Magdeburg l Wer den zum Vereinszimmer ausgebauten Hühnerstall des Hofs in Gladigau (Landkreis Stendal) betritt, weiß sofort, wohin der Hengst galoppiert – in Richtung Westernreiten. Denn auf einem großen Bild schauen den Betrachter die „Glorreichen 7“ aus dem gleichnamigen US-Streifen von 1960 mit stählernen Blicken an.

Doch bei Karin und Reinhold Heitkötter auf der „Four-Side-Ranch“ geht es beileibe nicht bärbeißig zu. Bei ihnen steht sportliche Erholung im Einklang mit Pferd und Natur im Vordergrund. Ohne Colt am Gürtel und (meistens) ohne den typischen „Cowboyhut“.

Seit 2012 bietet das Ehepaar in dem Ortsteil von Osterburg „Westernreiten“ an. Dass es überhaupt dazu kam, liegt an der Verwechslung zwei gleichnamiger Orte. „Wir lebten damals in Hagen/Westfalen und wollten 2015 eigentlich nach Schartau im Jerichower Land. Gelandet sind wir allerdings in Schartau im Kreis Stendal. Wir kannten vorher die Altmark nicht, aber ich habe mich in den Landstrich auf der Stelle verliebt“, erinnert sich Karin Heitkötter. Sie habe sich vorgenommen, mit ihrem Pferd im Sommer zum Reiten in die Altmark zu kommen.

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2003 erfuhren die Heitkötters, dass ein gut erhaltener Hof in Gladigau verkauft werden sollte, weil die Besitzerin, eine alte Dame, nach Osterburg ziehen wollte. Sie machten das Geschäft perfekt. „Wir hatten die Idee mit unseren inzwischen vier Pferden, Westernunterricht zu geben.“

30 Reiterhöfe und Wanderstationen

Besonders die Altmark hat sich in den vergangenen Jahren zur Hochburg für Reiter gemausert. So werden kreisübergreifend in der gesamten Region verschiedene Trail-Ritte, angeboten. So der Schlösser- und der Altmark-Weg sowie der Trail entlang des Grünen Bandes. Es gibt rund 30 Reiterhöfe und Wanderstationen in der Altmark. Das Reitwegenetz ist rund 1600 Kilometer lang. Der Reittourist kann von Reiterhof zu Reiterhof reiten und findet dort für sich und sein Pferd Quartier.

2010 erhielt die Altmark von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung e. V. die Auszeichnung „Pferdefreundliche Region“.

Das Besondere an der Four-Side-Ranch in Gladigau sind die Pferde. „Es sind amerikanische Viertelmeilen-Pferde. So benannt, weil sie auf der Distanz von 402 Metern die schnellsten sind“, sagt Karin Heitkötter. „Außerdem sind es nervenstarke, vielseitige, nicht so große Tiere mit ruhigem Temperament.“

Im Gegensatz zu anderen Reitpferden sind die Signale bei den zwölf Westernpferden etwas anders „Da heißt es ,Wow!‘, wenn sie stehenbleiben sollen und es wird mit der Zunge geschnalzt, wenn es losgeht. Galopp wird dem Pferd durch das Geräusch wie beim Küssen signalisiert“, so die 57-Jährige.

Uschi Emmerich-Elsner betreibt seit 1994 den „Drömlingshof“ in Breitenrode (Landkreis Börde). „20 Jahre lang war sie im Vorstand im Kreisreiterverband Börde, mit 1800 Mitgliedern in 37 Vereinen der größte Pferdesportverein Sachsen-Anhalts.

Drei-Sterne-Reitschule im Drömling

Sie schwärmt: „Meine größte Freude sind die Ausritte in den Drömling.“ Und dieses positive Gefühl möchte die gebürtige Bonnerin ihren Reitschülern und Hobbyreitern vermitteln. Ihr „Drömlingshof“ mit seinen 25 Pferden wurde von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung für seine artgerechte Pferdehaltung, als qualifizierter Zuchtbetrieb, Pferdepension, Turnierstall und als Drei-Sterne-Reitschule zertifiziert.

Es gibt kaum etwas in Bezug auf Pferde, was Uschi Emmerich-Elsner nicht anbietet: Reit- und Longenunterricht, Abnahme von Leistungsabzeichen, Springtraining, Schulpferde, Turnierbetreuung, Ausbildung von der Grundausbildung bis zur schweren Klasse.

Eigentlich, so die Pferdebegeisterte, habe sie nie vorgehabt, einen Pferdehof zu führen. „Aber als bekannt wurde, dass ich einige Meisterschaften gewonnen hatte, wurde ich immer wieder gefragt, ob ich Unterricht geben kann.“ Das sei der Anfang vom Reiterhof gewesen.

Für Westernreiterin Karin Heitkötter ist Sachsen-Anhalt das „Pferdeland“. Die Voraussetzungen seien zwischen Arend-see und Zeitz im Vergleich zu anderen Bundesländern unübertroffen. „Praktisch können wir überall reiten“, sagt sie. Und auch ihre Reithof-Kollegin Uschi Emmerich-Elsner meint: „Uns Reitern geht es gut. Wenn ich so daran denke, was es in anderen Bundesländern für Einschränkungen gibt, ist das einfach so.“

Natürlich könne sie sich vorstellen, dass es mehr pferdefreundliche Reitwege auf Gras gebe. Aber sie sei realistisch: „Wer soll das bezahlen?“

Ausritte bis nach Arendsee

Für Karin Heitkötter ist ein Ritt entlang der Biese „Entspannung pur“. Aber auch Halbtagesausritte in der Gruppe bis nach Arendsee oder am Grünen Band entlang.

Doch nicht nur das Flachland in Sachsen-Anhalt ist für Reiter eine angesagte Freizeitdomäne. Auch der Harz lockt mit Ausflügen hoch zu Ross. Gegenwärtig sind 18 Reitbetriebe registriert. Das Angebot reicht vom Ponyreiten für Kinder, zum Beispiel in Drübeck und Meisdorf, über Trekkingtou-ren mit Eseln in Ilsenburg und Derenburg bis hin zu größeren Reitställen und Reiterhöfen, die sowohl Ausritte als auch Unterricht anbieten.Die Orte Hasselfelde mit der Westernstadt „Pullman City“, Wernigerode, Benneckenstein, Allrode, Abbenrode, Pansfelde und Silstedt bieten Reit- und Fahrtouristik an. Zwei der 13 Reitvereine im Landkreis kooperieren zudem mit Hotels. Besonders Reiterferien sind im Harz sehr beliebt, so Manuel Slawig von der Kreisverwaltung.

Woher ihre Liebe zum Pferd kommt, kann Westernreiterin Karin Heitkötter nicht erklären. „Als ich als Kind in der Großstadt gelebt habe, wollte ich immer, dass mir meine Eltern ein Pony kaufen, das ich auf unserem Balkon halten wollte“, schmunzelt sie. „Aber keine Chance.“

Die älteste Reiterin, die sich auf der „Four-Side-Ranch“ auf den Sattel geschwungen hat, war 84 Jahre alt, so Heitkötter. „Und eine 63-Jährige aus Hamburg habe sich im Nachbardorf extra eine Wohnung gemietet, damit sie immer mal wieder zum Reitunterricht auf die Ranch kommen kann.“