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LeseranwältinZahlen ohne Quelle sind unvollständig

03.12.2023, 19:03
Leseranwältin Heike Groll
Leseranwältin Heike Groll VS

Wenn man Journalisten fragt, warum sie diesen Beruf gewählt haben, antworten manche nicht nur scherzhaft: „Weil ich nichts mit Mathe zu tun haben wollte.“ Spätestens in der Ausbildung erkennen allerdings auch die größten Rechenmuffel, dass Zahlen eine sehr große Rolle im Journalismus spielen. Wo immer auf sie Bezug genommen wird, schwingt der Eindruck mit, es handle sich um besonders gut belegte Fakten, ob es nun um die Einnahmen und Ausgaben öffentlicher Haushalte, die aktuelle Unfallstatistik oder Corona-Neuinfektionen geht.

Damit das Vertrauen in die Glaubwürdigkeit von Zahlen gerechtfertigt ist, müssen Redakteurinnen und Redakteure sie unter anderem sorgfältig auf Plausibilität prüfen: Welche Zahlen, Vergleiche und Zusammenhänge sind stimmig? Wo eröffnet sich Raum für Missverständnisse und Fehl-Interpretationen?

Zum guten Handwerk gehört es dann, Leserinnen und Lesern Zusatzinformationen an die Hand zu geben, etwa zu erwähnen, aus welcher Quelle die Zahlen stammen und auf welcher Grundlage sie erhoben wurden. Fehlen solche Angaben, ist es schwer, einzuschätzen, was konkrete Zahlen wirklich aussagen und was nicht.

Beispielsweise hatten wir in der Volksstimme vom letzten Montag in dem Artikel „Rekord bei Krankschreibungen – Sachsen-Anhalt weist bundesweit höchste Corona-Inzidenz auf“ einige Sieben-Tage-Inzidenzen genannt. Die Angaben sind korrekt, das Gesamtbild aber bleibt unvollständig; denn es blieb unerwähnt, dass solche Zahlen nur offizielle, von Ärzten und Laboren diagnostizierte Infektionen umfassen und die Dunkelziffer viel höher liegt, da nicht mehr flächendeckend getestet wird. In Folgeberichten zum Thema, u.a. in der Ausgabe am Dienstag, hingegen war diese Information enthalten. Wichtig, denn sie versetzt Leserinnen und Leser in die Lage, sich ein wesentlich realistischeres, da differenzierter dargestelltes Bild vom Infektionsgeschehen zu machen.