Magdeburg/Bikernieki l Sintflutartiger Regen trommelt auf das Dach aus Buchenlaub, als eine Gruppe aus Deutschland, Österreich und Tschechien den Hochwald von Bikernieki besucht. Vor einem dreiviertel Jahrhundert war Bikernieki Schauplatz Zehntausender Morde im deutsch besetzten Lettland. Viele Jahrzehnte lang erinnerte nichts daran. Kein Gedenkstein, keine Tafel erzählten, was hier geschah. Auf den Massengräbern wucherte Grün.

Inzwischen ist das anders. Die Delegation, die im strömenden Regen die Gedenkstätte Bikernieki besucht, will die Erinnerung an die Gräuel wachhalten. Es sind Mitglieder und Gäste des Riga-Komitees im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Darunter auch zwei Magdeburger: der sachsen-anhaltische Landesvorsitzende des Volksbunds, Dieter Steinecke, und Magdeburgs Sozialbeigeordnete, Simone Borris. Dem Riga-Komitee gehören 55 deutsche, österreichische und tschechische Städte an, auch Magdeburg. Denn es gibt eine historische Verbindung zwischen Magdeburg und Riga.“

Aus allen Städten, die heute dem Riga-Komitee angehören, deportierten die Nazis jüdische Einwohner ins Baltikum. Die wenigsten kehrten zurück. Während aus Berlin, Wien oder Münster gleich ganze Züge mit Todgeweihten in die lettische Hauptstadt geschickt wurden, sind aus Magdeburg nur einzelne Schicksale bekannt. So wie das des ehemaligen Bürgermeisters Herbert Goldschmidt, dessen Spur sich in Riga verliert. Sein Todesjahr wird mit 1943 angegeben, ein genaues Datum ist nicht bekannt.

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SA-Fahne durch Magdeburg tragen

„Herbert Goldschmidt war der Stellvertreter von Oberbürgermeister Ernst Reuter“, erzählt Dieter Steinecke, der ein halbes Jahrhundert später die Position des stellvertretenden Magdeburger Bürgermeisters bekleidete. „Als die Nazis an die Macht kamen, wurden beide aus ihrem Amt vertrieben. Goldschmidt war Jude und musste eine SA-Fahne durch die Stadt tragen. Dieser Gang war unglaublich erniedrigend.“

Herbert Goldschmidt, Jahrgang 1890, war Sohn des Landgerichtsdirektors und wuchs in Magdeburg auf. Er besuchte das Domgymnasium, studierte Jura, kämpfte im Ersten Weltkrieg und wurde verwundet. Ab 1919 arbeitete er in der Magdeburger Stadtverwaltung. Die ehemalige Pfarrerin und Vorstandsvorsitzende des Fördervereins Neue Synagoge in Magdeburg, Waltraud Zachhuber, hat intensiv das Schicksal jüdischer Magdeburger erforscht. Dank ihrer Recherchen ist bekannt, was an jenem 11. März 1933 und danach geschah. Ein SS-Trupp stürmte über die Hintertreppe ins Magdeburger Rathaus. Die Nazis drangen in Herbert Goldschmidts Arbeitszimmer ein, packten ihn und jagten ihn zum Braunen Haus in der Nähe des Klosters Unser Lieben Frauen. Es war ein wahrer Spießrutenlauf für den 43-Jährigen. Als Jude wurde er verprügelt und verspottet. Ernst Reuter wurde ebenfalls abgeholt. Da er zwar politisch nicht genehm, aber kein Jude war, wurde er mit dem Auto zum Polizeipräsidium gebracht und besser behandelt.

„Aus der Haft entlassen, setzte sich Ernst Reuter für seinen Freund Herbert Goldschmidt ein“, weiß Dieter Steinecke zu berichten. Goldschmidt konnte nach Berlin fliehen und wurde am 13. Januar 1942 nach Riga deportiert, in jene Stadt, die neben Minsk Ziel der ersten Massenverschleppungen von Juden im deutsch besetzten Osten Europas war. In die Ghettos dieser Städte sollten, so genehmigte Hitler im Herbst 1941, 50.000 deutsche Juden umgesiedelt werden. Doch dort musste erst Platz geschaffen werden. „An zwei Sonntagen im November und Dezember 1941 wurden nahezu 30.000 lettische Bewohner des Rigaer Ghettos in den Hochwald von Bikernieki getrieben und von einem zwölfköpfigen Kommando erschossen“, recherchierte der ehemalige Münsteraner Geschichtslehrer Winfried Nachtwei. „Man muss sich das vorstellen: junge Männer, Familienväter möglicherweise – was ging in den Köpfen dieser Schützen vor?“

Dramen im Rigaer Gettho

Welche Dramen sich bereits zuvor im Ghetto abgespielt hatten, ist nur zum Teil überliefert. Margers Vestermanis erlebte den Rigaer Blutsonntag im Ghetto am 30. November 1941 als 16-Jähriger. Mit einem Schlitten musste er Kinderleichen einsammeln und zum jüdischen Friedhof bringen. Heute ist Margers Vestermanis über 90 und gehört der Historikerkommission des Landes an. „Wie konnte es sein, dass im Baltikum innerhalb kürzester Zeit nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung ermordet wurde?“, fragt Margers Vestermanis und hat auch die Antwort: „Die Nazis hatten einheimische Helfer. Nur so konnte das bis Ende Januar 1942 gelingen.“

In der Moskauer Vorstadt, dem einstigen Rigaer Ghetto, wohnen bis heute weniger gut Betuchte. An einigen Häusern wird gebaut, andere warten darauf, saniert zu werden. Traditionelle Holzhäuser stehen neben mehrgeschossigen Steinbauten. Aus Fenstern wird die Delegation beobachtet, hinter einem Zaun bellt ein Hund wütend die Besucher an. Die Straßen tragen lettische Namen. Vor 75 Jahren war das anders. Da gab es hier Berliner, Bielefelder, Wiener Straßen, benannt nach den Herkunftsorten der Deportationszüge. Eine Magdeburger Straße gab es nicht. Aus der Elbestadt ging nie ein ganzer Zug nach Riga. Die deportierten Magdeburger hatten zuletzt anderswo gelebt.

So wie Herbert Goldschmidt, wie Siegbert und Eva Spier, die noch im Januar in Magdeburg geheiratet hatten. So wie der Arzt Hans Aufrecht, Adoptivsohn des hoch angesehenen Magdeburger Medizinprofessors Emanuel Aufrecht. Hans Aufrecht wurde mit seiner Frau Ilse von Köln aus nach Riga verschleppt und war dort später leitender Ghetto-Arzt. Waltraud Zachhuber erfuhr von ihrem tragischen Ende: Hans Aufrecht erlebte noch die Befreiung des Ghettos 1945, suchte verzweifelt nach seiner Frau. Erfuhr, dass sie von der SS noch kurz vor der Ankunft der Sowjetarmee erschossen worden war. In seinem Schmerz schrie er seine Verzweiflung heraus und tobte wie wild. Ein Soldat der Roten Armee erschoss ihn.

Findlinge für NS-Opfer

Anders als im einstigen Ghetto ist Magdeburg in der Gedenkstätte Bikernieki erwähnt. Erst 2001 wurde am Ort des zehntausendfachen Mordes ein Gedenkort eingerichtet – auch mit Unterstützung des Riga- Komitees. Rund um einen Gedenkstein inmitten einer Lichtung sind Hunderte unbearbeitete Findlinge aufgestellt, stellvertretend für jene, die hier gewaltsam aus dem Leben gerissen wurden. Zwischen diesen Findlingen eine schwarze, polierte Steinplatte mit dem Namen Magdeburgs. Hier legt Simone Borris zwei Steine nieder, Steine aus Magdeburg, die ihr Schülerinnen einer Berufsschule mitgegeben haben. „Die Schülerinnen haben die Steine an Orten aufgelesen, wo jüdische Magdeburger gelebt haben, die von den Nazis verschleppt wurden. Ich soll sie hier ablegen, wo die Betroffenen möglicherweise begraben sind“, erklärt die Sozialbeigeordnete.

Auch Herbert Goldschmidt könnte seine letzte Ruhestätte in einem der Massengräber von Bikernieki gefunden haben. „Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er irgendwo im Ghetto gestorben ist“, vermutet Steinecke. „In Bikernieki wurden immer wieder Massenerschießungen vorgenommen.“ Politische Gefangene, sowjetische Kriegsgefangene, Juden – die Gebeine von etwa 35 000 Menschen sind im Wald verscharrt. Ein Versprechen gab Dieter Steinecke in Riga ab: „Wir wollen gemeinsam mit dem Stadtarchiv das, was über die Biografien der hier ermordeten Magdeburger bekannt ist, dem Rigaer Museum zur Verfügung stellen.“