Magdeburg l Die Baubranche im Land boomt. Die Auslastung der Unternehmen liegt bei 80 Prozent – in Einzelfirmen gar darüber. Zugleich steht die Branche vor einem gewaltigen Umbruch. Bis 2030 gehen allein in Sachsen-Anhalt mehr als 10.000 Fachkräfte in den Ruhestand.

Weil die Nachfrage steigt, wird der Wirtschaftszweig im selben Zeitraum fast 11.000 Nachwuchskräfte benötigen. So steht es im aktuellen „Schwarzbuch“ zur Fachkräftelage des Bauindustrieverbands Ost. Die Organisation vertritt die Interessen von 260 meist größeren Firmen etwa im Straßen- und Hochbau mit rund 20.000 Beschäftigten in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Berlin und Brandenburg.

Einschränkungen in jedem fünften Unternehmen

Die Nachwuchssuche indes gestaltet sich schwierig: 2018 gelang es nur noch jedem zweiten ostdeutschen Unternehmen, seine Ausbildungsstellen zu besetzen. Laut Arbeitsagentur waren im Juli allein im Hochbau noch 116 Stellen im Land unbesetzt.

Dem „Schwarzbuch“ zufolge führte der Mangel 2018 bereits in jeder fünften ostdeutschen Firma zur Behinderung der Bautätigkeit. Zehn Jahre zuvor war das nur in jeder 50. Firma der Fall.

In Sachsen-Anhalt musste ein Drittel der Firmen Aufträge bereits ablehnen, häufigster Grund: Personal-Engpässe. Beim Baugewerbeverband, der 350 kleine bis mittelständische Betriebe vertritt, ist die Lage ähnlich: Angesichts voller Auftragsbücher könnten Firmen bis zu 3000 Arbeitnehmer einstellen, sagte Geschäftsführer Giso Töpfer.

Leidtragende sind oft Auftraggeber wie Städte und Gemeinden. Wegen zu hoher Hürden seien öffentliche Aufträge oft un- attraktiv, teilte der Bauindustrieverband Ost mit. Genthin etwa musste zuletzt wochenlang auf einen Interessenten für die Sanierung seines Wasserturms warten. Dem Nachwuchsmangel versucht die Branche etwa durch Kooperation mit Schulen, Vereinen und Messeauftritten zu begegnen. Über eine Kooperation mit der Mongolei lernen aktuell zudem 60 Azubis aus dem asiatischen Land im Bau-Bildungs-Zentrum Magdeburg, der überbetrieblichen Ausbildungsstätte der Bauwirtschaft im Land.

Eine Reform des Mittelstandsförderungsgesetzes aus dem Haus von Wirtschaftsminister Armin Willingmann (SPD) soll die Personalnot nun weiter dämpfen. Mit neuen Fördermöglichkeiten zur Unternehmensnachfolge sowie zur Deckung des Fachkräftebedarfs habe die Landesregierung wichtige Punkte aufgenommen, sagte Bauindustrie-Geschäftsführer Robert Momberg. Der Wirtschaftsausschuss will heute über das Papier beraten.

Wenig Begeisterung herrschte in der Branche indes zuletzt über Willingmanns Entwurf für ein neues Vergabegesetz. Das Gesetz legt fest, welche Kriterien Firmen erfüllen müssen, um an öffentliche Aufträge zu gelangen. Der Entwurf sah neben Bürokratieabbau auch neue Auflagen wie Angaben über die Zahl befristeter Beschäftigter vor. Momberg hält das für falsch. Schon 2017 hätten sich 17.000 Mitarbeiter im Verbandsgebiet nur mit Bürokratie befassen müssen.

Bürokratiehürden abbauen, fordert unser Autor in seinem Kommentar zum Thema.