Magdeburg l Laster an Laster rollt an diesem Mittwochmorgen auf der äußeren rechten Spur der A 2 in Richtung Berlin. Auf der Mittelspur drängelt sich der Verkehr mit höheren Geschwindigkeiten vorbei. Auf den Bildschirmen kann Polizeioberkommissar Thomas Skudinski jeden einzelnen von ihnen nicht nur deutlich sehen, sondern auch dessen Geschwindigkeit und Abstand zum Vordermann erkennen. Letzteres machen weiße aufgebrachte Querstriche auf der Fahrbahn möglich, die einen Abstand von 50 Metern haben. Dieser ist nach der Straßenverkehrsordnung bei einer Geschwindigkeit von etwa 80 km/h bei Lkw vorgeschrieben. Bei Pkw gilt die unverbindliche Faustregel, dass der Abstand mindestens die Hälfte des Tachowerts ausmachen sollte.

Videoauswertung

Von der Brücke bei Irxleben filmen mehrere Kameras die Fahrspuren. Erkennt das Gerät eine Abstands-Unterschreitung von 40 Metern, löst die Aufnahme aus und sichert alles. „Normalerweise werten wir die Verstöße später in der Dienststelle aus und schicken die Bilder dann über die Bußgeldstelle an die Betroffenen“, sagt Skudinski. Bei immerhin 280 Fahrzeugen in den ersten beiden Stunden der Kontrolle ist das auch der Fall. Hochgerechnet sind das Abstandsverstöße alle zwei bis drei Minuten. Am Ende kommen rund 700 mutmaßliche Verstöße zusammen, die nach der Auswertung im Revier in die Zentrale Bußgeldstelle geschickt werden.

Doch an diesem Mittwoch ist das alles etwas anders. Die Beamten wollen möglichst viele Sünder gleich stoppen und mit ihrem Verstoß konfrontieren. Polizeioberkommissar Frank Müller von der Autobahnpolizei: „Das hat den besten erzieherischen Effekt.“

Bilder

Doch genau das stellt die Polizisten vor eine besondere Herausforderung. Die Polizeiinspektion Technische Dienste baute extra für diesen Einsatz eine Funkstrecke zu einem mehrere hundert Meter weiter entfernten Parkplatz der Autobahnpolizei auf. Darüber werden die Bilder aus dem Wagen der messenden Beamten an die Kollegen in dem zweiten Fahrzeug mit weiteren Monitoren auf dem Parkplatz gesendet. Dort empfangen Frank Bergmann und Silvio Hartwig bereits die ersten Abstandssünder, die pendelnde Polizeifahrzeuge bringen. Die Pkw- und Lkw-Fahrer können sich bei ihnen die Verstöße auf dem Bildschirm ansehen und vor Ort dazu Stellung nehmen.

Der 72-jährige Fahrer eines 40-Tonners aus Berlin wird gerade auf den Parkplatz geleitet. Er hat Blumen geladen und will diese von Geldern an der holländischen Grenze nach Berlin bringen. „Ausgerechnet mich erwischt es. Meine Abstandskontrolle habe ich extra auf 60 Meter eingestellt. Normalerweise bremst das Fahrzeug dann ab“, sagt er.

66.000 Fahrzeuge pro Tag

Auf dem Monitor zeigt ihm Polizist Bergmann, dass sein Sicherheitsabstand nur bei der Hälfte lag. Der Berliner wird wohl die 80 Euro Bußgeld plus 25 Euro Bearbeitungsgebühr zahlen müssen, wenn er in den nächsten Wochen wie alle anderen Post von der Zentralen Bußgeldstelle erhält. Hinzu kommt noch ein Punkt in Flensburg. „Ich sitze seit 50 Jahren auf dem Bock, aber eine Abstandskontrolle hatte ich noch nicht“, sagt der Rentner, der sich mit dem Job während der gartenfreien Saison etwas dazu verdienen wollte. Es sei ohnehin sehr gefährlich auf der „Warschauer Allee“, wie er die A2 bezeichnet. Täglich rollen etwa 66.000 Fahrzeuge über die rund 85 Doppelkilometer zwischen Marienborn und Theeßen. Darunter befinden sich 17.500 Lkw, die meisten aus dem osteuropäischen Raum.

Der Truckerfahrer meint, dass die Kontrollen durchaus ihre Berechtigung auf der A 2 haben: „Ich will ja auch wieder gesund nach Hause kommen.“

Auch Autofahrer seien eine zunehmende Gefahr, meint er. Das bestätigt auch Polizeioberkommissar Müller. Vor allem im Zusammenhang mit zu hohen Geschwindigkeiten gebe es die meisten Verletzten. Insgesamt krachte es hier 1168-mal. In 244 Fällen wegen fehlenden Sicherheitsabstandes. Fast jeder fünfte Unfall sei demnach durch einen fehlenden Sicherheitsabstand verursacht worden. Rechne man noch die überhöhte Geschwindigkeit dazu, ist man statistisch schon bei 30 Prozent.

4506 Autobahnunfälle in Sachsen-Anhalt

Landesweit liegen die Zahlen nach Angaben des Innenministeriums auf Autobahnen etwas anders. So gab es 2018 auf allen Autobahnen des Landes 4506 Unfälle. An 782 dieser Zusammenstöße spielte der fehlende Sicherheitsabstand die Hauptrolle. Das ist fast jeder sechste Autobahnunfall.

In diesem Moment lotsen die Polizisten einen polnischen Lkw-Fahrer in die Haltebucht. Der 40-Jährige spricht außer Polnisch nur einige Brocken Russisch. „Irgendwie können wir uns immer verständigen“, sagt Müller. Der Fahrer kann plausibel erklären, dass er gerade einen Lkw überholt hat und in diesem Moment einscherte. Er darf seine Fahrt fortsetzen. 21 seiner Kollegen trifft es härter. Sie müssen als Ausländer bei den Beamten für die Verstöße sogenannte Sicherheitsleistungen in Höhe des geforderten Bußgeldes hinterlegen. Insgesamt sind das an diesem Tag 2250 Euro und 85 britische Pfund. Gezahlt werden darf in nahezu jeder Währung. Insgesamt werden an diesem Tag 32 Lkw gestoppt und kontrolliert.

Auch alle anderen mit dem Messgerät erfassten Fahrzeuge müssen in den nächsten Wochen mit Post von der Bußgeldstelle rechnen. Die Höhe der Strafen ist höchst unterschiedlich. „Je höher die Geschwindigkeit und geringer der Abstand, desto tiefer müssen die Betroffenen in die Tasche greifen“, sagt Müller.

Im Zweifel über den Anwalt

Verkehrs-Rechtsanwalt Ronni Krug von der Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass ein vorübergehender oder verkehrsbedingter zu geringer Abstand nicht zu einer Strafe führen muss. „Das kann man in der Regel auch sehr gut auf den Videos erkennen“, sagt er. Diese müsste man dann aber im Zweifel über seinen Anwalt anfordern.