Dienstberatung zu Flutschäden

Nach dem Hochwasser hatten Ministerpräsident Reiner Haseloff und Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) am Sonnabend die Flutgebiete im Harz besucht und mit Betroffenen gesprochen. Dabei versprach der Ministerpräsident, das Kabinett werde sich mit nötigen Hilfsmaßnahmen befassen. Ein Arbeitsstab sei bereits eingerichtet worden. Auch mit Versicherern wollte Haseloff sprechen. Heute tritt die Landesregierung zu einer Dienstberatung zum Thema zusammen. Ob und in welchem Umfang auch Privatleute mit eingeschränktem oder ohne Versicherungsschutz auf Hilfen hoffen können, ist bislang unklar. (aw)

Harsleben l Manfred Fischer kommen immer wieder die Tränen, wenn er von der Flutnacht erzählt. Bis halb vier am Donnerstagmorgen war es ihm, seiner Frau und seiner Schwester noch gelungen, das Wasser jenseits der Türschwelle zu halten. Die drei älteren Leute hatten auf dem Tritt Sandsäcke aufgeschichtet, Decken und sogar Windeln hinter den Eingang gestopft. Es half alles nichts. Am Ende kam sie doch – die letzte Flutwelle, die alles zunichte machte.

Von der Straße, vom Hof, durch den Keller – sogar durch die Wand des Badezimmers seien die Wassermassen in sein Elternhaus gedrängt, erzählt der Rentner und wischt sich mit dem Handtuch über die Wangen. Durch die Dunkelheit der Nacht sei er bis zur Hüfte im eiskalten Wasser über den Hof gewatet, um wenigstens den Hund zu retten. Das ganze Ausmaß des Schadens wurde dann am Morgen sichtbar: Das Erdgeschoss war komplett überflutet, Möbel und Werkzeuge unbrauchbar, Fußböden, Wände und Türrahmen quollen auf. Im Keller hatte das Wasser die Gasheizung zerstört. Im Garten waren zwölf von Fischers Zuchttauben in ihren Brutkästen ertrunken.

Studen des Schreckens

Der Familie werden die Stunden als Nacht des Schreckens in Erinnerung bleiben. „Wir hatten ja öfter mal Fluten und auch immer mal Wasser im Keller“, sagt Ehefrau Christiane Fischer. „So schlimm wie diesmal war es aber noch nie.“

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Den Eindruck teilen viele im 2000-Seelen-Ort. Dass der schon in dieser Woche wieder harmlos dahinplätschernde Goldbach sich je in einen so reißenden Strom verwandelt hätte, daran können sich auch die Ältesten kaum erinnern. Bürgermeisterin Christel Bischoff sieht Harsleben dann auch am schlimmsten von allen Gemeinden im Harzkreis betroffen. „Auch in Wernigerode, Silstedt oder Ilsenburg gab es schwere Schäden“, sagt sie. „Wir aber hatten hier ein Zweihundert-Jahr-Hochwasser.“ Nach einem Rundgang mit Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) am Sonnabend hat Bischoff inzwischen eine Liste erstellt. Mehr als zwei Dutzend Anlieger beklagen demnach teils schwerste Gebäudeschäden.

Bangen und Hoffen im Harz

Harsleben/Derenburg/Wernigerode (dt) l Am Tag nach der Hochwasser-Situation bleibt die Lage in Harsleben bei Halberstadt weiter kritisch. Währenddessen beginnen vierlerorts im Harz, zum Beispiel in Derenburg und Wernigerode, die Aufräumarbeiten nach der Katastrophe.

  • In Harsleben sind beim Hochwasser des Goldbaches Schlauchboote im Einsatz. Foto: Dennis Lotzmann

    In Harsleben sind beim Hochwasser des Goldbaches Schlauchboote im Einsatz. Foto: Dennis Lotzmann

  • Den Einwohnern von Harsleben steht das Wasser bis zur Hüfte. Foto: Dennis Lotzmann

    Den Einwohnern von Harsleben steht das Wasser bis zur Hüfte. Foto: Dennis Lotzmann

  • Der Goldbach überflutet am Donnerstag ganze Grundstücke in Harsleben bei Halberstadt. Foto: Dennis Lotzmann

    Der Goldbach überflutet am Donnerstag ganze Grundstücke in Harsleben bei Halberstadt. F...

  • Einsatzbesprechung in Harsleben mit Gemeindechefin Christel Bischoff (Mitte) und Feuerwehrleuten. Foto: Dennis Lotzmann

    Einsatzbesprechung in Harsleben mit Gemeindechefin Christel Bischoff (Mitte) und Feuerwehrleuten....

  • Dieser Junge beteiligt sich bei den Aufräumarbeiten in Derenburg. Foto: Matthias Strauß

    Dieser Junge beteiligt sich bei den Aufräumarbeiten in Derenburg. Foto: Matthias Strauß

  • Nach dem Dauerregen und dem folgenden Hochwasser im Harz sind die Aufräumarbeiten in vollem Gange - so wie in Derenburg. Foto: Matthias Strauß

    Nach dem Dauerregen und dem folgenden Hochwasser im Harz sind die Aufräumarbeiten in vollem ...

  • Erst befüllen und dann wieder entladen: Helfer und THW holen den Sand aus den Säcken. Foto: Matthias Strauß

    Erst befüllen und dann wieder entladen: Helfer und THW holen den Sand aus den Säcken. F...

  • In Harsleben musste am Donnerstag noch geschippt werden. Foto: Dennis Lotzmann

    In Harsleben musste am Donnerstag noch geschippt werden. Foto: Dennis Lotzmann

  • Helfer reichen am Donnerstag in Langenstein (Sachsen-Anhalt)  mithilfe einer Menschenkette Sandsäcke weiter. In dem Ort droht ein Hang abzurutschen. Die Sandsäcke sollen den Hang beschweren und stabilisieren. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa-Zentralbild/dpa

    Helfer reichen am Donnerstag in Langenstein (Sachsen-Anhalt) mithilfe einer Menschenkette Sands&...

  • Etwas hilflos aber mit viel Zusammenhalt kämpfen die Menschen am Donnerstag gemeinsam gegen das Hochwasser in Harsleben. Foto: Dennis Lotzmann

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  • Die Wassermassen drückten durch den Hang an der Dorfstraße. Mit Sandsäcken haben Feuerwehrleute und Helfer den Hang und die dortigen Wohnhäuser gesichert. Es besteht die Gefahr, dass der Hang abrutscht. Foto: Jörg Endries

    Die Wassermassen drückten durch den Hang an der Dorfstraße. Mit Sandsäcken haben F...

  • Mensch und Tier mussten am Donnerstag in Harsleben in Sicherheit gebracht werden. Foto: Dennis Lotzmann

    Mensch und Tier mussten am Donnerstag in Harsleben in Sicherheit gebracht werden. Foto: Dennis Lo...

  • Helfer vom THW bringen Sandsäcke zu den Häusern, um das Wasser vorm in die Häuser laufen zu stützen. Foto: Regine Glaß

    Helfer vom THW bringen Sandsäcke zu den Häusern, um das Wasser vorm in die Häuser ...

  • Mitarbeiter der Feuerwehr stellt Straßenschild wieder auf. Foto: Regine Glaß

    Mitarbeiter der Feuerwehr stellt Straßenschild wieder auf. Foto: Regine Glaß

  • Helfer schleppen Sandsäcke durch die Innenstadt. Foto: Regine Glaß

    Helfer schleppen Sandsäcke durch die Innenstadt. Foto: Regine Glaß

  • Nach dem Hochwasser in Wernigerode: Wassermassen haben in der Holtemme ein Wehr samt Fischtreppe weggerissen, auf der Straße Insel klafft ein riesiges Loch, die Stützmauer hat sich gesenkt. Foto: Regina Urbat

    Nach dem Hochwasser in Wernigerode: Wassermassen haben in der Holtemme ein Wehr samt Fischtreppe ...

  • Hubschraubereinsatz der Bundeswehr laden BigBags in Silstedt ab um einen Deich zu stabilisieren. Foto: Matthias Bein

    Hubschraubereinsatz der Bundeswehr laden BigBags in Silstedt ab um einen Deich zu stabilisieren. ...

  • Aufräumen nach der Flut in Wernigerode. Foto: Uta Müller

    Aufräumen nach der Flut in Wernigerode. Foto: Uta Müller

  • Gemeinsames Aufräumen nach der der Flut in Wernigerode: Foto: Uta Müller

    Gemeinsames Aufräumen nach der der Flut in Wernigerode: Foto: Uta Müller

  • In Harsleben steht nach dem Hochwasser des Goldbaches immer noch Wasser in den Straßen. Foto: Matthias Strauß

    In Harsleben steht nach dem Hochwasser des Goldbaches immer noch Wasser in den Straßen. Foto...

Im Haus von Thomas Koch etwa, nur wenige Meter von den Fischers entfernt, hat das Wasser ebenfalls das gesamte Erdgeschoss überflutet. Der Wohnzimmerboden – inzwischen vom zerstörten Belag beräumt – sieht aus wie der schlammige Grund eines Tümpels.

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40 Zentimeter hoch Wasser im Haus

Noch ärger hat es die Nachbarn Ralf Meldau und Rainer Erdmann erwischt. In Meldaus Haus stand das Wasser 40 Zentimeter hoch. Bei den Erdmanns haben die Fluten gar so schlimm gewütet, dass die Familie vorerst in einer Wohnung leben muss. „Badewanne und Möbel sind mir in der Flutnacht entgegengekommen“, erzählt Erdmann.

Während jetzt – eine Woche nach dem Hochwasser – noch immer Sandsäcke und zerstörte Möbel das Straßenbild prägen, zögert mancher Anwohner mit den Aufräumarbeiten. Überall stehen die Fenster der Häuser offen. „Erst muss die Feuchtigkeit raus, danach können auch die Reparaturen beginnen“, sagt Ralf Meldau in dem Raum, der einst das Kinderzimmer seiner Tochter war.

Der 62-Jährige wartet allerdings auch aus einem weiteren Grund: Ein Gutachter der Versicherung soll sich die Schäden im Originalzustand ansehen. Meldau hofft auf Erstattung. Ob er die bekommen wird, ist allerdings fraglich. Wie viele im Ort hat er zwar eine Hausrat-, aber keine Elementarversicherung für Hochwasserschäden. Der Harsleber hofft daher auf Reiner Haseloff, der auch sein Haus besucht hatte. „Er hat uns versprochen, auch denen zu helfen, die keine Versicherung haben“, sagt er.

Über solche Unterstützung würden sich auch die Fischers freuen, die ebenfalls keine Elementarversicherung haben. „Aber wir stehen nicht an erster Stelle“, sagt Christiane Fischer bescheiden. Es gebe viele, die Hab und Gut verloren hätten. Dankbar seien sie zudem schon jetzt für die Hilfe, die sie bekommen haben, ergänzt Manfred Fischer dann noch. So tauchte in der Dunkelheit der Flutnacht morgens gegen vier Uhr plötzlich das Technische Hilfswerk in Schlauchbooten vor dem Haus auf. „Die haben uns Pumpen und Sandsäcke gebracht“, sagt Fischer. „Vor allem aber haben sie uns seelisch beigestanden.“ Dann übermannen den Rentner wieder die Tränen: „Ohne die Hilfe hätten wir es nicht geschafft.“

In unserem Liveticker können Sie die Geschehnisse im Harz nachlesen.