Forschung

Zukunftspapier 2035: Das könnte Sachsen-Anhalt in 14 Jahren erreichen

Was können wir besser machen? Was wollen wir erreichen? Diese Fragen hat sich der Demografie-Beirat Sachsen-Anhalts gestellt und seine Visionen in einem Zukunftspapier zusammengefasst. Wie könnte unser Bundesland in 14 Jahren aussehen?

Von Tobias Hofbauer
Mit Bildungs- und Teilhabepaketen profitieren in Sachsen-Anhalt die Arbeitnehmer von Morgen.
Mit Bildungs- und Teilhabepaketen profitieren in Sachsen-Anhalt die Arbeitnehmer von Morgen. Foto: dpa-Zentralbild

Halle-Wittenberg - Der Demografie-Beirat hatte kürzlich das "Zukunftspapier Sachsen-Anhalt 2035" vorgestellt, mit dem das Leben im Land verbessert werden soll. Dazu hat der Beirat mehrere Ideen zusammengefasst und sich die Frage gestellt: "Was passiert, wenn nichts passiert?"

Das Gremium ist im März 2010 vom Ministerium für Landesentwicklung und Verkehr gegründet worden und wird zu Beginn jeder Legislaturperiode neu besetzt. Darin vertreten sind Politiker, Wissenschaftler sowie Vertreter der öffentlichen Verwaltung, der Wirtschaft, von Kommunen und Vereinen.

In erster Linie ist das Papier an die Landes- und Kommunalpolitik gerichtet, denn die seien die Entscheider, erklärt Peer Pasternack, Direktor des Instituts für Hochschulforschung in Halle-Wittenberg und ebenfalls Mitglied des Gremiums. Aber auch organisierte Bürger aus dem Gemeindewesen, wie dem Stadtrat oder aus Vereinen, könnten etwas bewirken.

Das sind die Ideen für die Zukunft

Im Zukunftspapier (Kurzfassung/Langfassung) stehen vor allem die Bereiche Daseinsvorsorge, Infrastruktur und Teilhabe sowie Bildung, Arbeit und Wirtschaft im Fokus. Da es sich um ein sogenanntes Programmpapier handelt, sind die Vorschläge allesamt vage formuliert:

Leben in der Gesellschaft

Um das Leben in der Gesellschaft lebenswerter zu gestalten, könne sich jeder Bürger in den Vereinen engagieren oder sich um den Erhalt und die Eröffnung neuer Dorfläden kümmern. Auch regelmäßige Veranstaltungen oder der Bau und Erhalt von Mehrgenerationenhäusern würden den Menschen dabei helfen, sich untereinander besser zu vernetzen.

Die Politik müsse dringend bürokratische Hürden abbauen und eine regionale Austauschplattform für Mobilität, Versorgung und Dienstleistungsangebote vorantreiben. Um die Kulturpflege kümmert sich dagegen der Landesheimatbund.

Familien

Für Familien sei es am wichtigsten, eine Betreuung nahe am Wohnort und mit flexiblen Arbeitszeiten ermöglicht zu bekommen. Wichtig dabei: Die Betreuungszeiten in den Kitas, Horten und Pflegeeinrichtungen erweitern. Hier sei erneut die Politik gefragt. Die solle auch tätig werden, um eine kostenfreie Kinderbetreuung zu ermöglichen sowie Bildungsangebote, Beratungen oder medizinische Betreuung zu gewährleisten.

Kommunen

Die Verwaltung sei verantwortlich dafür, Altschulden abzubauen und die öffentliche Sicherheit und Ordnung sicherzustellen. Für mehr Gestaltungsrechte in den Ortschaften benötigen diese aber grünes Licht von der Politik. Auch Förderrichtlinien für die Teilnahme der Bürger an der Gesellschaft sollen vereinheitlicht und flexibler gestaltet werden.

Medizinische Versorgung

Der Fokus liegt hier auf der Versorgung der Menschen im ländlichen Raum. Das soll mit Landärzten und Pflegern gelingen. Aber auch wenn Familienangehörige oder Nachbarn pflegen, sollen diese nun angemessen entlohnt werden.

Migration und Integration

Indem die Bürger Vorurteile abbauen, könnten sich die Migranten leichter integrieren und haben mit Organisationen vor Ort Ansprechpartner für wichtige Fragen.

Digitalisierung und Energie- und Wasserversorgung

Der Breitbandausbau sei elementar, um gerade im Vergleich mit den anderen Bundesländern konkurrenzfähig zu bleiben. Sachsen-Anhalt würde auch davon profitieren, wenn es einen Anreiz für Unternehmen gäbe, sich im ländlichen Raum niederzulassen. Ohne entsprechende Vorstöße aus der Politik sei das aber nicht denkbar.

Auch Pasternack sieht den Breitbandausbau als äußerst wichtig, da dieser für viele andere Kerngebiete, wie den Personennahverkehr und die Arbeit von zu Hause, notwendig sei. Die Landwirtschaft zum Beispiel sei mittlerweile so weit digitalisiert, dass viele Abläufe automatisiert ablaufen könnten - da falle die fehlende Netzabdeckung besonders in Gewicht.

Darüber hinaus sollen sich Privathaushalte weitgehend autark mit Energie versorgen können. Für alles andere seien kommunale Versorger da.

Wohnen und öffentlicher Personennahverkehr

Homeoffice möglich machen, kein Zwang in die Ballungsgebiete zu ziehen und bezahlbarer Wohnraum für alle sind weitere Ideen, die es den Menschen im Land erleichtern sollen zu arbeiten. Ist Arbeit von zu Hause nicht möglich, so wird ein gut ausgebautes Schienen- und Busnetz im Nahverkehr umso wichtiger. Für ältere Bürger könne es dagegen helfen, wenn es Mitfahrzentralen mit Hol- und Bringservice oder Rufbusse geben würde. Ebenfalls zukunftssicher: ein fahrradfreundlicher Ausbau der ländlichen Wege.

Arbeit und Wirtschaft

Um auch weiterhin eine starke Wirtschaft zu gewährleisten, bedarf es Fachkräften, die nur mit Investitionen in bestehende Wirtschaftsstrukturen erhalten bleiben. Der bevorstehende Braunkohleausstieg biete dagegen die Möglichkeit, zukunftsweisende Branchen und Industrien im Land anzusiedeln. Welche das genau sein könnten, bleibt im Papier offen.

Bildungschancen

In der frühkindlichen Bildung sei es am wichtigsten, sozial benachteiligte Kinder und deren Chancengleichheit zu fördern. Auch die Ganztagesbetreuung und ein verpflichtendes, kostenloses Kindergartenjahr für alle Vorschulkinder zählen zu den Vorschlägen.

In Schulen müsse gewährleistet werden, dass immer genügend fachlich geeignete Lehrer und Referendare Unterricht halten können, um Ausfällen zu mindern. Man wisse eigentlich genau, wie viele Pädagogen in den Ruhestand gehen werden und könne dementsprechend neues Personal ausbilden, sagt Pasternack zum Thema.

Weiter plädiert das Gremium für einen Wechsel der Schulform ab der 8. Klasse, einen Ausbau von Gesamtschulen sowie umfassende Beratungsangebote für Schüler und Eltern. Kinder sollten zudem auch ohne Schulabschluss vermittelbar sein und die berufliche Orientierung, gerade an den Gymnasien, stärker thematisiert werden.

In der Hochschulbildung würde im Land ein breiteres Studienangebot benötigt werden. Mit individuellen Anreizen für den ländlichen Raum, zum Beispiel der Arbeit als Hausarzt, könne man bestimmt einige Studenten überzeugen, sich für die Region zu entscheiden.

Auch über Studienzeiten hinaus sollen Weiterbildungsangebote in Sachsen-Anhalt weiter ausgebaut werden. So sei es ratsam, in betriebliche Bildung und Gesundheitsvorsorge zu investieren. Gerade bei Menschen, die schon älter als 55 Jahre sind. Denn je besser das Bildungsangebot, die Motivation und der Gesundheitszustand sind, desto länger seien Ältere bereit zu arbeiten.

Zuletzt müssten vom Land Unterstützungsangebote mit Bildungsprämien, steuerlichen Entlastungen und Bildungsurlaub kommen, um den Arbeitnehmern entgegenzukommen.

Kaum finanzielle Mittel notwendig

Für die Umsetzung vieler Ideen bedarf es nach Angabe des Demografie-Beirates keiner zusätzlichen finanziellen Mittel, lediglich veränderte Abläufe. Bei anderen Punkten sei nur ein geringer Einsatz vonnöten, um entstehende Folgekosten zu vermeiden, die in den kommenden Jahren garantiert anfallen würden.