkaufswagens auf die Kunststoffoberfläche der Handschuhe – und dort halten sie sich besonders gut. Die wenigsten wissen, wie man sich Handschuhe professionell auszieht. Meistens gelangen dann also Erreger beim Ausziehen auf die Hände und später ins Gesicht. Entscheidend bleibt: Nach jedem Einkauf Hände gründlich waschen.
Geginat: Gründlich waschen heißt: Hände nass machen, dann richtig einseifen, auch zwischen den Fingern, bis 30 zählen, erst dann die Seife abspülen.

Leser wollen wissen, wie man Masken am besten reinigt.
Geginat: Die einfache OP-Maske ist nur für einen einmaligen Gebrauch gedacht. Ein selbst gemachter Mund-Nasen-Schutz – am besten aus zwei oder drei Lagen Stoff – kann und soll regelmäßig gewaschen werden. Ganz normal mit der anderen Wäsche – aber bei 60 Grad. Professionelle FFP-2-Masken können notfalls auch im Herd dekontaminiert werden: 70 Grad Umluft reicht gegen Coronaviren aus, aber Bakterien sterben dabei nicht komplett ab.
Kaasch: Wenn der Schutz während des Tragens durchfeuchtet ist, sollte man ihn absetzen und nach einer Alternative suchen.

Manche Frisöre tragen Visiere. Sind die genauso gut wie Masken?
Geginat: Ein Visier kann man zusätzlich tragen. Es ersetzt aber nicht den Mund-Nasen-Schutz. Nur dieser kann die feinen Tröpfchen zurückhalten.
Heinze: Wichtig ist es, mit dem Schutz auch die Nase zu bedecken – und nicht nur den Mund, wie man das bei einigen sieht. Wir haben auf unserer Internetseite ein Video, das zeigt, wie man den Schutz richtig benutzt.

Warum dürfen Frisöre keinen Trockenschnitt mehr anbieten?
Kaasch: Menschen fassen sich oft ins Haar: bei einem Infizierten können so rasch Viren von der Hand ins Haar und von dort auf die Hände der Frisöre gelangen. Insofern ist es plausibel, wenn Haare vor dem Schneiden immer gewaschen werden.

Vor dem Haarschnitt müssen Kunden sich die Hände reinigen. Manche Salons desinfizieren sogar den Sitz.
Kaasch: Dass sich Kunden, aber auch Frisöre vor dem Haarschnitt die Hände waschen oder desinfizieren, ist richtig. An den Händen können Erreger sein. Diese können schnell auf den Kopf und von dort in die Schleimhäute gelangen. Sitzflächen aber müssen nicht nach jedem Kunden desinfiziert werden. Wir müssen auch Augenmaß wahren, damit Hygieneregeln akzeptiert werden.

Zum Thema Altenheime: Angehörige möchten endlich wieder ihre Eltern oder Großeltern sehen. Zugleich leben dort hoch gefährdete Menschen. Was tun?
Geginat: In Alten- und Pflegeheimen wären professionelle FFP-2-Masken dringend notwendig. Für die Pfleger, aber eben auch für Besucher und Bewohner, wenn sie sich gegenübersitzen. Mir ist aber klar, dass die Anleitung zur Umsetzung der Schutzmaßnahmen einen hohen Aufwand bedeuten und die Personallage in den Heimen längst nicht so gut ist wie bei einem Maximalversorger wie einer Uniklinik.
Heinze: Leider gibt es immer noch nicht genügend dieser FFP-2-Masken. Es ist ein Unding, dass ein Industrieland wie Deutschland bis heute nicht in der Lage ist, selbst Masken zu produzieren. Eine solche Maske kostet höchstens drei Euro. Die Uniklinik erarbeitet derzeit mit der Stadt Magdeburg ein Konzept für die Heime. Wir wollen den Schutz erhöhen und zugleich wieder mehr Besuche ermöglichen. Und: Ich halte es für extrem wichtig, dass das Land schnellstmöglich regelmäßige repräsentative Tests in Heimen wie auch in Schulen organisiert, wie das etwa in Wolfsburg geschieht.

Hygiene hilft auch gegen andere Krankheiten. Was bleibt nach Corona – was verschwindet wieder?
Kaasch: Ich hoffe, dass die Menschen künftig sofort zu Hause bleiben, wenn sie sich krank fühlen und nicht zur Arbeit schleppen und Kollegen anstecken.
Geginat: Die verbesserte Handhygiene bleibt hoffentlich auch. Und: Der Mund-Nasen-Schutz wird sicherlich dann weiterhin öfter benutzt – wie es in Asien schon lange der Fall ist. Dass er auch gegen andere Krankheiten wirkt, haben wir in den letzten Wochen gesehen: Die Grippewelle war schlagartig beendet.

Wie lange müssen wir noch mit Masken in die Geschäfte?
Geginat: Bis die Spritze da ist – also ein Impfstoff gefunden wurde.

Werden wir uns je wieder Hände geben?
Kaasch: Auch vor Corona war Händeschütteln mit unbekannten Menschen aus Sicht mancher Virologen problematisch. Man wird hier ein vernünftiges Verhalten finden.
Heinze: Vernunft ist das Stichwort: Abstand halten, Mund-Nasen-Schutz tragen, regelmäßiges, gründliches Händewaschen und Lüften sind so einfach wie vernünftig. Die Hygiene hat meiner Überzeugung nach von allen Maßnahmen am meisten dazu beigetragen, die Infektionskurve bei Corona nach unten zu drücken. Das zeigen die Zahlen. Wir wissen jetzt: Schon vor dem harten Lockdown am 23. März war die Reproduktionszahl von drei auf eins gefallen. Die Politik kann mit einfachen und klaren Regeln dafür sorgen, dass die Hygienemaßnahmen von der Bevölkerung akzeptiert werden, so dass wir mit dem Virus leben und die Wirtschaft wieder ins Laufen bringen können.