Der Rammelsberg

Das Erzbergwerk im Rammelsberg bei Goslar war eine der weltweit reichhaltigsten Förderstätten. Erste urkundliche Erwähnung: 968. Die über 1000-jährige Förderung von Silber, Blei, Kupfer und Zink machte Goslar im Mittelalter neben Köln zu einer der reichsten Städte im Heiligen Römischen Reich.

Bis zu Stilllegung 1988 wurden die Bergbaurückstände in zwei Teiche geleitet, obwohl darin noch Metalle und andere Wertstoffe enthalten waren. Bei Routineüberprüfung von Schlammproben aus den 1980er Jahren wurden Indium, Gallium und Kobalt gefunden. Auch Gold wurde nachgewiesen.

Wenn die jetzt angelaufenen Probebohrungen diese Vermutung bestätigen, will eine Arbeitsgruppe aus Instituten und Unternehmen den Schlamm zehn Jahre lang fördern und ausbeuten. Der Metallwert in dem See wird zwischen 350 und 500 Millionen Euro angenommen.

Der Rammelsberg sei herausragend, betonen die Experten. Dennoch könnte in Zukunft auch im Ostharz die moderne Verwertung von Bergwerksabraum möglich sein. Denkbar sei dies vor allem im Mansfelder Land.

Goslar l Der Weg über den holprig-schlammigen Pfad am Waldrand der Ortschaft Oker zu den „seltenen Metallen“ ist ein Treffpunkt der „seltenen Medien“. Gleich mehrere private und öffentlich-rechtliche Kamerateams stehen am Bollrich, einem kleinen Tümpel unweit von Goslar. Sie lassen Kameradrohnen steigen und führen im Schilf Interviews.

Grund: Dieser Bergteich, jahrhundertelang Abraumfläche des nahen Erzbergwerkes Rammelsberg, enthält vermutlich Schlamm mit beachtlichen Anteilen von Edelmetallen. Eine Schatzgrube soll er sein, der See. Allein 1,5 Tonnen Gold werden dort vermutet, um nur ein Beispiel zu nennen. Dies sagen keine Geringeren als mehrere Professoren der Technischen Universität Clausthal, Institusleiter und Partnerunternehmen aus der Industrie, die gemeinsam eingeladen haben.

Gold, Silber Zink und Kupfer

Torsten Zeller, Chef vom Clausthaler Cutec-Institut, führt stellvertretend in das Thema ein – auf einem Plastikstuhl stehend. Etwa drei Prozent des Schlamms enthalten Metalle wie Gold, Silber, Zink und Kupfer. Doch vor allem das seltene Indium erregt die Gemüter. „Wir rechnen mit etwa 100 Tonnen Indium, 180 Tonnen Gallium und 1000 Tonnen Kobalt“, zählt er auf.

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Diese wertvollen Rückstände im Abraum haben bis zur Stilllegung des Erzbergwerkes Rammelsberg 1988 niemand interessiert, weil es bis dahin keinen Bedarf an seltenen Metallen gab. Dies änderte sich nach der Jahrtausendwende mit dem Aufkommen von LCD-Monitoren, Smartphones und Solarzellen.

Alte Proben angesehen

Auf die Schlamm-Spur von einem vor allem im Mittelalter bedeutenden Erzbergwerk kamen die Wissenschaftler eher zufällig. „Wir haben uns im Archiv alte Proben aus den 1980er Jahren genauer angesehen und hoppla, dann haben wir uns sehr gewundert“, erzählt Tristan Niewisch vom beteiligten PDV-Software-Labor. Weitere Proben wurden untersucht. Inzwischen sind sich die Wissenschaftler und Bergbauexperten einig: Im jahrhundertealten Abraumschlamm lagern solche Mengen an Edelmetallen, die ein Recycling der schwarzbraunen Masse sinnvoll erscheinen lassen.

Nach vorsichtigen Hochrechnungen wird angenommen, dass in dem etwa 500 Meter mal 400 Meter großen See 1,5 Tonnen Gold, 200 Tonnen Silber, 14 000 Tonnen Kupfer, 70 000 Tonnen Blei, 100 000 Tonnen Zink und eineinhalb Millionen Tonnen Schwerspat (Baryt) lagern. „Würde man das alles fördern, hätte es einen Marktwert zwischen 350 und 500 Millionen Euro“, beziffert Prof. Norbert Meyer, Geotechniker der TU Clausthal. Wertvoll genug, um vom Bundesforschungsministerium Unterstützung für eine Probebohrung zu bekommen. Sie soll Gewissheit bringen über die tatsächliche Zusammensetzung des Schlammes.

Schlamm aus 14 Meter tiefer Erdschicht

„14 Meter tief“, ruft Arnold Johannsen vom Bohr-Ponton ans Ufer herüber und streckt eine frisch gefüllte Schlammpatrone in die Höhe. Drei Mitarbeiter sind auf dem Ponton damit beschäftigt, eine Patrone nach der anderen in die Tiefe zu drehen. Wie weit sich der Schlamm jahrhundertelang in dem See aufgeschichtet hat, werden die Bohrungen zeigen. Die Wassertiefe beträgt nur ein bis drei Meter. Noch heute werden über einen kleinen Nebensee täglich 5000 Kubikmeter Wasser aus dem Rammelsberg eingeleitet. Das saure Wasser wird über Kalkzufuhr chemisch neutralisiert.

Wer meint, selbst mit Schüssel und Cowboyhut am Bollrich auf Goldsuche gehen zu müssen, wird wohl enttäuscht werden. Nicht nur, dass der See eine verbotene Zone ist. Tristan Niewisch schmunzelt: „Das Gold steckt tief im Kupferkies. Das lässt sich ohne aufwendige Aufbereitungsverfahren nicht herauslösen.“

Wenn die Probebohrungen erfolgreich sind, will die Goslarer Arbeitsgemeinschaft die technischen Fragen der Förderung des Schlamms klären und dann loslegen. Von etwa sieben Millionen Tonnen Schlamm gehen die Experten aus.

70 neue Jobs?

Geotechniker Meyer: „Bis zum Beginn der eigentlichen Arbeiten könnten noch einmal bis zu drei Jahre vergehen. Dann wird es etwa zehn Jahre dauern, den Schlamm zu fördern und auszubeuten.“ 70 zusätzliche Arbeitskräfte, wurde in Goslar hochgerechnet, könnte das Schlamm-Recycling bringen. Über ein solches Jobprogramm würden sich bestimmt auch andere Harzregionen freuen. Wird dort bald jede Abraumhalde aus alten Bergbauzeiten zur Goldgrube? Daniel Goldmann, Rohstoffexperte von der TU Clausthal: „Dieser Abraumsee des Erzbergwerkes Rammelsberg ist schon sehr einmalig. Aber wir schauen uns derzeit auch in andere Regionen um, auch im Ostharz.“

Es sei jedoch zu früh für Details. Goldmann zuversichtlich: „Wir möchten keine falschen Hoffnungen wecken. Aber man kann sicher sagen, dass die Region Mansfelder Land mit ihrer Bergbaugeschichte in dieser Richtung sehr interessant ist.“