Magdeburg l Die von Bildungsminister Marco Tullner (CDU) angekündigte Trendwende ist weiter nicht in Sicht: Nach Rekordausfällen vor den Ferien zeichnet sich fürs heute beginnende neue Schuljahr eine erneut verschlechterte Unterrichtsversorgung ab. Davon gehen Lehrer-Gewerkschaften, Schulverbände und die oppositionelle Linke aus.

GEW-Vorsitzende Eva Gerth sagte: „Die Unterrichtsversorgung befindet sich immer noch im Sinkflug.“ Bereits zum Schulstart 2017 hatte die Gewerkschaft vor einer historisch schlechten Personalsituation gewarnt. Auch der Sekundarschulverband rechnet mit einer Zuspitzung. „Es drohen massive Ausfälle, das wird man nicht in den Griff bekommen“, sagte Vorsitzende Claudia Diepenbrock. „Die Verunsicherung ist groß“, erklärte auch Thekla Mayerhofer, Chefin des Grundschulverbandes. „Manche Schulen werden Fächer erst gar nicht anbieten können.“

200 Lehrerstellen unbesetzt

Für ihre Einschätzung nennen die Verbände mehrere Gründe: Laut GEW werden rund 2000 Schüler mehr als zu Beginn des vergangenen Schuljahres an den landesweit knapp 800 staatlichen Schulen erwartet. Parallel dazu müsste auch die Zahl der Lehrer steigen. Das Gegenteil aber sei der Fall. Minister Tullner will 2018 zwar 1000 Lehrerstellen ausschreiben – so viele wie nie. Viele könnten aber unbesetzt bleiben. Ein Grund: Ausgebildete Lehrer sind Mangelware. Beispiel: Bei der jüngsten Ausschreibungsrunde für 610 Stellen im April blieb ein Drittel der Stellen bislang offen.

Hinzukommt: Rund ein Viertel der jetzt eingestellten Lehrer sind Seiteneinsteiger – mit Hochschul-, aber ohne Lehramtsabschluss. Bevor sie unterrichten können, müssen sie qualifiziert werden. Für die ersten vier Wochen stehen sie daher nicht zur Verfügung.

Hunderte Lehrer gehen in den Ruhestand

Während es also schwierig ist, neue Lehrer zu finden, scheiden gleichzeitig Pädagogen in Größenordnungen aus. Die GEW nennt die Zahl von 800 seit vergangenem September. Hunderte Lehrer seien in den Ruhestand gewechselt oder hätten gekündigt. Noch einmal Hunderte stehen dem Unterricht wegen Langzeit-Erkrankungen, Elternzeit oder Altersteilzeit nicht zur Verfügung.

In der Summe geht die GEW im Vergleich zum Vorjahr von 100 Lehrern weniger aus, Linken-Fraktionschef Thomas Lippmann rechnet gar mit 200.

SPD kritisiert Minister Tullner

Mit Sorgen blicken auch die Koalitionspartner auf den Schulstart. „Die Situation ist sehr unbefriedigend“, sagte SPD-Bildungsexpertin Angela Kolb-Janssen. Besonders prekär werde die Lage an den Sekundar- und Gemeinschaftsschulen.

Die SPD-Politikerin nimmt auch Tullner persönlich in den Fokus: Dieser habe die jüngste Ausschreibung viel zu spät gestartet. „Viele Schulleiter wissen bis heute nicht, mit welchem Personal sie rechnen können“, sagte Kolb-Janssen. Um den Mangel zu lindern, fordern SPD und Linke vor allem flexiblere Ausschreibungen, die sich nicht länger an festgelegten Bewerbungszeiträumen ausrichten. Grünen-Bildungspolitiker Wolfgang Aldag will erst offizielle Zahlen abwarten. Auch er fürchtet aber, dass sich die Situation verschärft. Sollte sich das bestätigen, fordert Aldag ein Machtwort im Kabinett: „Im dritten Schuljahr der Kenia-Koalition kann man niemandem mehr erklären, dass wir nicht imstande sind, das Problem zu lösen.“

Minister Tullner sagte: „Die Situation bleibt auch im kommenden Jahr angespannt. Es wird weiterhin hart daran gearbeitet, alle Stellen zu besetzen.“ Eigene Zahlen will Tullner erst heute im Einstein-Gymnasium Magdeburg vorlegen. Die Befürchtungen seiner Kritiker teilt er nicht: „Wir werden – abgesehen von hohen Temperaturen – geordnet starten“, sagte er.

Rückendeckung erhält Tullner vom Chef des Gymnasiallehrerverbands, Thomas Gaube: „Man sollte das Bemühen des Ministeriums anerkennen.“ Auch Gaube warnt aber: „Sachsen-Anhalt verliert im Kampf um junge Lehrkräfte an Boden.“ Der Verbandschef fordert attraktivere Pakete, um Lehrer in Mangelregionen zu locken, und die Möglichkeit von Initiativbewerbungen.

Zum Kommentar "Wettkampf um Lehrer ist entbrannt" von Alexander Walter