Memleben l Die Felder sind abgeerntet unter dem blauen Himmel mit den Schäfchenwolken. Die Unstrut fließt in ihrem Bett dahin. Wenn sich für den Autofahrer das Blätterdach in diesem romantischen Tal lichtet, ist der Blick frei auf Memleben, jenen Ort, in den es im 10. Jahrhundert erst König Heinrich I. (876–936), dann dessen Sohn und Thronfolger Otto I. (936–973) zog. Mehrfach, so steht es in den Überlieferungen, seien beide zu Lebzeiten dort gewesen. Memleben ist aber vor allem als beider Sterbeort in die Geschichtsbücher eingegangen. Warum dort? Bis heute haben Forscher und Wissenschaftler keine Antwort auf die Frage.

Nicht mal 700 Einwohner zählt Memleben im Burgenlandkreis heute. Einst blühte der Ort, der an der Via Regia lag, diesem bedeutenden mittelalterlichen Handelsweg, der Ost und West verband. Die Straße dorthin ist schmal. Das Ziel an der Landesgrenze zum Nachbarland Thüringen muss schon sehr bewusst angesteuert werden. Aber Tausende machen das jährlich. Sie wollen jenen Ort erfahren, an dem die Seelen der beiden verstorbenen Herrscher auf Reisen gingen – und an dem ein Memorialort erschaffen wurde, der Anziehungpunkt für eine ganze Herrscherdynastie war.

Zentren von Glauben und Bildung

Als Kaiser Otto I. 973 starb, gründeten dessen Nachfolger Otto II. und seine byzantinische Gattin Theophanu direkt neben dem Flüsschen Unstrut ein Benediktinerkloster. Es gewann schnell an Macht und Bedeutung und entwickelte sich zu einer Reichsabtei. Das Leben der Mönche war einfach, hart, entbehrungsreich. Aber Klöster wie Memleben, so erzählt die neue Dauerausstellung, waren Orte der Gelehrsamkeit, bedeutende Zentren von Glauben und Wissen, von Bildung und Kultur. Landwirtschaft wurde betrieben und Handel. Vor allem zeigt die Schau, dass die Mächtigen des Reiches das Wissen der Benediktiner genutzt haben, um ihre Macht zu erhalten und auszubauen. Die Mönche waren des Schreibens und Lesens mächtig. Ihre Dienste waren gefragt. Sie waren es, die wichtige Schriftstücke aufsetzen konnten.

Bilder

Eine „Schatzkammer“ zeigt solche Urkunden aus der Region, die verdeutlichen, welche Rolle das frühe Klosterleben in Memleben für die Entwicklung der Kulturlandschaft an Saale und Unstrut hatte. Die Stadtgründung von Naumburg zum Beispiel begann in Memleben. Die entsprechende Urkunde wurde im Jahr 1033 im Skriptorium des Klosters ausgefertigt. Memleben war da schon eine Institution.

„Wenn ich Besuchern erzähle, wie bedeutend der Ort einst war, werde ich meist staunend angeschaut“, sagt Museums­chefin Andrea Knopik. Memleben war mächtigen Klöstern wie Reichenau im Bodensee und Fulda gleichgestellt. Auch baulich klotzte man an der Unstrut. Die einstige Monumentalkirche auf dem musealen Gelände war mehr als 80 Meter lang. Heute erinnern noch die Grundrisse an den Riesenbau, die aber erahnen lassen, welch gewaltiges Bauwerk diese weite, zarte Landschaft beherrscht haben muss.

Kartoffeln in der Krypta

Von der später erbauten frühgotischen Kirchenruine sind die Arkaden des Mittelschiffes erhalten. Kriegen und Zerstörungen konnte vor allem der wahre Schatz der Klosteranlage trotzen: Die Krypta aus der Zeit um 1200 ist in ihrem originalen Zustand erhalten und hat sich damit ihre besondere spirituelle Ausstrahlung bewahrt. Einige Stufen geht es hinab in diese Welt, in der vor Jahrhunderten Mönche nach dem Motto „Ora, labora et lege“ (Bete, arbeite und lies) lebten – bis 1548 das Kloster aufgelöst wurde.

Dem Niedergang zu Reformations-Zeiten folgten Plünderungen, Verfall, Umnutzungen. In der Klosterkirche wurde Getreide gelagert, in der Krypta Kartoffeln. Dass der preußische Baumeister Karl Friedrich Schinkel (1781–1841) als Denkmalpfleger zum Retter in der Not avancierte, darf als großer Glücksfall gesehen werden.

Schinkels Wiederentdeckung dieses Kleinods ist Thema in der neuen Dauerausstellung, die den Besuchern vor allem aber den Heiligen Benedikt, den Orden und die Ottonen nahebringt. Sie fußt auf jener Sonderschau, die im vergangenen Jahr anlässlich des 25. Straße-der-Romanik-Geburtstages gezeigt wurde. Wertvolle Objekte hatte man dafür zusammengetragen, darunter kostbare Chroniken, Reliquien, Gemälde. Einige wenige Originale sind noch zu sehen, wie das um 1500 datierte Holzrelief „Beweinung Christi“ aus der Kirchengemeinde des Ortes, das zu den wenig erhaltenen Ausstattungsstücken des Benediktinerklosters zählt.

Andere Exponate wie die Lorscher Annalen (um 835) oder lichtempfindliche Urkunden sind längst an die Leihgeber zurückgegangen, aber als Drucke weiterhin zu sehen. Man habe die aufwendig gestaltete Ausstellung im vergangenen Jahr extra so konzipiert, dass sie dem Haus erhalten bleibt, sagt Andrea Knopik. Zweifelsohne ein Gewinn für das Museum und seine Besucher. 35 .000 Gäste sahen die Sonderschau mit den Originalen. Solch starke Zahlen, das weiß Knopik, werden mit der abgespeckten Variante nicht zu halten sein.

Herz von Kaiser Otto blieb in Memleben

Für all jene Geschichtsinteressierten, die gern auf den Spuren der Ottonen wandeln, ist Memleben ein Muss. Zwar sind die Gebeine von Otto dem Großen im gotischen Dom der Landeshauptstadt beigesetzt, aber sein Herz verblieb an der Unstrut. „Ein Stück des Kaisers ist in Memleben präsent“, heißt es in einer weiteren Dauerausstellung unter dem Titel „Wenn der Kaiser stirbt“ im Nordflügel der Klausur. Von Ottos Tod am 7. Mai 973 wird erzählt und davon, dass noch in der Nacht seine Eingeweide entnommen und in der Marienkirche beigesetzt wurden. Sein restlicher Körper aber kam – mit Gewürzen präpariert – nach Magdeburg. Der kaiserliche Leichenzug durch seinen Herrschaftsbereich dauerte einige Wochen. Sein letzter Weg ist nachgezeichnet. Man denkt daran, wenn man wieder im Auto sitzt. Zwei Stunden braucht man für die Strecke.

Bis 31. Oktober 10 bis 18 Uhr. Eintritt: 8 Euro, Schüler/Studenten 5 Euro (Audioguide inklusive). Memleben ist Korrespondenzort der aktuellen Ausstellung über Heinrich I. im Schlossmuseum und in der Stiftskirche in Quedlinburg.