Gladigau/Abbendorf l Der Lieblingsplatz von Herbert Kühne und Ehefrau Elisabeth ist an der Bahnsteigkante. Oder besser gesagt: An der ehemaligen Bahnsteigkante und dem einstigen Schienenstrang der Strecke Osterburg-Pretzier in der Altmark. Dort, wo bis zum 28. September 1976 die Kleinbahn schnaufte, sitzt das Ehepaar am Gartentisch unter dem Bahnhofs-Schriftzug „Gladigau“. Aber nur Eingeweihte erkennen noch, wo sich einst das doppelte Metallband schlängelte und wo besonders am Morgen und am Nachmittag der Bahnsteig voll von Menschen war, die zur Arbeit in die benachbarten Städte fuhren oder zurück.

Ein Hexenhaus in der Altmark

1970, vier Jahre, bevor auf dieser Strecke der Personenverkehr und zwei Jahre später der Güterverkehr eingestellt wurden, zog der heute 72-Jährige in die Dienstwohnung des ehemaligen Bahnhofvorstehers ein. „Meine Frau hatte den Schalterdienst übernommen.“

Das Wohnen sei in der ersten Zeit sehr einfach gewesen, erinnert sich der Rundfunk- und Fernsehmechaniker. „Kein Wasseranschluss, das Plumpsklo draußen, kein Strom. Wenn man hier einen Film gedreht hätte, der Anfang des 20. Jahrhunderts spielt, es hätte nichts umgebaut werden müssen.“

Bilder

Der Warteraum wurde zum Schlafzimmer. Wo einst Fahrkarten verkauft wurden, ist heute die Diele.

Kühne blättert im Buch mit dem Titel „Die Kleinbahn Osterburg–Deutsch-Pretzier“ die Seite mit einer Abbildung des alten Bahnhofsgebäudes auf.Er deutet auf das Dach. „Ungewöhnlich für die Altmark“, sagt er und erzählt die Geschichte. „Als sich die Bahn 2013 entschlossen hatte, hier einen Bahnhof zu bauen, schrieb sie das Vorhaben aus.“ Ein Architekturbüro aus Thüringen habe damals die Baupläne für Bahnhöfe, die wie Pilze aus der Erde schossen – „Bahnstrecken waren damals die Straßen von heute“ – schon in der Schublade gehabt. „Nach thüringischem Vorbild bekam das Haus ein ,Hexendach‘. Eine Form, wie sie bis heute erhalten blieb.“

Selbst ist der Mann! war das Motto zu DDR-Zeiten und der Mann mit dem handwerklichen Talent baute das Gebäude um. Hilfreich dabei war, dass die Reichsbahn alte Gleise zum Verkauf anbot. „Ich habe die Schienen im Haus als Träger genutzt. Noch ein bisschen mehr Bahnhofüberbleibsel in unserer Wohnung.“

Heute wird im Haus und auf einer „Erinnerungs-Insel“ wenige Meter daneben Kleinbahngeschichte zum Leben erweckt. Der 74-Jährige drückt auf die Fernbedienung. Eine Stereo-Bahnhofsstimme kündigt die Abfahrt des Zuges an. Dann schnauft er – immer schneller und schneller – los.

Ganz gleich, ob Weichenumsteller, Warnbake, die Eisenbahnachse auf einem Stück Schiene oder die Bahnhofsuhr – Herbert Kühne kennt ihre Geschichte und kann sie erzählen. Besonders Schulklassen aus der Umgebung hängen ihm bei Besuchen an den Lippen.

Und im alten Bahnhof selbst gibt es noch viel mehr Eisenbahn-Artefakte zu sehen: Dokumente, Fotos, Bahner-Mützen und Utensilien wie Fahrkartenentwerter.

Apfelsinen nur für Dorfbewohner

Es war im Sommer 1964. Die 22 Jahre alte Neulehrerin Gisela Bode wollte im Dorf-HO zum ersten Mal einkaufen und sah zu ihrem großen Erstaunen Apfelsinen im Angebot. Als sie Südfrüchte verlangte, zuckte die Verkäuferin die Schultern: „Nur für Familien mit Kindern!“ Als die Neu-Bürgerin erwiderte: „Ich habe eine zwei Jahre alte Tochter“, schob die Frau hinterm Ladentisch gleich nach: „Nur für Abbendorfer.“

„Ich habe der Frau dann erklärt, dass ich die neue Lehrerin bin“, schmunzelt die heute 75-Jährige. „Da wäre die wohl am liebsten im Erdboden versunken.“

1964 zogen Gisela und Dietrich Bode in die Lehrerwohnung des Dorfschulhauses, in dem bereits seit 1892 unterrichtet wurde – in einem großen Klassenraum.

„Als ich meine Lehrerausbildung gemacht habe, wurde gesagt: Die Mehrklassenausbildung lassen wir weg. Bis Sie unterrichten, gibt es keinen Mehrklassen-Unterricht in nur einem Schulraum mehr.

Falsch. 38 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse saßen am ersten Schultag vor Gisela Bode – fein säuberlich sortiert nach Klassenstufen. Die Abc-Schützen ganz vorn.

Bis 1968 brachte die „Allrounderin“ den Kindern Deutsch, Mathe, Werken und Zeichnen bei und war nicht nur einzige Lehrkraft, sondern zugleich auch Schulleiterin. Dann zog die Schule ins altmärkische Diesdorf um. Doch das Lehrer-Ehepaar blieb im Dorf wohnen.

Der Klassenraum wurde anderweitig genutzt: als Gemeindebüro und Post.

„Am 4. Oktober 1991 haben wir das Haus gekauft“, erzählt der 77 Jahre alte Dietrich Bode, der bis zu seiner Pensionierung an der Diesdorfer Oberschule Mathe und Technisches Zeichnen unterrichtet hat. Der eigentliche Klassenraum wurde umgebaut. In einen Teil kam ein großes Bad mit Whirlpool-Wanne, ein anderer wurde zum Hobbyraum.

Gisela Bode steht an der Wand, wo einst der Lehrertisch stand. Rechts von ihr hängt eine „Wissenstafel“. Die haben wir anlässlich der „Messe der Meister von morgen“ (eine Art „Jugend forscht“) angefertigt und sie funktioniert immer noch.“ Die Pensionärin hält einen kleinen Stecker an die Abbildung eines Gartengewürzes, einen zweiten an einen Namen: Dill – es trötet – richtig!

Geschichte von der verlorenen Stimme

Die Frau, die mit Herz und Seele Lehrerin war, erinnert sich an manche Geschichte, wenn sie in ihrem ehemaligen Arbeitszimmer steht.

„Einmal bin ich morgens aufgewacht und war total heiser. Gott sei Dank war ja mein Weg bis in den Klassenraum nur zehn Schritte weit. Ich habe an die Tafel geschrieben: ,Habe meine Stimme verloren‘.“ Dann habe sie mit Kreide die Seiten für die Hausaufgaben notiert und die Kinder nach Hause geschickt. Schulfrei für einen Tag! „Natürlich gab es ein freudiges Gejohle bei den Sieben- bis Zehnjährigen.“ Als die Schule noch im Dorf war, habe man so etwas machen können. „Da gab es keinen Schulbus, der die Kinder ewig über Land kutschieren musste.“

Die alten Fußbodendielen des ehemaligen Klassenraums knarren noch original. Es erinnert die „Pauker“ auf Schritt und Tritt an ihr Arbeitsleben.

Im vierten Teil der Serie ist die Volksstimme bei einer Familie zu Gast, die in einer ehemaligen Harzer Textilfabrik wohnt.