Das Grenzdenkmal

Das Grenzdenkmal Hötensleben ist einer der wenigen noch erhaltenen Todesstreifen. An der engsten Stelle war der Streifen etwa 35 Meter breit, normalerweise waren es an der Grenze laut Achim Walther vom Grenzdenkmalverein bis zu 500 Meter. Der Grund: Hötensleben war zu groß, um die Menschen zwangsumzusiedeln.

Die Gärten mancher Einwohner in Hötensleben grenzten direkt an den Eisernen Vorhang. Heute stehen dort noch 350 Meter der alten Grenzanlage: Mauer, Grenzzaun, Lichttrasse, Führungsturm, Fahrzeugsperren, Sicht- und Schussfeld. Die Anlage kann kostenlos besichtigt werden. Der Grenzdenkmalverein bietet auch regelmäßig Führungen an.

Das Gebiet rechts und links der früheren innerdeutschen Grenze wird heute „Grünes Band“ genannt. Es handelt sich um einen etwa 1400 Kilometer langen, schmalen Streifen Lebensraum. Dieser verläuft entlang der westlichen Landesgrenzen von Sachsen, Thüringen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. Gut 40 Prozent des 1400 Kilometer langen Bandes entfallen auf Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Das Grenzdenkmal wird vom Grenzdenkmalverein Hötensleben e.V. betreut. Seit dem Jahr 2004 ist das Land Sachsen-Anhalt Träger der Anlage. Sie ist heute eine Außenstelle der Gedenkstätte Deutsche Teilung Marienborn.

Mehr Informationen gibt es im Internet : www.grenzdenkmal.com

Hötensleben l Es ist oft stinklangweilig. Stundenlang rumsitzen, beobachten, warten. Egal, ob bei Sonnenschein, Regen oder Frost. Fast immer passiert: nichts. Die Staatsführung hat den Dienst an der Grenze ideologisch aufgeladen – doch die Realität ist für die meisten Männer im Jahr 1967 trist. Die Verteidigung der Deutschen Demokratischen Republik ist eine stupide Angelegenheit.

Für Abwechslung müssen die Soldaten selbst sorgen. „Wir haben im Dienst öfter was getrunken. Was verboten war, hat eben am meisten gereizt“, erinnert sich der frühere Grenzer Hermann Pröhl heute. Was sollte auch passieren?

1967 ist der gebürtige Zeitzer Hermann Pröhl 20 Jahre alt und atmet erleichtert auf, als er erfährt, mit welchen Kameraden er an dem milden Donnerstag-Nachmittag im Oktober raus muss. Es steht eine angenehme Schicht bevor, da wird keiner den anderen verpfeifen.

Bilder

Eine Überraschung wartet

Am Posten angekommen, wartet auf die vier jungen Männer eine Überraschung: Eine junge Hötensleberin, die mit einem der Kameraden liiert ist, hat mehrere Flaschen Bier, Schnaps und eine Kamera vorbeigebracht. Da die Grenzer durch die Vereidigung wissen, dass heute keine Streife zwischen den Posten unterwegs ist, wird kräftig gebechert.

Wenige Hundert Meter entfernt, im niedersächsischen Schöningen, beginnt der Tag für den Zöllner Peter Jordan wie jeder andere. Gemeinsam mit seinem Kollegen Kurt läuft er die Route am Grenzfluss Aue ab. „Und da hörten wir plötzlich lautes Gegröle“, sagt Peter Jordan heute. „Die haben gesungen. Das hat uns angezogen.“

Die beiden Zöllner marschieren auf die feiernden Männer zu – nur noch getrennt von den Zäunen. Es ist eine skurrile Situation: Während die DDR-Grenzer sonst jeden Kontakt mit dem Zoll oder dem Bundesgrenzschutz meiden und diese oft nicht einmal grüßen, winken ihnen die Männer aus dem Osten heute erheitert zu. „Was ist denn bei euch los?“, ruft Peter Jordan nach drüben. „Sind die Offiziere alle im Urlaub? Wie viel Tage habt ihr denn noch?“

Die Männer kommen ins Gespräch – und Peter Jordan kommt eine Idee. Er rennt zurück nach Schöningen, zum „Fährturm“, einer Gaststätte, und holt Bier und Zigaretten. Die Kippen bindet er an den Flaschen fest. Dann läuft der Zöllner zurück und klettert mit Kollege Kurt auf einen Baumstamm. Von dort beginnen sie, den Nachschub nach drüben zu werfen – über den 3,20 Meter hohen Grenzzaun und die dahinter liegende Hundelaufanlage. Der erste Wurf glückt, das Bier landet unversehrt im Morast. Doch die zweite Pulle fällt bei den Hunden rein.

Pulle Kulmbacher

„Scheiße“, entfährt es den Ostkameraden. Ihnen ist sofort klar: Werden Kulmbacher-Bier und HB-Zigaretten von einer Streife entdeckt, kann das unangenehme Folgen für die Grenzer haben. Mit einem Stock sichern sie sich die Flasche, an die Zigaretten kommen die Männer aber nicht so leicht – ohne in einen Konflikt mit dem Hund zu kommen.

„Also hat einer von uns seine Waffe genommen, die durchgeladen und den Hund von der Zigarettenschachtel weggelotst“, erinnert sich der Grenzer Hermann Pröhl noch genau an die Aktion. „Der Hund war geschult und ist der Waffe gefolgt. Mit einem Reinigungsstab einer Waffe haben wir die Schachtel aufgespießt und rausgeholt.“

Die Freude bei den Männern ist groß. Als Dankeschön werfen sie den Zöllnern zwei Bierflaschen aus dem Osten zu. Es wird rumgeflachst. „Wir haben uns zugeprostet“, sagt Peter Jordan heute lachend. Mit der Kamera schießen die Grenzer Fotos. „Dann sind wir weitergezogen, wir mussten ja unsere Route absolvieren.“

Durchgeladene Waffe

Für die Grenzsoldaten ist das Intermezzo damit aber noch nicht zu Ende. Als es langsam dunkel wird, kommt die Hötensleberin zurück, um die Flaschen und die Kamera abzuholen. Um Eindruck auf die Frau zu machen, nimmt einer der Männer eine Maschinenpistole und posiert damit – ausgerechnet die durchgeladene Waffe, mit der zuvor der Hund von den Zigaretten weggelotst worden war.

„Er nahm das Magazin raus und drückte ab, um ein Klickgeräusch zu erzeugen. Wir wussten in unserem Suff nicht mehr, dass da noch eine Patrone drin war. Und dann löste sich der Schuss“, erzählt Hermann Pröhl. „Ein Kamerad schrie auf. Ein Streifschuss verletzte ihn an der Hand. Mit einem Mal waren wir nüchtern und hellwach.“

Die Freundin verschwindet schnell, die Grenzer kümmern sich um ihren Kameraden. Jeder hat ein kleines Verbandspäckchen dabei, die Wunde wird versorgt. In das Magazin stecken sie anstelle der Patrone ein kleines Holzstück, damit das Missgeschick bei der nächsten Kontrolle nicht auffällt. Die Hand muss jedoch behandelt werden. Die Männer nutzen den guten Kontakt zu ihrem Zugführer.

„Wir haben einfach gesagt, er ist draußen über einen Stacheldraht gefallen, der im Morast auslag, und hat sich dabei die Hand aufgerissen“, sagt Hermann Pröhl. „Der hat uns weiter zu einem Zivilarzt geschickt, der natürlich wissen wollte, was passiert ist. Dem haben wir die gleiche Geschichte erzählt. Er hat uns nicht gelaubt, er wusste, dass das eine Brandwunde war. Der Arzt hat sie genäht. Wir hatten großes Glück, dass er politisch nicht aktiv geworden ist.“

Gott hatte Finger im Spiel

Heute lachen Hermann Pröhl und Peter Jordan über das Erlebnis vor 50 Jahren. „Aber das hätte für uns auch mächtig ins Auge gehen können. Der liebe Gott hatte wohl seine Finger im Spiel“, sagt Hermann Pröhl. Er ist wenige Monate später auf spektakuläre Art und Weise aus der DDR geflohen.

In der Nacht vom 11. auf den 12. Juli 1968 hatte er nahe dem alten Bahndamm in Hötensleben Wachdienst. Eine ideale Fluchtstelle – vom Posten waren es nur 50 Meter bis zur Grenze. Den Weg in die Freiheit blockierte nur der 3,20 Meter hohe Grenzzaun. Pröhl nahm seine Kalaschnikow und steckte sie auf Kopfhöhe in ein Loch eines Betonpfeilers. Per Räuberleiter überwand er gemeinsam mit einem Kameraden die Grenze.

Über Nordrhein-Westfalen landete der heute 70-Jährige in West-Berlin, wo Hermann Pröhl noch immer lebt. Die DDR hat Pröhl nach seiner Flucht erst 1989 wieder betreten – nachdem ein gegen ihn verhängter Haftbefehl ein Jahr zuvor aufgehoben worden war.

Der gebürtige Braunschweiger Peter Jordan lebt heute in Bonn und ist bis zum Ruhestand im Staatsdienst geblieben. Erst 2013 – 47 Jahre nach dem Besäufnis – ist er zufällig in einem Internetforum ehemaliger Grenzer wieder auf Hermann Pröhl gestoßen. Seitdem treffen sich die Männer einmal im Jahr, um in Erinnerungen an eine ganz besondere Ost-West-Begegnung zu schwelgen. Kontakt zu den anderen Trinkkumpanen haben sie keinen mehr.