Friedrichsbrunn l Wer nach Friedrichsbrunn fährt, um Kerstin Dathe zu treffen, muss erst mal durch den Wald. Und dann an der Eule links abbiegen. So beschreibt die Schauspielerin seit einigen Jahren den Weg zu ihrem Domizil im Harz, dem „Baumhaus“. Ein kleines Paradies. Immer öfter tut sie das. Die jahrelangen ruhigen Zeiten für das frühere Betriebsferien-Heim bei Thale, in dem sich Skifahrer vor der Wende noch die Klinke in die Hand gaben, sind Geschichte. Jetzt wohnt Kerstin Dathe dort. Mit ihrem Mann, zwei Kindern und zwei Jagdhunden. Feriengäste können es sich bei ihnen gut gehen lassen und den Harz vom Tiefenbachtal aus erkunden. Auf der Terrasse ist heute Platz für Feste und Urlauber.

Gerade hat das Paar angefangen, zusätzlich zur Ferienwohnung die oberen Zimmer auszubauen. Das Gelände mit dem Teich entwickelt sich, ist aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Längst macht das „Baumhaus“ seinem Namen alle Ehre, wächst langsam wie ein Baum und bekommt zunehmend holzigen Charakter.

Jedes Zimmer soll mit einer anderen Holzart bestückt sein. Momentan steht Kiefer auf dem Programm, Möbel und Fußboden bekommen etwas von Ulme und Erle ab.

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Doch die Hauptsache ist für Kerstin Dathe eine andere: Dieses Haus ist ein Ort für kreative Köpfe. Künstlerseelen.

Gleich beim Einzug entstand unter der Regie von Ehemann Hardi Richter im Gastraum des Baumhauses eine Bühne. Mit der Begründung: „Meine Frau ist doch Schauspielerin ...!“

2006 lernten sich die zwei im Harzer Bergtheater kennen, wo Richter als technischer Leiter angestellt war. Gemeinsam belebten sie die nahegelegene Felsenmühle und engagierten sich im Reitverein. Da ging es schon los mit der Idee, einen Ort zu schaffen, an dem Theater gedacht, gebaut, gebastelt und gespielt werden könnte. Nicht nur für die anderen. Nach dem Erstprojekt „Frida“ kam das Stück „Johanna hoch 3“ im Sommer 2009. Ein Jahr suchte das Paar nach einem Objekt, in dem auch Werkstätten möglich sind. Touché!

Haus stand 15 Jahre leer

Den Wald um das Tiefenbachtal kannte Richter aus seiner Zeit als Forstarbeiter, das riesige Haus als beliebten Ferienort. 1982 eröffnet, stand der Kasten 15 Jahre leer. Total eingewachsen, mussten sich die beiden den Weg durch die Terrasse, umgeben von Birken, erst einmal freischlagen. Pilze schossen aus dem Waldboden und dem heutigen „Baumhaus“. Mehr als kaltes Wasser war lange nicht möglich. Und doch stellte Kerstin Dathe mit ihren Kollegen und Freunden im Sommer 2012 das erste Theaterfest genau da auf die Beine, denn die Künstlerin ist eine, die sich von nichts abhalten lässt und wie keine Zweite mit leuchtenden Augen und voller Herzblut motivieren kann. „Los! Packen wir‘s an!“ ist ihre Devise. 2013 kam der Nachschlag. 2014 widmeten sich die Akteure dem Thema „Heimat“, 2015 begeisterten sie mit einem Maskenspiel in der Natur. Selbst gebaut.

„2016 konnten wir das Haus endlich kaufen“, bemerkt Dathe freudestrahlend. Jetzt hat sie den Ort, von dem sie schon immer träumte. Dem Verein „Theaterlandschafft“, für den sie vor zwei Jahren die Initialzündung gab, bietet er Büro, Fundus, Werkstätten, Bühne. Gastdozenten können eingeladen werden, Seminare stattfinden. Die Schauspielerin selbst führt hier ihre Yogakurse durch. Ayurveda ist ein weiteres Standbein. Sie weiß gar nicht, das wievielte.

Wir treffen Kerstin Dathe in Berlin, wo sie an der Berliner Schule für Schauspiel ihr Rüstzeug erhielt, heute öfter Gastspiele gibt und gern Freunde besucht. Zu Hause ist sie selten. Dann schon eher im Theater der Altmark in Stendal. Hier feierte die Puppenspielerin und -bauerin im Januar 2016 Premiere mit dem Stück „Ich will das, was du nicht willst“, das gerade richtig auf Touren kommt. Ronald Mernitz schrieb das Drama über Demokratie. Wegen der guten Möglichkeiten für kulturelle Projekte in Sachsen-Anhalt wandte sich das Duo anfangs direkt an das Kultusministerium, die Ablehnung konnte die beiden nicht entmutigen. Bei Alexander Netschajew, dem Intendanten des Theaters der Altmark, rannten sie schließlich offene Türen ein. Inzwischen hat sogar das Jugendamt in Stuttgart das Stück gebucht. Und warum?

Die Puppenspieler kommen direkt danach mit den Schülern ins Gespräch, erklären, weshalb es wichtig ist zu wählen, warum jede Stimme Gewicht hat. Das erzählen sie anhand einer Familiengeschichte. Bisher waren Jungen und Mädchen von der 2. Klasse bis zur Berufsschule die Zielgruppe. Mittlerweile feilen Dathe und Mernitz an einer Fassung für Kindergartenkinder.

Kennengelernt hat Kerstin Dathe Alexander Netschajew bereits 2011, als sie in München ein Studium für Theater- und Musikmanagement aufnahm. Sein Abschlussprojekt brachte ihn zur Intendanz nach Stendal, wo er sich auf die Puppenspielerin schnell besann.

Kindsgroße Marionette aus Holz

Doch die stand im Dezember 2012 gerade kurz vor der Geburt von Töchterchen Frieda. Mit ihrer Variante von „Hase und Igel“ hatte sie in der Spielzeit 2009/2010 unter der Intendanz von Dirk Löschner schon einmal die Altmärker verzaubert. Mit Janoschs „Ich mach‘ dich wieder gesund, kleiner Bär“ sollte ihr das bald wieder gelingen. „Hänsel und Gretel“, „Der kleine Angsthase“ und „Der gestiefelte Kater“ mit ihr in der Titelrolle auf der großen Bühne in diesem Jahr folgten. Kerstin Dathe spielte. Und baute. Immer im Wechsel. Das Weihnachtsmärchen in Stendal kann sie kaum erwarten, für „Pippi Langstrumpf“ werden Pippi, Herr Nilson und der kleine Onkel gebraucht. Gerade ist sie mit dem Puppenbau für Jürg Schlachters Arbeit „Ein Schaf fürs Leben“ fertig geworden. Und hat Fausts Seele für das Anhaltische Theater Dessau eine Form gegeben, die durch das gleichnamige Stück begleitet.

Endlich wurde eine holzgeschnitzte kindgroße Marionette von ihr verlangt! Wie lange konnte sie das in der Prager Ausbildung geliebte Handwerk nicht anwenden? Die Arbeit mit Latex und Silikon – geschenkt! Jetzt konnte sie in ihrer Arbeit mit Holz aufgehen. Und weil sich da zwei gefunden haben, Chefdramaturgin Almut Fischer und Kerstin Dathe, steht heute schon fest, dass sie im Frühjahr 2018 die komplette Ausstattung für „Die fabelhafte Welten- reise“ übernimmt und mitspielen wird. Ihre einstige Dozentin Annett Gleichmann führt Regie.

„Ich bin ausgebucht bis nächsten Sommer“, erzählt Dathe fröhlich, die doch so heimatverbunden ist. Ihren Geburtsort Gera liebt sie, in der Natur zu sein und die Ruhe zu genießen. Mit dem Puppenspiel „Der Wolf und die sieben Geißlein“ ist sie von Bücherfrühling über Grundschulen bis zum Theatergastspiel gefragt. Die mobilen Stücke laufen eben.

Zum Thema „Glück“ laden die Mitglieder von „Theaterlandschafft“ dann am 2. September große und kleine Theaterfreunde auf das Gelände. Zwischendrin Urlaub an der Ostsee. „Na, klar! Ich brauche auch mal Ruhe und meine Kinder Max und Frieda um mich, freue mich aufs Schwimmen und Joggen. Das Zusammensein in Familie, mit meinem Mann“, so die zweifache Mutter.

Ein Ort der Begegnung

Der Milchkaffee ist längst ausgetrunken. Ein kleines Resümee: „Der Schwerpunkt meines Tuns ist und war immer das Vernetzen.

Darum kaufe ich ein Haus! Darum gründe ich einen Verein! Das mache ich gerne. Ich muss die Gefäße nicht immer selbst füllen und hole gern Menschen ins Boot. Friedrichsbrunn ist ein Ort, wo sich die Menschen begegnen und zusammen etwas schaffen. Glücklich sind.“

Und sie selbst ist ja auch glücklich. Sie hat ja immer etwas, auf das sie sich freuen kann. Vor wenigen Tagen feierte sie mit Andreas Steinke in dem Stück „Petterson und Findus“ mal wieder Premiere als Kater. Natürlich hat sie den kleinen Kerl zwischen Yogakursen und Gastspielen eigenhändig geschaffen. Eins ist sicher: Kerstin Dathe findet noch einige Baustellen, auf denen sie Menschen zusammenbringen kann.

Mehr zu Kerstin Dathes Projekten unter www.kerstindathe.de