Magdeburg l „Dieser junge Mann ist Merkels größte Sorge“, zitiert Lischka zu Beginn der Talkrunde eine Überschrift aus dem Nachrichtenmagazin „Fokus“. An diesem Dienstagabend wirkt die „größte Sorge“ locker und entspannt. Adidas-Schuhe, blaue Jeans, das schwarze Hemd lässig über der Hose. Besucher stehen für ein Selfie an. Plaudern mit dem Mann, der so freundlich lächelt. Der aber auch eisenhart sein kann.

Kevin Kühnert, seit November 2017 Bundeschef der Jusos, 29, Student, Polittalent. Der Kampf gegen die Koalition von CDU und SPD hat den 1,70 Meter kleinen Mann groß gemacht. Zwar hat er die in der Partei emotional geführte GroKo-Auseinandersetzung verloren – doch geschadet hat ihm das nicht. Er wird zu Maybrit Illner oder Markus Lanz geladen. Gerade jetzt, da die GroKo wieder mal auf der Kippe steht.

„An meiner Haltung zur GroKo hat sich nichts geändert“, sagt Kühnert in Magdeburg. Sein Credo ist: Das schwarz-rote Bündnis verzwergt die SPD, sie muss sich außerhalb der Großen Koalition erneuern. Der für die SPD desaströse Ausgang der Landtagswahlen in Bayern und Hessen gibt seiner These Auftrieb. Kühnert rechnet damit, dass die Koalition im nächsten Jahr auseinanderbricht. „Dafür braucht man einen politischen Konflikt“, sagt Kühnert beim Lischka-Talk. Der Dieselskandal hätte das Zeug dazu gehabt, meint er. „Das Renten-Thema hat es immer noch.“

Kühnert setzt auf ein linkes Bündnis. „Die Supermarktregale sind noch voll, auch bei rot-rot-grün geführten Landesregierungen“, sagt er und grinst sein schelmisches Bubi-Grinsen. Das Publikum in Magdeburg ist gemischt. Junge Menschen, aber auch viele ältere. Kühnert punktet an diesem Abend bei allen. Er ist eloquent, kann druckreif reden, glänzt mit Detailwissen.

Polit-Schwergewicht Sigmar Gabriel

Delegierte des SPD-Landesparteitages im Januar dieses Jahres haben das eindrucksvoll erlebt. Polit-Schwergewicht Sigmar Gabriel, seinerzeit noch Außenminister, warb in Wernigerode vehement für die Aufnahme von Koalitionsgesprächen mit der CDU auf Bundesebene. Gabriel war gut. Kühnert war besser. Er drehte die Stimmung. Der Parteitag sagte mit hauchdünner Mehrheit Nein zur GroKo.

Lischka, der SPD-Landes­chef in Sachsen-Anhalt ist, fragt seinen Talkgast jetzt spitz: „Wer stirbt eher? Du oder die SPD?“ Raunen im Saal.

Die SPD werde es noch lange geben, antwortet Kühnert. „Die Frage ist nur: in welcher Verfassung? Die SPD wird nicht aus Artenschutzgründen gewählt. Es gibt keine Ewigkeitsgarantie.“ Woran hakt es? „Die politischen Antworten sind zu klein für die Herausforderungen, vor denen wir stehen“, sagt Kühnert. Die Botschaften müssten besser vermittelt werden. Mit dem Schlagwort „doppelte Haltelinie“ beim Rentenkonzept könne niemand was anfangen.

„Der Diskussionsbedarf in der SPD ist groß“, sagt Lischka. Auch die GroKo-Frage wird an der Basis heiß debattiert. In Sachsen-Anhalt diskutieren derzeit die Mitglieder in regionalen Versammlungen unter der Überschrift „Quo vadis, SPD?“ über die Zukunft der Partei. Sogar Sigmar Gabriel ist hierzulande im Einsatz. Er hatte den sachsen-anhaltischen Genossen im Januar versprochen, sich in Regionen zu engagieren, die für die SPD „weiße Flecken“ sind. Jetzt tourt er unter dem Motto „Auf ein Wort mit Sigmar Gabriel“ durch SPD-Ortsvereine.

Wie geht Kühnert, vor nicht allzu langer Zeit noch recht unbekannter Kommunalpolitiker, mit seinem kometenhaften politischen Aufstieg um? Authentisch bleiben, sagt er. Bodenständig. Der Hype um Martin Schulz habe gezeigt, wie jemand durch schlechte Berater und den Berliner Politbetrieb verbogen wurde. So sei ein „Charakterkopf zum Sprechautomaten runtergedimmt“ worden. „Man hat ihm die Unverwechselbarkeit genommen“, sagt Kühnert.

Dann noch eine Frage an Kevin, die „größte Sorge“ der Kanzlerin. „Was bedeutet es für die SPD, dass Angela Merkel die letzten Meter ihres politischen Weges beschreitet?“, fragt Lischka. „Vorsicht“, bremst ihn Kühnert. „Totgesagte leben länger.“