Landtagswahl 2021

Deutschland blickt nach Magdeburg

Wenn die knapp 1,8 Millionen stimmberechtigten Sachsen-Anhalter am Sonntag einen neuen Landtag wählen, wird die Republik auf das Land zwischen Arendsee und Zeitz schauen. Es ist der letzte Stimmungstest vor der Bundestagswahl. Das Interesse ist enorm. Die Magdeburger Messe wurde für die Berichterstattung in eine gigantische Medienarena umgebaut.

Von Alexander Walter
Ein Messebauer installiert eine Deckenlampe für die Wahlberichterstattung am Sonntag. Erstmals findet die Berichterstattung über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aus den Magdeburger Messehallen statt.
Ein Messebauer installiert eine Deckenlampe für die Wahlberichterstattung am Sonntag. Erstmals findet die Berichterstattung über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt aus den Magdeburger Messehallen statt. Foto: Andreas Lander

Magdeburg - Nur Minuten nach der ersten Wahlprognose werden die Spitzenkandidaten der größeren Parteien Sachsen-Anhalts am Sonntagabend ins Scheinwerferlicht der Kameras treten. Ort der Übertragung: die Magdeburger Messe. Erstmals findet die Berichterstattung über eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt nicht aus dem Parlament, sondern aus den Hallen im Osten der Landeshauptstadt statt.

Die Abstimmung wird im In- und Ausland genauestens beobachtet. Schließlich geht es nicht nur um die Frage, welche Koalition die nächsten fünf Jahre im Landtag von Sachsen-Anhalt regieren könnte. Es ist der letzte Stimmungstest vor der Bundestagswahl am 26. September. Welche Signale gehen von der Wahl für den CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet aus? Wie schneiden die im Osten bislang eher schwächeren Grünen ab? Wo landet die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Olaf Scholz?

Spannend vor allem auch: Wird die CDU die Rechtspopulisten der AfD auf Distanz halten können und mit welchem Abstand? Das Interesse ist groß: Rund 400 Journalisten haben sich für die Berichterstattung angemeldet. TV-Teams kommen außer von ARD, ZDF, RTL oder ntv aus Deutschland auch aus Dänemark, Katalonien oder vom arabischen Nachrichtensender „Al Jazeera“.

Die Messehallen wurden für das Wahlereignis in ein riesiges Medienzentrum verwandelt: In sechs Studios in Halle 2 wird ab Sonntagmittag um 12 gedreht und übertragen. Erst um 0.30 Uhr in der Nacht zum Montag schaltet die letzte Kamera ab.

Eine Magdeburger Event-Agentur, Messebauer, Caterer haben die Hallen so umgestaltet, dass vom Licht übers Studio-Design bis zur Versorgung alles perfekt klappt. Bemessen lässt sich der Aufwand am besten mit einem Blick auf die Zahlen: Allein 25 Kilometer Stromleitungen wurden beim Umbau der Messe verlegt. Hinzu kommen 175 Kilometer Datenleitungen und 13 Kilometer Kamera-Kabel. 92 Studio-Kameras werden den Abend beobachten. Um das Material aufs Gelände zu bringen, waren 66 Sattelzüge notwendig. 23 Übertragungswagen schicken Bilder und Reaktionen live in den Äther.

Der Aufwand war insgesamt sehr hoch, sagt Ursula Lüdkemeier, Pressesprecherin des Magdeburger Landtags. Eine Woche lang hätten die Helfer in der heißen Phase an den Vorbereitungen gearbeitet. Grund für die Verlegung der Wahlberichterstattung in die Messe war die Pandemie. „Es war früh klar, dass Abstandsregeln und Hygiene in der Messe deutlich leichter sicherzustellen sind als im Landtag“, sagt Lüdkemeier. Der Ältestenrat entschied daher, die Messe anzumieten.

Für den Schritt spricht allerdings noch eine weiteres Argument: Bei allem Aufwand ist die für alle denkbaren Zwecke konzipierte Messe viel leichter umzurüsten als das historische Landtagsgebäude. Bei früheren Wahlen waren TV-Teams im Parlament am Domplatz teils schon Wochen vor der Wahl damit beschäftigt, den Plenarsaal umzubauen, sagt Lüdkemeier. „Da mussten zum Beispiel Treppenstufen nivelliert werden.“ In den leeren Messehallen geht der Umbau viel schneller.

Wenn am Sonntag der Startschuss fällt, werden neben den Journalisten unzweifelhaft vor allem die Spitzenkandidaten der Parteien im Land unter Anspannung stehen. Bei ihren Live-Statements vor den Kameras bleiben ihnen nur wenige Minuten, um vor einem Millionen-Publikum ihre Lesart des Bürgervotums auf den Punkt zu bringen. Dafür bekommen sie im Gegenzug davor und danach aber auch Rückzugsmöglichkeiten. In Messehalle 1 erhält jede Fraktion einen eigenen, 260 Quadratmeter großen Raum. Die Parteien können diesen ganz nach eigenen Wünschen gestalten.

Reaktionen wird es indes trotzdem nicht nur in den TV-Studios in Halle 2 geben. Direkt vor den Fraktionsräumen haben die Planer der Wahlübertragung einen Begegnungsort geschaffen.

Auf 500 Quadratmetern sind Stehtische und Trennwände für Interviews aufgestellt. Bis zu 50 Medienvertreter können die Politiker hier gleichzeitig befragen.

Berichterstattung 2.0 bei der letzten Landtagswahl vor der Bundestagswahl also, offene Koalitionsfragen und möglicherweise ein Kopf-an-Kopfrennen zwischen CDU und AfD.

Wie bewerten Experten die Wirkkraft der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt 2021? Professor Thomas Kliche, Politologe an der Hochschule Magdeburg-Stendal, sieht ein eindeutig gesteigertes Medieninteresse im Vergleich zur Wahl 2016: „Möglicherweise wird hier eine überregional bedeutsame Nachricht erwartet“, sagt er. Dass die Wahl als Stimmungsbarometer für die Bundestagswahl im Herbst taugt, glaubt Kliche indes nicht. Der CDU-Spitzenkandidat Reiner Haseloff habe sich früh zu dem im Osten beliebten Markus Söder als Unions-Kanzlerkandidaten bekannt. Rückschlüsse auf Armin Laschet seien daher von dieser Wahl nicht zu erwarten. Zudem wählten viel mehr Menschen in Sachsen-Anhalt die AfD als im Westen Deutschlands.

Es scheint: Die Wahl morgen könnte ein Barometer vor allem für die Stimmung im Osten werden.