Magdeburg (dpa) | Andreas Seidel rückt seinen roten Zwicker und seinen Hocker zurecht. So kann er der Großkatze besser in die gelb-grünen Augen schauen, die vor ihm auf dem Tisch sitzt. Mit einem dünnen Pinsel arbeitet er im Gesicht noch einmal nach. Kaum sichtbar trägt er schwarze Farbe auf. Es sind die letzten Handgriffe, ehe der 56-Jährige sein Werk als vollendet ansieht.

Seidel ist Zoologischer Präparator im Museum für Naturkunde in Magdeburg. Mit dem schwarzen Jaguar ist er in den vergangenen sechs Wochen eins geworden. Das einzig Echte an dem Tier sind die Haut mit der gefleckten Fellfarbe, die Krallen und die Barthaare. Es ist eine Dermoplastik. "Wir haben den passenden Maßanzug und müssen die Schaufensterpuppe anfertigen", bringt Seidel seine Arbeit auf den Punkt.

Tierkörper mit Originalhaut

Das bedeutet: Eine naturgetreue Nachbildung eines Tierkörpers wird mit der Originalhaut überzogen, die eine Gerberei zuvor behandelt hat. "Wir müssen Lebendigkeit reinbringen", sagt Seidel, der das tote Tier deswegen auch ausführlich vermisst und die Ergebnisse auf großen Zeichnungen festhält. Sie hängen überall in der modern ausgestatten Werkstatt, die er mit Kollege Peter Chwalisz (61) vor gut 25 Jahren im ehemaligen Heizungskeller des Museums eingerichtet hat. Chwalisz arbeitet aktuell an der Dermoplastik eines Schneehasen, die Teil einer Ausstellung zur Eiszeitgeschichte wird.   

"Auch ein Abguss vom Schädel gehört dazu, weil jedes Tier seine eigenen charakterlichen Gesichtszüge hat", sagt Seidel. Die anatomisch richtige Haltung wird mithilfe von Muskelabgüssen und einem Model ermittelt. Alles muss passen. Der schwarze Jaguar sitzt entspannt und hat seinen Kopf nach rechts gedreht. Pure Eleganz statt zähnefletschender Drohgebärde. 

"Es ist ein Gipskörper mit einem gewickelten Holzwollkern und Kunststoffanteilen, auf den die Haut geleimt wird", sagt Seidel, dessen Vater Stuckateur war. Auch chemische Substanzen kommen der Haltbarkeit wegen zum Einsatz. "Eine Plastik im musealen Gebrauch kann gut mehr als 100 Jahre halten. Ein Stück Unsterblichkeit." Seidel, der oft im Magdeburger Zoo mit einer Arbeitsgruppe vor Gehegen sitzt und Tierstudien betreibt, sagt das voller Ehrfurcht.

Großkatze kommt aus Tierpark

Das aufwendig hergestellte Unikat der schwarzen Großkatze soll etwa Mitte des Monats als letztes Exponat in die Sonderausstellung "Colorvision – Evolution der Farbigkeit" umziehen. Sie ist bis 23. Februar 2020 zu sehen. "Der 18 Jahre alte Jaguar ist in Obhut an Altersschwäche gestorben", sagt Seidel. Ganz natürlich, denn das Töten eines Tieres zur Zurschaustellung ist für den Präparator tabu. Heimische Tiere, die zu Dermoplastiken werden, sind meist Todfunde oder Verkehrsopfer. Exoten wie die Großkatze kommen aus Tierparks.

Wenn Seidel und Chwalisz keine neuen Präparate anfertigen, sind sie mit Restaurationsarbeiten beschäftigt. Das Magazin des Naturkundemuseums ist voll. "Wir haben im Haus mehr als 350.000 Präparate, etwa 10.000 davon gehören zu den Wirbeltieren", sagt Museumsleiter Hans Pellmann. Eines der kleinsten ist eine kaum sichtbare Kopflaus und das größte ein 13,5 Meter langer Buckelwal. Für Pellmann sind die Zoologische und die Paläontologische Präparationswerkstatt, die mit einem weiteren Experten besetzt ist, die "Kernbereiche" des Museums. "Davon hängen Sammlung und Ausstellungsangebot ab."

Pellmann zufolge sind die Präparatoren immer auch an Aufbau und Ausgestaltung der Ausstellungen beteiligt. Eine Ehre. "Wir freuen uns, wenn wir Spuren hinterlassen", sagen Seidel und Chwalisz unisono. Sie brennen seit mehr als 30 Jahren für ihren seltenen Beruf. Im deutschsprachigen Raum gibt es ihren Angaben zufolge kaum 100 Zoologische Präparatoren im musealen Bereich. "Die Natur ist immer perfekt in Form und Farbe", sagt Seidel. Sich dieser Herausforderung zu stellen, ist vor allem Berufung.