Dingelstedt l Die Vögel zwitschern, das Licht spiegelt sich im Teich, Enten schwimmen im Wasser, ein paar Angler sitzen am Ufer und hoffen darauf, dass die Fische heute gut beißen. Um den See herum stehen Bäume, die sich im Wasser spiegeln. Diese idyllische Landschaft kann man am Röderhofer Teich im Huy von der Terrasse der Gaststätte Jagdhütte beobachten. Da kommt auch schon die Betreiberin Cornelia Hesse mit ihrem Auto angefahren. „Ich war noch für die Küche einkaufen“, ruft die 56-Jährige, die vor acht Jahren die Gaststätte übernommen hat.

Auf der Terrasse angekommen, sagt sie gleich: „Mit meiner Heimat bin ich sehr verbunden.“ Cornelia Hesse ist in Dingelstedt, einem Dorf im Huy, aufgewachsen. Der Huy, der übrigens Hü ausgesprochen wird, ist ein Höhenzug und bedeutet „der Hohe“. Er liegt im Harzvorland und besteht aus mehreren Kalksteinerhebungen, die höchste ist der Buchenberg mit 314 Metern, erklärt sie.

Die Augen funkeln

Wenn man Cornelia Hesse von ihrer Heimat sprechen hört, funkeln ihre Augen. „Der Huy ist noch immer ein Insider-Tipp", sagt sie, die zu DDR-Zeiten in Magdeburg bei der Gaststätten- und Hotelorganisation gelernt hat. Der Harz sei ja sehr überlaufen, berichtet die Mutter einer Tochter. Hier im Huy könne man in Ruhe wandern, Fahrrad fahren, die Natur genießen und Tiere wie Wildschweine, Rehe, verschiedene Schmetterlingsarten und Spechte beobachten. Ein kleiner Teil des Huys ist sogar Naturschutzgebiet.

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Der Wald, der im Huy wächst, besteht hauptsächlich aus Rotbuchen, sagt Cornelia Hesse. Er ist einer der größten fast reinen Buchenwälder in Mitteleuropa. Aber auch ganz andere unterschiedliche Bäume wie Birken, Eschen, Eichen und Erlen würde man hier finden, berichtet sie. In diesem Jahr habe sie das Gefühl, dass besonders viele Touristen im Huy unterwegs sind. Das merke sie daran, dass Menschen aus ganz Deutschland in ihrer Gaststätte einkehren.

Auch die Pensionen rund um den Höhenzug seien gut ausgelastet, so zum Beispiel die Herbergen im Kloster der Huysburg. Aber auch in dem kleinen Dorf Schlanstedt, sieben Kilometer von hier entfernt, gibt es eine Pension, erzählt Cornelia Hesse. In diesem Jahr seien dort viele Familien mit Kindern untergebracht gewesen. Vorher sei ihr das nicht aufgefallen. Es würden aber auch viele Tagestouristen zum Wandern in den Huy kommen, die zum Beispiel in Wernigerode, also im Harz, eine Unterkunft haben.

Hier hauste ein Räuber

„Kommen Sie, ich zeige Ihnen ein paar Attraktionen des Huys“, lädt mich Cornelia Hesse ein. Die erste Sehenswürdigkeit liegt nur wenige Minuten vom Röderhofer Teich entfernt. Im dichten Buchenwald soll ein Räuber sein Unwesen getrieben haben. In einer Felswand aus Sandstein befinden sich drei Hohlräume, in denen der Räuber Daneil gewohnt haben soll, so die Legende. Diese Höhle, die Daneilshöhle, ist ein begehrtes Ausflugsziel für Familien mit Kindern und für Schulklassen, berichtet Cornelia Hesse.

Welchen Spaß die Kinder dabei haben, die Höhle zu entdecken und oberhalb der Behausung entlangzuklettern, kann man sich nur allzu gut vorstellen. Bänke und ein Unterstand laden zum Picknicken ein. Wir fahren weiter. Vor sechs Jahren ist Cornelia Hesse dem „Förderverein zwischen Huy und Bruch“ beigetreten, berichtet sie. Dieser hat die verschiedenen Wanderwege im Huy mit Wegweisern versehen. „Damit möchten wir den Huy touristisch attraktiver machen“, sagt sie. Insgesamt fünf verschiedene Wanderwege wie der Wartenweg oder der Quellweg wurden beschildert. Der kürzeste ist 11,2 Kilometer lang und der längste 35,3 Kilometer.

Zwölf Quellen

Der Quellweg zum Beispiel verbindet insgesamt zwölf Quellen im Huy miteinander. Eine der Quellen ist der Jürgenbrunnen, an dem wir halten. Ganz versteckt sammelt sich das Wasser der Quelle in einem kleinen Teich inmitten des Waldes. „Würden wir den Weg weiter nach oben fahren, würden wir zur Sargstätter Warte kommen“, erklärt Cornelia Hesse. Der Wartenwanderweg, der die drei Wachtürme im Huy miteinander verbindet, ist insgesamt 23,3 Kilometer lang. „Sie wurden errichtet, um Gefahren vor der Stadt Halberstadt schnell erblicken zu können“, sagt sie.

Unser nächster Stopp ist die Klauswiese. Ein paar Bänke, ein Unterstand sowie eine Informationstafel sind dort aufgestellt. Die Tafel zeigt, welche Tiere und Pflanzen auf der Wiese zu finden sind, wie das Fingerkraut oder der Wiesensauerampfer. Goldruten leuchten gelb auf der Wiese. Eine Frau sitzt auf einer Bank unter einem Baum. Zwei Wanderer schlendern den Weg entlang. Ich frage die beiden, woher sie kommen. „Aus den Niederlanden“, sagt der Mann. Haben sie eine Unterkunft hier im Huy? „Wir wohnen in Schlanstedt bei Mario“, sagt die Frau. Cornelia Hesse ist begeistert: „In Schlanstedt, einem Dorf, was eigentlich kaum jemand kennt.“

Stolz sein auf die Heimat

Weiter geht es in das kleine ehemalige Bergbaudorf Wilhelmshall. Hier findet im September immer das Blechbudenfest statt, ein Wiesenfest mit Musik, Theater sowie kulinarischen Genüssen. Von Wilhelmshall fahren wir ins Tal nach Dingelstedt. Ein atemberaubender Blick bietet sich einem von hier über die weite Landschaft.

„Ist das nicht schön?“, fragt Cornelia Hesse. Sie sei schon stolz auf ihre Heimat. Am Rande des Weges stehen Obstbäume, die voll mit Äpfeln hängen. Schade, dass diese Bäume nicht mehr abgeerntet und die Obstplantagen nicht mehr bewirtschaftet werden, sagt die Gaststättenbetreiberin. Der Besitzer sei schon alt.

Von Berlin in den Huy

In Dingelstedt fährt Cornelia Hesse spontan zu einem ehemaligen Bauernhof. Hier lebt ein Ehepaar, das extra von Berlin in das knapp 1400 Einwohner große Dorf im Huy gezogen ist. Thomas und Claudia Steckhan sind draußen auf ihrem Hof, als der unerwartete Besuch anrollt. Im Jahr 2011 hätten sie das alte Fachwerkhaus gekauft, sagt Thomas Steckhan. Eigentlich sei es als Feriendomizil gedacht gewesen. Er komme ursprünglich aus Bad Harzburg und wollte wieder näher an die Heimat heran.

„Wir haben uns bewusst für ein Haus im Osten entschieden, denn diesen wollten wir näher kennenlernen“, sagt er. Die Gegend hier sei traumhaft. Zum Ende des vergangenen Jahres habe das Paar dann beschlossen, endgültig nach Dingelstedt zu ziehen. Steckhan verkaufte seine IT-Firma in Berlin und wohnt seitdem im Huy. Seine Frau arbeite noch in der Hauptstadt und käme am Wochenende ins idyllische Dingelstedt. Seit Mai vermietet das Paar eine Ferienwohnung auf seinem Hof. An den Wochenenden in den Ferien sei sie fast immer ausgebucht gewesen.

Von Dingelstedt geht es zurück zum Röderhofer Teich. An einem Berg halten wir noch einmal. „Das hier ist der Lieblingsplatz meiner Tochter“, sagt Cornelia Hesse. Von hier kann der Wanderer über den Wald schauen und sieht, wie die Turmspitzen der Huysburg aus den Wipfeln ragen. Was für ein Anblick!