Magdeburg l Was singt Trio-Chef Stefan Remmler so treffend in "Keine Sterne in Athen": "Doch wenn ich dich den ganzen Tag hab, dann bin ich fertig für die Nacht." Eine Songzeile, die vor 36 Jahren die Situation vieler Paare in der Corona-Zeit vorempfunden hat – für die das Abstandsgebot nicht eineinhalb Meter beträgt sondern mehr in Richtung "aus den Augen, aus dem Sinn" geht.

"Es ist eine regelrechte Corona-Welle, die in meine Praxis schwappt", sagt Psychologin Carmen Beilfuß, die als Therapeutin seit 25 Jahren speziell Paare im Blick hat.

Zu Beginn der Pandemie-Einschränkungen und des damit verbundenen familiären Zusammenlebens auf engstem Raum habe es noch einen Wohlfühlfaktor gegeben, so Beilfuß. "Das hat sich aber nach sechs, acht Wochen geändert und ist ins Gegenteil umgeschlagen."

Macken des Partners sichtbar geworden

Wie unter einem Brennglas seien die Macken des Partners verstärkt sichtbar geworden. "Da wurde zum Beispiel um Befugnisse gestritten – wer macht was? Bestimmte Gewohnheiten des anderen, die zuvor im getrennten Alltagstrubel untergegangen waren, wurden nun überdeutlich. Oft ging es um das Thema ,Kinderbetreuung‘. Schnell wurde klar, dass das vereinbarte 50:50 nicht durchzuhalten war."

Auch mit dem Sex habe es während der Zeit des engen Aufeinanderhockens Probleme gegeben. "Haben Paare zu Beginn noch das Mehr an Zeit für intime Begegnungen genossen, sank die Attraktivität des anderen von Woche zu Woche. Sex lebt ja von der Wiederbegegnung. Das bedeutet im Umkehrschluss: Wenn man ununterbrochen den anderen neben sich hat, sinkt das Verlangen ihm noch näher zu kommen", weiß die Magdeburgerin.

Betrachtet man die Scheidungen in Sachsen-Anhalt seit Anfang des Jahres, ist festzustellen, dass im Juni mit 17,2 bezogen auf 100.000 Einwohner nicht nur ein vorläufiges 2020-Hoch erreicht wurde. Zugleich sind die 376 richterlichen Trennungen auch mit Blick auf alle Monate der Jahre 2018 und 2019 Höchstwert (Quelle: Statistisches Landesamt).

Von einer Zwangsnähe in die nächste

Und vertraut man den Aussagen des Berliner Psychotherapeuten Wolfgang Krüger, sind die Halbjahreszahlen nur der Anfang. Viele Paare, die sich in einem Beziehungstief befinden, hätten auf einen gemeinsamen Urlaub gesetzt, um noch zu kitten, was zu kitten ist. Doch gehe das meistens schief, sagt auch Beilfuß. Man gerate von einer Zwangsnähe in die nächste.

Das könnte laut Expertenmeinungen dazu führen, dass statt der üblichen 100.000 Trennungen nach der Urlaubssaison deutschlandweit fünfmal mehr Paare den Weg zum Anwalt gehen.

Die Magdeburger Familienanwältin Gertrud Oertwig sieht das nicht ganz so schwarz. Eine Kurzumfrage bei einigen Kollegen habe ergeben, dass es noch keinen gravierenden Anstieg von Scheidungsanträgen gibt. "Das könnte daran liegen, dass die Einschränkungen in Sachsen-Anhalt aufgrund der geringeren Infektionszahlen nicht so streng waren und sind."

Anders hingegen die Berliner Familienrechtlerin Alice von Rosenberg, die gegenüber der Deutschen Presseagentur von "unheimlich vielen Anfragen" zu Scheidungen gesprochen hat.

Anstieg der Aggressionen

Carmen Beilfuß sieht während der Zeit der verordneten Nähe einen Anstieg der Aggressionen – sogar von Handgreiflichkeiten. "Man konnte schlecht irgendwohin ausweichen, um herunterzukommen. Und ich habe von vielen Paaren erfahren, dass bei solchen Auseinandersetzungen häufig die Kinder dabei waren, die ja auch nicht in die Kita oder Schule konnten."

Die Therapeutin rät, in solchen Situationen "die Balance zu halten und nicht gleich alles in Frage zu stellen". Es ginge um das gemeinsame Lernen, Probleme zu bewältigen. "Wichtig ist, nicht mit Schuldzuweisungen zu arbeiten, sondern das eigene Verhalten zu reflektieren, Fehler einzuräumen und zu versuchen, den anderen zu verstehen und nicht zu beschädigen."