Magdeburg l Bahnbetreiber Abellio fehlen zwei Monate vor der Übernahme zusätzlicher Strecken im Schienennetz von Sachsen-Anhalt weiter Lokführer. Die Personalsorgen hatten sich bereits im August 2018 abgezeichnet. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Abellio (Tochter der niederländischen Staatsbahn) fährt seit 2015 Linien zwischen Halle, Naumburg, Erfurt und Kassel. Zum Fahrplanwechsel ab 9. Dezember 2018 kommt das Unternehmen auch in den Norden Sachsen-Anhalts. Bei der letzten Ausschreibung bekam das Bahnunternehmen den Zuschlag für Sachsen-Anhalts Dieselnetz, das sich vom Harz bis in die Altmark erstreckt. Ein großer Happen. Abellio steigt damit neben DB Regio zum zweiten Großanbieter für Regional-Linien in Sachsen-Anhalt auf. Jedoch: Um alle Linien zu bedienen, braucht das Unternehmen 180 Diesel-Lokführer.

Abellio löst HEX im Harz ab

Abellio löst ab Dezember im Harz den Anbieter HEX ab. Die meisten Lokführer und Schaffner sind vom alten zum neuen Unternehmen gewechselt. Anders sieht es im Norden aus, wo bislang DB Regio fährt. Fast niemand ging zu Abellio.

Die Aquise ausgebildeter Lokführer ist schwierig. "Der Markt ist leer", wiederholt Abellio-Sprecher Matthias Neumann am Montag Bekanntes.  Rund 180 Lokführer braucht das Unternehmen für die zusätzlichen Strecken in Sachsen-Anhalt.  170 Arbeitsverträge sind laut Neumann aktuell unterzeichnet, es fehlen noch zehn. Rund 50 der 170 Lokführer bildet das Bahnunternehmen selbst aus - es sind Quereinsteiger, die in zehn Monaten fit gemacht werden für den Job. Eine reguläre Lokführer-Ausbildung dauert 3,5 Jahre. "Zwei der vier Kurse sind fertig, zwei Kurse enden im 1. Quartal 2019", so Matthias Neumann. Zwei Lehrgänge werden also nicht rechtzeitig fertig.

Hilfe aus Baden-Württemberg

Um das sich abzeichnende akute Personalloch in Sachsen-Anhalt zwischen Dezember 2018 und dem 1. Quartal 2019 zu stopfen, sollen Abellio-Lokführer aus Baden-Württemberg aushelfen. Auch dort bildet Abellio Lokführer aus. "Sie werden jetzt fertig, in Baden-Württemberg aber erst im 2. Halbjahr 2019 benötigt", sagte Unternehmenssprecher Matthias Neumann.

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL kann über die Personalsorgen bei Abellio nur den Kopf schütteln. Seit zweieinhalb Jahren weiß Abellio, dass es das Dieselnetz im Norden von Sachsen-Anhalt übernimmt. „Da hat wohl irgendwer geschlafen“, sagte Reinhold Vieback, GDL-Bezirkschef Mitteldeutschland bereits im August 2018. „Das ist keine vorausschauende Planung.“ Allerdings räumt auch die Gewerkschaft ein: In ganz Deutschland mangelt es an Lokführern. „Der Markt ist abgegrast“, sagt GDL-Sprecher Stefan Mousiol. Er sitzt in der Zentrale in Frankfurt/Main. Die Gewerkschaft gibt früheren Bahnmanagern eine Mitschuld an der Misere. Jahrelang wurde Personal abgebaut und sogar autonomes, also führerloses Fahren propagiert. Nun sucht auch der Platzhirsch Deutsche Bahn allein 2018 1600 Lokführer. 1000 wurden bis August eingestellt.

Trotz der Engpässe bereut es Sachsen-Anhalt nicht, das Dieselnetz an Abellio vergeben zu haben. Dafür zuständig ist die landeseigene Nahverkehrsgesellschaft Nasa. Die waren vor allem angetan von den nagelneuen Fahrzeugen, die Abellio einsetzen will. Die sind schneller und moderner – bieten W-LAN und ein digitales Infopaket mit Anschlusszeiten, Lesegeschichten und Zugang zur ARD-Mediathek. Zudem hat künftig jeder Zug einen Schaffner und damit einen Ansprechpartner für die Reisenden an Bord. So steht es im Vertrag.