Grenzopfer in Zahlen

327 Männer, Frauen und Kinder kamen der Studie des Forschungsverbunds SED-Staat zufolge zwischen 1949 und 1989 an den Westgrenzen der DDR ums Leben. Hinzu kommen 140 Mauertote in Berlin.

Viele Opfer waren bei ihrer Flucht noch jung, die Hälfte war zwischen 18 und 25 Jahre alt. Die Mehrheit der Opfer war männlich, nur zehn Prozent waren Frauen.

Neben den Fluchtopfern kamen rund 540 Soldaten im Grenzeinsatz ums Leben. 111 von ihnen starben durch Waffenmissbrauch etwa durch Unkenntnis. 204 Grenzer begingen Selbstmord, darunter 44 aus dienstlichen Gründen.

Weitgehend unerforscht ist noch, wie viele DDR-Bürger ihr Leben bei Fluchtversuchen über Ostsee und Ostblockstaaten verloren.

Magdeburg l Die Flucht in den Westen scheint kinderleicht. Schon einmal ist Siegfried K. aus Magdeburg als 15-Jähriger hier bei Oebisfelde über die grüne Grenze geflohen, dann aber zurückgekehrt. An diesem 7. April 1972 will er mit seiner Verlobten Heidi Schapitz und dem besten Freund wieder in die Bundesrepublik – diesmal für immer.

Der Plan scheint aufzugehen. Im Schutz der Dunkelheit nähert sich das Trio südlich der Kleinstadt am Drömling den Grenzanlagen. Das Ziel ist bereits zum Greifen nah, da berührt einer der drei versehentlich einen Signaldraht. Es ist dieser eine, entscheidende Fehler. Er löst die ganze Kaskade des über Jahre zur Perfektion getriebenen DDR-Grenzregimes aus. Ein Posten zündet eine Leuchtkugel. Der Todesstreifen erstrahlt in rotem Licht. Während Siegfried K. schon die Spitze des Grenzzauns erklommen hat, trifft ihn der Kegel eines Suchscheinwerfers.

37 Schüsse auf Flüchtende

Dem 22-Jährigen glückt die Flucht noch, er lässt sich auf die bundesdeutsche Seite fallen, sucht Schutz in einem Graben. Seine Verlobte und der beste Freund aber bleiben auf halber Höhe zurück. Die Grenzer kennen keine Gnade. Vier Soldaten schießen insgesamt 37mal auf die Flüchtenden. Eine Kugel trifft Heidi Schapitz in den Bauch. Schwer verletzt sackt das junge Mädchen zusammen. Durch den Zaun kann Ks. Freund diesem gerade noch „Hau ab" zurufen. Dem Magdeburger bleibt tatsächlich nichts als zu fliehen. Seine 16-jährige Freundin wird später an ihren Schussverletzungen sterben. Eine Obduktion in Magdeburg ergibt, dass sie schwanger war.

Heidi Schapitz ist einer von vielen sogenannten Republikflüchtlingen, die zwischen 1949 und 1989 ihr Leben an der 1400 Kilometer langen innerdeutschen Grenze zwischen Lübeck und Hof verloren. Eine Studie des Forschungsverbundes SED-Staat der Freien Uni Berlin hat ihr Schicksal und das weiterer Grenzopfer erforscht.

Schwerpunkt Sachsen-Anhalt

Am Donnerstagabend wurden nun die Ergebnisse am einst größten Grenzübergang der DDR, der heutigen Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn, vorgestellt. Insgesamt 327 Menschen aus Ost und West kamen demnach an der Westgrenze der DDR ums Leben. Der mehr als 220 Kilometer lange Abschnitt des Bezirks Magdeburg zu Niedersachsen war dabei einer der Schwerpunkte für Fluchtversuche. „Besonders in Marienborn war viel los", sagt Projektleiter Jochen Staadt.

Keineswegs alle Posten an der Grenze waren dabei linientreu. „Das Bild von den Grenzern als geschlossene politische Einheit ist nicht mehr zu halten", sagt Staadt. So seien in den 80ern jährlich 600 bis 1000 Mann innerhalb der stehenden Grenztruppe von 25.000 bis 30.000 Soldaten wegen Verfehlungen in rückwärtige Dienste versetzt worden. Manche Soldaten hörten Westradio, andere äußerten sich positiv über das Leben im Westen oder erklärten ihren Vorgesetzten in Briefen, dass sie im Ernstfall nicht auf Flüchtlinge schießen würden, sagt der Projektleiter.

44 dienstbedingte Suizide

Manchem Soldaten gingen die Vorgänge an der Grenze gar so nahe, dass sie ihn in den Selbstmord trieben. Insgesamt 204 Suizide haben die Wissenschaftler des Forschungsverbunds für den Zeitraum von 1949 bis 1989 aufgedeckt, darunter 44 aus dienstlichen Gründen. Einer von ihnen war Frank Bretfeld. Der 1979 an der heutigen thüringisch-bayerischen Grenze stationierte 19-Jährige aus dem Erzgebirge galt als sensibel und zurückhaltend. In Briefen an seine Familie beklagte er den rauen militärischen Alltag beim Grenzdienst.

Als Kameraden nach einem Fluchtalarm mit einem im Minenfeld schwer verletzten Flüchtling in die Kaserne zurückkehrten, setzte Bretfeld das so sehr zu, dass er Abschiedsbriefe an seinen Vater und seine Freundin schrieb, die er allerdings nie absandte. „Die ihn so blutig liegen haben sehen, bekommen bestimmt Sonderurlaub", schrieb er darin. Einen Tag später erschoss sich der junge Mann mit einer Maschinenpistole.

Weder im Fall der Jugendlichen Heidi Schapitz noch in dem des Grenzers Frank Bretfeld durften die Eltern übrigens eine Todesanzeige mit der Todesursache in die Zeitung setzen. Stattdessen sollte von einem „tragischen Unfall" die Rede sein. Ein übliches Verfahren bei Opfern an der DDR-Grenze, sagt Jochen Staadt.