Magdeburg l Kein Zweifel, Ernst Eisfeld gehört zur Risikogruppe, er ist 85 Jahre alt. Und trotzdem bekommt er Dienstagvormittag keine kostenlose Schutzmaske.

In seiner Stammapotheke an der Leipziger Straße in Magdeburg gibt es am Vormittag keine. Also macht sich Eisfeld auf zum Börde-Park. Bei der dortigen Apotheke hat Eisfeld aber keine Kundenkarte. Deswegen, sagt er, habe er auch dort keine kostenlosen FFP2-Masken erhalten.

„Wann bekomme ich die denn“, schimpft der Magdeburger Dienstag vor seiner Stamm-Apotheke. „Erst, wenn ich tot bin?“

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Drei kostenlose FFP2-Masken soll erhalten, wer älter als 60 Jahre ist oder wegen Vorerkrankungen ein höheres Corona-Risiko hat. So ist es von der Politik vorgesehen. Wieso Eisfelds Apotheke zum Start am gestrigen Vormittag keine kostenlosen Masken herausgeben kann, bleibt unklar. Die Apotheke gibt dazu auf Nachfrage keine Auskunft. Mit dem Problem ist sie am Dienstag allerdings nicht allein. Vielerorts sind die Masken-Lieferungen nicht rechtzeitig eingetroffen.Dafür war der Andrang andernorts um so größer.

Apotheker kritisieren Umsetzung

In Wernigerode bildeten sich vor fast allen Apotheken Warteschlangen. In Stendal gab es vor der „Apotheke am Stadtsee“ schon kurz nach Öffnung bis hinein in die Mittagsstunden eine lange Schlange. Ähnliche Szenen gab es auch in Halberstadt. Dort sprach ein Apotheker gestern von „Schlangen wie in der Nachkriegszeit“.

In Magdeburg warteten die Menschen vor der Stern-Apotheke am Hasselbachplatz. Auch vor der Apotheke im Allee-Center mussten die Menschen Wartezeiten in Kauf nehmen. Kim Beck, dortige Apothekerin, berichtete von einem „großen Andrang“. In den ersten zweieinhalb Stunden habe die Apotheke bereits 2000 Masken herausgegeben. Dann hätten sie kurze Zeit auf eine neue Lieferung warten müssen. „Mehr Planungszeit wäre gut gewesen“, sagt Beck. Die Maskenvergabe sei ein Beispiel für: „Gut gedacht, aber nicht so gut umgesetzt.“

Apotheker berichten, sie hätten erst am vergangenen Mittwoch aus der Presse erfahren, dass sie Masken für die Verteilung bestellen sollen. Thomas Rößler, stellvertretender Vorsitzender des Landesapothekerverbandes, bestätigte gestern, dass die Bestellungen bei einigen Apotheken nicht rechtzeitig angekommen sind. Rößler ist Inhaber der Victoria-Apotheke im Magdeburger Süden. Weil eine Apotheke in der Nähe keine Lieferung erhalten habe, kämen mehr Leute zu ihm, berichtete er. Rößler reichte die kostenlosen Maskenpakete aus einem Fenster seines Geschäfts nach draußen. In den ersten vier Stunden habe er rund 800 Masken verteilt, sagt er. Es sei ein „Ansturm ohnegleichen“ gewesen.

Rößler betont, für die Apotheker sei schwer zu kalkulieren gewesen, wie viele Schutzmasken tatsächlich abgeholt würden. „Es ist ein bisschen wie beim Blick in die Glaskugel“, sagt er.

Andrang in Haldensleben weniger groß

Vor der Roland-Apotheke in Haldensleben war der Andrang weniger groß wie vom Inhaber erwartet. Alfred Schmidt hatte für die Verteilung 60.000 FFP2-Masken geordert. Er berichtete, in den ersten drei Stunden rund 2000 davon verteilt zu haben.

Kritik am Vergabeprozess kam auch von der Apothekenkammer Sachsen-Anhalt. Kammerpräsident Jens-Andreas Münch betonte gestern, den Apotheken seien nur drei bis vier Werktage geblieben, um die Schutzmasken zu besorgen. Schon im Vorfeld hatte Münch vor einer „logistischen Herausforderung“ gewarnt. Rund 19.000 Apotheken in Deutschland hätten innerhalb weniger Tage rund 80 Millionen Schutzmasken bestellen müssen, betonte er Dienstag.

Ob sich die Lage in den kommenden Tagen verbessert, vermochte Münch nicht zu sagen. Viele Apotheker konnten Dienstag noch nicht genau abschätzen, wie lange sie noch Schutzmasken herausgeben können und wann die nächste Lieferung eintreffen wird.

In Halberstadt waren schon gestern Mittag in vielen Apotheken keine FFP2-Masken mehr zu bekommen. Andere Apotheken, wie etwa in der Stendaler Innenstadt, berichteten hingegen, alle gut versorgen zu können.

Stammkunden mit Vorrang

In der „Buckauer Apotheke“ im Magdeburger Süden wurden kostenlose Schutzmasken Dienstag Vormittag vorrangig an Stammkunden ausgegeben. Alle anderen Kunden müsse er „vertrösten“, sagte Apotheker Florian Eschefeld. Viele hätten dafür auch Verständnis, es gebe aber Ausnahmen.

Klar ist: Nicht alle Menschen über 60 Jahre sind Stammkunden in einer Apotheke. Für sie ist es vielerorts schwieriger, an die kostenlosen Schutzmasken zu kommen. Diese Erfahrung musste gestern auch Barbara Böttger machen. Die 65-Jährige wohnt im Magdeburger Stadtteil Alt Olvenstedt. „Ich gehe nicht oft zur Apotheke“, sagt sie.

Deshalb sei sie in der Linden-Apotheke in ihrem Stadtteil nicht registriert und habe dort auch keine kostenlosen Masken bekommen. Sie habe es noch bei einer zweiten Apotheke versucht, doch auch dort ohne Erfolg, berichtet Böttger. Sie könne sich doch ab Januar mit einem Coupon der Krankenkasse Schutzmasken abholen, habe man ihr in der Apotheke gesagt.

Die Ausgabe der kostenlosen Schutzmasken nach Vorlage eines Personalausweises ist bis zum 6. Januar verlängert. Dann sollen Berechtigte der Risikogruppen mit Coupons von Krankenkassen zwei weitere Pakete mit jeweils sechs FFP2-Masken in den Apotheken bekommen können. Allerdings sind dann zwei Euro pro Sechserpack zu zahlen. Das Bundesgesundheitsministerium wollte noch vor Weihnachten mit der Ausgabe beginnen. Deswegen habe man sich für dieses gestufte Verfahren entschieden, hieß es vom Ministerium.