Magdeburg l Beim 17. Prozess­tag gegen den Halle-Attentäter sind gestern diejenigen zu Wort gekommen, die von allen die längste Zeit mit dem Angeklagten seit seiner Verhaftung verbracht haben. Es sind die Justizbeamten und Psychologen.

Nach dem Fluchtversuch am 30. Mai aus dem „Roten Ochsen“, der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Halle besteht der Lebensraum von Stephan B. jetzt in der JVA Burg aus ein paar Schränken, einem Bett und einem Stuhl. In der kameraüberwachten 11,7 Quadratmeter großen Zelle gibt es nur eine Toilette und ein Waschbecken. Kaum Platz für seine abendlichen Liegestütze, von dem die Bewacher berichten. Mehr Sport dürfe nicht sein, nur ein täglicher Hofgang allein unter Bewachung ist möglich. „Er erhält auch zwei Zeitungen“, sagt einer seiner Bewacher aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Burg. Es handelt sich um die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Einen Fernseher habe er auch beantragt, aber noch nicht erhalten. Der 45-jährige Justizbeamte, der über seine Zeit mit Stephan B. spricht, findet nur positive Worte über seinen Gefangenen: „Er kennt Umgangsformen, die auf dieser Station sehr selten sind.“

Den wohl besten Zugang hatte der Gefängnis-Psychologe der JVA in Halle zum Angeklagten. Der 53-Jährige sagt im Gericht aus: „Ich glaube, ich habe mit ihm in diesen wenigen Monaten mehr gesprochen, als andere in sieben Jahren.“

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In den ersten Wochen habe er den Gefangenen mehrmals aufgesucht, um eine Suizidgefahr auszuschließen. Später, als klar war, dass dies nicht der Fall ist, wollte Stephan B. dennoch die Gespräche fortführen. Dabei entpuppte sich zusehends ein Verhaltensmuster. Während der Angeklagte sonst „eine emotionale Kälte „ausstrahlt, zeigt er bei kontroversen Diskussionen Regungen.

„Da kommt dann dieses Lachen, das überhaupt nicht zur Situation oder dem Gesprochenen passt“, sagt der Zeuge. Ansonsten habe er keinerlei Mitleid beim Angeklagten vernommen, als es zum Beispiel um die beiden Todesopfer ging. Stephan B. habe sie nur verbal bedauert. Für die beiden Schwerverletzten fand er das Wort „Kollateralschäden“. Emotional erregt zeigte sich Stephan B. nur in weltanschaulichen Fragen. In einem Fall sei er sogar vom Tisch aufgesprungen, woraufhin er ermahnt werden musste.

Stephan B. habe dem Gefängnis-Psychologen auch gesagt, dass er eine lebenslange Freiheitsstrafe hinnimmt: „Für ihn steht fest, dass er nicht mehr heraus kommt.“ Er würde sogar eher die Todesstrafe akzeptieren, als dem Steuerzahler 30 oder 40 Jahre im Gefängnis auf der Tasche zu liegen.

Am Rande berichtet der Zeuge auch von einer Art Fanpost an Stephan B. In Halle habe er einige Briefe erhalten. Einer Frau antwortete er auch zwei oder drei Mal und zeichnete etwas dazu. Zu den Inhalten dürfe der Psychologe aber keine Angaben machen. Solche Briefe an prominente Mörder sind nichts Ungewöhnliches. Auch der norwegische Massenmörder Anders Behring Breivik erhielt eine Reihe solcher Liebesbriefe. Psychologen nennen es übrigens Hybristophilie, wenn Menschen sich von Schwerverbrechern angezogen fühlen.

Der Prozess wird am 3. November mit den Aussagen der psychiatrischen Gutachter fortgesetzt.

Im Interview von Videojournalistin Samantha Günther äußern sich Rechtsanwalt Alexander Hoffmann und Grünen-Bundestagsabgeordneter Cem Özdemir zum 17. Prozesstag.