Magdeburg l In Magdeburg leben gut 28.500 Kinder im Alter von 0 bis 13 Jahren. 2007 waren es 21.000. Das ist eine Steigerung um 35 Prozent in nur zehn Jahren. Landesweit liegt das Plus in dieser Altersgruppe bei 6 Prozent.

Steigende Geburtenzahlen und Zuwanderung sind auch in den Kinderarztpraxen zu spüren. Zwei Stunden sind normal. „Während der Grippewelle in den vergangenen Wochen waren es sogar vier bis fünf Stunden“, sagt der Magdeburger Kinderarzt Gunther Gosch. Auf vorgeschriebenen Untersuchungen müssen Eltern monatelang warten. „Wir vergeben jetzt für November“, sagt Gosch. „Wenn ich am Montag um 8 Uhr die Praxis öffne, sind schon 50 bis 100 Patienten da“, erzählt der Arzt. In seinem Wartezimmer stehen 60 Stühle.

Gravierende Lücken gibt es auch in Stendal. Da hatten vor Jahren ältere Kollegen aufgehört, nun sind nur noch drei der einst fünf Praxen besetzt. Christina Döring etwa betreut 1200 kleine Patienten; damit ist das Limit erreicht. Neugeborene nimmt sie mit auf, aber Zugezogene habe meist keine große Chance. „Wir verweisen dann auf andere Praxen.“ Dann müssen Eltern auf die Suche gehen.

Vorgaben bremsen Zulassungen

Doch der Andrang hat nicht allein demografische Ursachen. So sind die vorgeschriebenen Untersuchungen und Impfungen immer umfangreicher geworden. Zudem gehen Eltern mit ihren Kleinsten heutzutage öfter zum Arzt als früher. „Eltern sind ängstlicher geworden, die Konsultationsfrequenz ist deutlich gestiegen“, resümiert Gosch. Sachsen-Anhalt hat derzeit etwa 150 niedergelassene Klinderärzte und bräuchte deutlich mehr, stellt die Ärztekammer fest. Vor allem in der Altmark. Aber auch die Magdeburger beklagen Lücken. In der Stadt behandeln derzeit 22 Kinderärzte ambulant. „Wir bräuchten mindestens zehn weitere“, schätzt Gosch.

Darüber entscheidet in Sachsen-Anhalt der Zulassungsausschuss. In dem Gremium sitzen Krankenkassen und Kassenärztliche Vereinigung (KV). Die KV verweist auf die bundesweiten Vorgaben. Demnach stehen zum Beispiel Magdeburg eigentlich nur 16 Kinderärzte zu. Sechs haben schon eine Sonderzulassung. Die Stadt sei also voll versorgt und für weitere Praxen gesperrt. Aus Sicht der Ärzte weltfremd. „Die Vorgaben sind nicht mehr zeitgemäß“, sagt Kinderarzt Gosch.

Die KV hingegen sieht das Dilemma mit weiteren Zulassungen nicht gelöst. Denn das Hauptproblem heißt: Nachwuchsmangel. Für etliche Praxen „finden sich derzeit keine Ärzte“, schreibt die KV. Mit Sonderstipendien will man junge Ärzte im Land halten. Doch das reicht wohl nicht. Das Land sollte nach Ansicht der Kassenärzte deutlich mehr jungen Leuten eine Chance auf ein Medizinstudium geben. Derzeit nehmen die Unis Halle und Magdeburg jährlich 400 Studenten auf.

Weite Wege für Eltern und Kind

Es gibt auch regionale Unwuchten. So hat Halle mit etwa 30 Praxen mehr Kinderärzte als das gleichgroße Magdeburg. Das rührt noch aus DDR-Zeiten: Da es damals dort mehr Praxen gab, haben die Bestandssschutz. Magdeburg hat also Pech.

Für betroffene Eltern bleibt oft nur der Ausweg, in die Nachbarregion zu schauen. In der Kinderarztpraxis Wanzleben etwa wartet man in normalen Zeiten keine halbe Stunde. Das spricht sich herum. „Ein Viertel unserer Patienten kommt aus Magdeburg“, sagt Kinderarzt Roland Achtzehn.

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