Magdeburg l Ein Mann übergibt im Park am Allee-Center in Magdeburg einem jungen Deutschen ein kleines Päckchen. Der wiederum erhält dafür einige Geldscheine. Der Polizist, der auf dem Bild der Überwachungskamera im Polizeirevier das Geschehen verfolgt, gibt seinen Kollegen über Funk sofort die Personenbeschreibung durch. Die Beamten kreisen den Platz ein und kontrollieren schließlich die Anwesenden. Die meisten von ihnen sind Asylbewerber.

Sie reagieren gelassen. „Einmal Ausweis bitte!“, äfft einer der Männer im gebrochenen Deutsch die Beamten nach. Einige andere lehnen sich dabei an das Geländer oder bleiben bei der Kontrolle der Personalien sitzen. Die Situation wirkt wie ein Ritual. Einsatzleiter Polizeikommissar Philipp Ehrlich: „Man kennt sich.“

Auch als unterhalb des Geländers ein Beamter irgendwo ein kleines Päckchen mit fünf Ecstasy-Tabletten findet, bleiben alle ruhig. Offenbar ahnen sie, dass die Polizisten ihnen nichts nachweisen können, weil die Drogen niemandem konkret zugeordnet werden können. Nur bei einem von ihnen werden sie mit einem Gramm Cannabis dann noch fündig.

Bilder

Dealer haben oft nur kleine Mengen dabei

Immerhin haben die Beamten aber den 24-jährigen Mann aus Guinea-Bissau als mutmaßlichen Verkäufer und den 26-jährigen deutschen Käufer noch ergreifen können. Die Beamten verständigen sich mit dem Mann auf Englisch unterstützt durch Handzeichen. Er hat offensichtlich nicht nur drei Gramm Cannabis verkauft, sondern auch gegen das Aufenthaltsrecht verstoßen. Er hätte gar nicht in Magdeburg sein dürfen. So wie der Käufer und die weiteren Verdächtigen wird der 24-Jährige zunächst in den Polizeigewahrsam gebracht.

„Lange werden dort aber alle nicht bleiben“, schätzt Polizeikommissarin Heidi Winter ein. Die kleinen festgestellten Mengen würden Haftgründe nicht rechtfertigen. Genau aber diese Kleinstmengen sind für die Straßendealer oft eine „Absicherung“ gegen einen Polizeigewahrsam. Nachschub gibt es nur über kleine versteckte Depots. Dies können Erdlöcher oder selten genutzte Mülleimer ganz in der Nähe sein, in der die Dealer sich den gewünschten Nachschub holen.

Depots in angemieteten Wohnungen

Bei dem Straßenhandel agieren nach den Erfahrungen der Polizisten seit etwa fünf bis sechs Jahren neben den Einheimischen zunehmend auch junge Männer aus Guinea-Bissau, während in der nächsthöheren Hierarchie sich auch weiter vor allem Deutsche das Geschäft aufteilen. Je größer die folgenden Depots, zum Beispiel in speziell angemieteten Wohnungen, sind, je schwerer kann die Polizei die Hintermänner ermitteln. Die Konsumenten sind überwiegend deutscher Herkunft.

Nach einer Statistik des Landeskriminalamtes (LKA) Sachsen-Anhalt waren von den 1176 gefassten tatverdächtigen „Händlern“ insgesamt im  2018 Jahr 162 nichtdeutscher Herkunft. Das macht einen Anteil von knapp 14 Prozent aus. Von diesem wiederum stammten mit rund 22 Prozent die meisten aus Guinea-Bissau, gefolgt von Syrern mit 20 Prozent und Türken, Afghanen und Irakern mit fast gleichen sechs Prozent.

In Magdeburg sind die Polizisten am Allee-Center mit ihrem Einsatz fast fertig, als eine Radfahrerin bei den Beamten stoppt. Sie sagt: „Also Sie müssen sich das da unten am Petriförder in Höhe des Elbepegels ansehen. Da wird oft ganz offensichtlich jeden Tag gedealt. Das ist sehr unangenehm.“

Kontrollen am Magdeburger Allee-Center

Es sind zum Teil die jungen Männer, die vorher im Bereich des Allee-Centers sich aufgehalten haben. „Die haben wir schon verdrängen können“, sagt Einsatzleiter Ehrlich. Doch eine verdachtsunabhängige Kontrolle, wie am Allee-Center, ist am Petriförder bisher noch nicht möglich. Der Grund: Ein Platz oder eine Straße muss als „gefährlicher Ort“ im Sinne des Polizeigesetzes eingestuft sein, um solche Durchsuchungen vornehmen zu dürfen. Außerhalb der festgelegten Bereiche müssen die Polizisten einen konkreten Verdacht haben.

„Wenn wir einen Zeugenhinweis auf eine bestimmte Person haben oder zivile Einsatzkräfte einen Handel beobachten, dann greifen wir natürlich ein“, sagt Winter. Allerdings dürfen laut Gesetz die herumstehenden Personen, wenn sie mit der beobachteten Tat nichts zu tun hatten, nicht ohne Weiteres kontrolliert werden. Nur an den „gefährlichen Orten“ ist dies etwas anderes. Insgesamt gibt es davon etwa 20 im Land. Viele stehen auch mit Rauschgifthandel im Zusammenhang.

Probleme auch in anderen Städten

Die verdachtsunabhängigen Kontrollen an den festgelegten Plätzen und die eingeschränkten Handlungsmöglichkeiten an allen anderen Orten sorgen für einen Verdrängungswettbewerb. Uwe Bachmann, Landeschef der Gewerkschaft der Polizei: „Für uns ist das auch eine unbefriedigende Situation. Aber wir müssen uns nun mal ganz klar an die rechtsstaatlichen Instrumente halten, die uns zur Verfügung stehen.“ Erst wenn zum Beispiel festgestellt wird, dass ein Ort eine höhere Kriminalitätsrate aufweist als andere, kann dieser zum „gefährlichen Ort“ erklärt werden.

In Magdeburg ist dies aktuell der Strubepark, der Raum um das Allee-Center und der Hasselbachplatz. Eine Umfrage unter den Polizeidienststellen hat außerdem ergeben, dass es solche Brennpunkte auch in anderen Städten wie zum Beispiel in Halberstadt, Wernigerode, Thale und Blankenburg gibt. Diese sind zwar nicht alle als „gefährliche“ Orte ausgewiesen, dort gab es aber „verdeckte Maßnahmen und Präventivstreifen“. Insbesondere rund um den Halberstädter Dom und am Martiniplan sei wiederholt Rauschgifthandel beobachtet worden, auch wenn es dort noch keine offene Szene gebe, teilte Polizeiinspektion (PI) Magdeburg mit.

Drogenhandel rund um Halles Riebeckplatz

In Halle werde vor allem rund um den Riebeckplatz mit Drogen gehandelt. Dort gibt es nach Angaben von Ulrike Diener von der PI Halle auch eine Kameraüberwachung, wie in Magdeburg. Außerdem seien in den Bereichen verstärkt zivile Einsatzkräfte unterwegs. Die meisten sichergestellten kleinen Drogenmengen waren überwiegend Cannabisprodukte, gefolgt in größerem Abstand von Crystal Meth. Wie in Magdeburg ist auch hier zumindest eine Verdrängung gelungen. Während in den ersten fünf Monaten des Jahres 2017 es 188 Aufgriffe gab, waren es ein Jahr später 45. In diesem Jahr sind es wohl wieder etwas mehr. Im Bereich der PI Dessau stehen vor allem der Dessauer Stadtpark und das Umfeld des Rathauscenters im Visier der Polizisten. In der Lutherstadt Wittenberg sind es die Parkanlage Am Schwanenteich und das Gebiet rund um das Einkaufszentrum Arsenal.

Das Team von Polizeikommissar Ehrlich rollt inzwischen zum Magdeburger Strubepark. Dort scheint alles wie leergefegt. In den vergangenen Wochen haben Beamte immer wieder auch mit Drogenhunden in dem Park gegen den Straßenhandel durchgegriffen. Seit Mai gab es hier, am Hasselbachplatz und rund um das Allee-Center etwa tausend Kontrollen mit 206 Strafanzeigen.

Inzwischen scheint aber auch im Strubepark der „Verdrängungseffekt“ einzusetzen. Dass es hier mal anders aussah, zeigt ein Zufallsfund im Gebüsch. Ehrlichs Kollege Polizeimeister Pascal Arnold findet in einem angrenzenden Gebüsch noch ein Tütchen Cannabis.

Die Ausbeute in einer Schicht: Neun Personen haben die Polizisten durchsucht, achtmal konnten sie Drogen sicherstellen bzw. beschlagnahmen. In einem Fall konnte am Abend in der Freien Straße angrenzend zum Strubepark noch ein 20-jähriger Magdeburger gestellt werden. Bei ihm wurde neben einer Feinwaage, sieben Gramm Cannabis auch Bargeld sichergestellt.

Welche Drogen werden am häufigsten sichergestellt?
In Sachsen-Anhalt wurden rund 10.000 Cannabispflanzen und 85 Kilogramm aus den Produkten im Jahr 2018 sichergestellt. Der Marktwert betrug rund 3,6 Millionen Euro. Gefolgt wird dies von den 7,5 Kilogramm sichergestellten Crystal im Wert von mehr als 600.000 Euro. Heroin (930 Gramm; 14.000 Euro) und Kokain (1,27 Kilogramm (90.000 Euro) liegen weiter hinten bei den Sicherstellungsmengen.

Wie gelangen die Konsumenten an die Drogen?
Neben dem „Straßenhandel“ wird zunehmend auch im „Darknet“ auf Online-Plattformen das Rauschgift bestellt und per Post geliefert. Zudem gibt es weiterhin die klassischen Dealer-Netzwerke.

Was kosten sie?
Ein Gramm Cannabis (Gras) 7 bis 10 Euro, ein Gramm Crystal 80 Euro, und eine Ecstasy-Tablette kostet acht bis neun Euro.