Ballenstedt/Magdeburg l Als der Priester am Sonntagmorgen vor seiner Ballenstedter Gemeinde gebeichtet hatte, konnte man angesichts der Stille im Gotteshaus buchstäblich eine Nadel zu Boden fallen hören. So heftig trafen die Sätze, die der 64-jährige Priester formuliert hatte, die von ihm bislang geführte Katholische Pfarrgemeinde St. Elisabeth Ballenstedt/Harzgerode/Gernrode. Er sei Internet-Betrügern aufgesessen und habe zwischen Juli und September rund 100.000 Euro aus der Pfarreikasse entnommen und das Geld überwiesen. Offenbar sind es sogar 120.000 Euro, die nun futsch seien, so die Magdeburger Bistums-Sprecherin Susanne Sperling.

Die rund 40 Gläubigen, die zum regulären Gottesdienst zusammengekommen waren, reagierten schockiert. „Mir fehlen die Worte“, so eine Frau im Anschluss. Nach Angaben von Susanne Sperling soll der Kirchenvorstand am Dienstagabend zusammenkommen, um über weitere Schritte und Konsequenzen zu beraten. Dann geht es auch um den Verbleib des Priesters in der Kirchengemeinde.

Alle Vollmachten entzogen

Erste Konsequenzen habe der Magdeburger Bischof Gerhard Feige bereits am Mittwoch veranlasst, nachdem sich der Priester ihm gegenüber Anfang voriger Woche anvertraut hatte. Dem Geistlichen wurden im Zusammenhang mit seiner Funktion als Vorsitzender des Vorstandes der Kirchengemeinde alle Vollmachten entzogen. Das gelte auch für sein Wirken als Dechant im Dekanat Halberstadt und damit als Vorgesetzter von Priestern in Pfarreien im gesamten Harzkreis.

Nach seiner Beichte gegenüber dem Bischof soll sich der Ballenstedter nach Rücksprache mit seinem Anwalt am Freitag gegenüber dem Landeskriminalamt angezeigt haben. Dort war die Selbstanzeige am Wochenende noch nicht bekannt.

Nach Angaben der Bistumssprecherin ist der Priester auf Lottobetrüger hereingefallen. In Aussicht auf die Auszahlung habe er zunächst eigenes Geld überwiesen und dann in mehreren Raten kirchliche Mittel. Diese Darstellung sei bislang glaubhaft, der Bischof und der Generalvikar hätten die Überweisungen gesehen. Alles weitere müsse nun die Staatsanwaltschaft klären.

Pfarrer nicht mehr erreichbar

Bischof Feige kündigte an, dass der Priester alles zurückzahlen und die staats- und kirchenrechtlichen Konsequenzen tragen müsse. Der 64-Jährige hat angekündigt, den Schaden zu begleichen. Wie er das machen will, nachdem er offenbar auch eigenes Vermögen eingebüßt hat, ist offen. Der Geistliche verschwand nach seiner Beichte im Gottesdienst und war anschließend für Anfragen nicht mehr erreichbar.

Ob weitere disziplinarrechtliche Schritte folgen, könnte sich am Dienstag entscheiden. Nach Angaben des Halberstädter Oberstaatsanwalts Hauke Roggenbuck drohen für Untreue bis zu fünf Jahre Haft. Hier könne ein besonders schwerer Fall vorliegen, der mit bis zu zehn Jahren Haft betraft werde.