Etwas, das bleibt

Deshalb ließ Mathias Paulenz in Dessau am Arbeitsweg seiner verstorbenen Frau eine Sitzbank aufstellen

Von Danny Gitter 05.10.2021, 08:00
Mathias Paulenz auf der Bank für seine Frau. Die steht am Verbindungsweg zwischen Kochstedt und Alten, auf dem Andrea Paulenz täglich fuhr.
Mathias Paulenz auf der Bank für seine Frau. Die steht am Verbindungsweg zwischen Kochstedt und Alten, auf dem Andrea Paulenz täglich fuhr. (Foto: Thomas Ruttke)

Dessau/MZ - „Bei Wind und Wetter, zu jeder Jahres-, Tag- und Nachtzeit radelte meine Frau hier lang, um zu ihren Schichten im Klinikum zu kommen“, erklärt Mathias Paulenz. Nun erinnert genau hier eine Bank an sie. Denn irgendwann konnte und wollte Andrea Paulenz nicht mehr kämpfen und schlief am 13. März 2020 friedlich in den Armen ihres Mannes ein. Die damals 58-Jährige hat den Kampf gegen den rund ein Jahr zuvor bei ihr diagnostizierten Magenkrebs verloren.

Für ihren Mann Mathias brach an diesem Tag eine Welt zusammen. Auch heute, rund eineinhalb Jahre später, fällt es ihm noch schwer, an eine gute Zukunft ohne seine Frau zu denken.

Idee für „Andrea-Weg“ wird von der Stadtverwaltung abgewunken

Er geht auch bei der Trauerbewältigung ganz besondere Wege, um die Erinnerung an die geliebte Frau nicht nur in den eigenen vier Wänden wachzuhalten. Ein paar Monate nach dem Tod seiner Andrea fragte Mathias Paulenz beim Kochstedter Ortschaftsrat nach, ob der Forst- und Landwirtschaftsweg, der Kochstedt und Alten sowie den dortigen Klinikkomplex verbindet, nach seiner Frau benannt werden könnte. Auf dem „Andrea-Weg“ sollten fortan Radler und Fußgänger zwischen Kochstedt und Alten wandeln. Die Stadt lehnte auf Nachfrage des Ortschaftsrats ab und begründete das mit fehlenden Voraussetzungen. Ein bestimmtes und bekanntes öffentliches Wirken der Person, nach der Wege, Straßen und Plätze benannt werden sollen, müsse vorhanden sein.

Plakette auf der Bank
Plakette auf der Bank
(Foto: Thomas Ruttke)

Das war bei Andrea Paulenz nicht der Fall. Die Stadtverwaltung schlug stattdessen vor, eine Sitzbank mit Widmung am Weg aufzustellen. Für die Idee konnte sich der Witwer begeistern. So steht seit Anfang September am Verbindungsweg eine Bank. Die Gesamtkosten von rund 1.300 Euro teilten sich der Ortschaftsrat und Mathias Paulenz.

Ihre ehemalige Vorgesetzte Madeleine Schenk erinnert sich noch gerne an die „geschätzte und gewissenhafte Kollegin“

Am vergangenen Sonnabend weihte er die Bank offiziell ein. Und brachte dafür seine persönliche Widmung an. Jetzt wird auch im öffentlichen Raum an Andrea Paulenz erinnert. An einem Ort, an dem sie gerne entlang fuhr, weil sie ihre Arbeit liebte. Die gelernte Krankenschwester hat fast 40 Jahre im Städtischen Klinikum auf verschiedenen Stationen sowie im OP-Trakt gearbeitet. Zuletzt war sie Mitarbeiterin der Sterilgutversorgungsabteilung.

Ihre ehemalige Vorgesetzte Madeleine Schenk erinnert sich noch gerne an die „geschätzte und gewissenhafte Kollegin“, die das Team immer mit kleinen Aufmerksamkeiten versorgt habe. „Sie war im gesamten Klinikum bekannt, weil sie mit ihrer herzlichen Art immer ein offenes Ohr und Zeit für ein Gespräch hatte“, sagt ihr Ehemann. Wer auf der Sitzbank Platz nimmt, der sieht am Horizont den Komplex des Städtischen Klinikums. „Die Idee mit der Bank finden wir besonders. Der eine oder andere Kollege muss auf dem Weg zur Arbeit dort vorbei und wird dann an Frau Paulenz denken“, ist ihre ehemalige Vorgesetzte überzeugt.

Die Liebe zur Arbeit ging bei Andrea Paulenz soweit, dass sie sogar kleine und größere Wehwehchen wegsteckte

Mathias Paulenz ist der Überzeugung, dass das ganz im Sinne seiner verstorbenen Frau ist. Die Liebe zur Arbeit ging bei ihr soweit, dass sie sogar kleine und größere Wehwehchen wegsteckte, nur um nicht auszufallen. Doch eines Tages im Februar 2019 ging es nicht mehr. Mehrfach hatte sie Blut erbrochen. Ihr Mann zog die Reißleine, brachte sie in die Notaufnahme des Diakonissenkrankenhauses. Dort erhielten sie die bittere Krebsdiagnose. „Das war erst einmal ein Schock. Wir waren aber trotzdem gemeinsam guter Dinge, dass das meine Frau übersteht“, blickt Paulenz zurück. Nachdem die Chemotherapie erst gut angeschlagen hatte, kamen dann doch Rückschlag um Rückschlag. Er erfüllte ihr den Wunsch, zuhause zu bleiben, wo Paulenz sie selbst pflegte. Lange hatte er Hoffnung.

„Sie spürte wohl aber, dass es nicht mehr so kommen wird“, erzählt er. Am 13. März 2020 ist sie dann gegangen. Drei Monate war Paulenz danach arbeitsunfähig. Seine Arbeit bei einem Autozulieferer am Airport Halle/Leipzig, die er dann wieder aufnahm, gab ihm Halt. Ebenso wie seine beiden Adoptivkinder, die seine Frau aus erster Ehe mitbrachte. Auch Paulenz hatte schon eine erste Ehe hinter sich, als sie sich 1997 kennenlernten und 2000 heirateten. „Sie war die Liebe meines Lebens. Es fällt noch sehr schwer an eine Zukunft ohne sie zu denken“, sagt ihr Mann und kämpft an der Bank mit den Tränen.