Magdeburg l „Geschmack und Geruchssinn waren komplett weg“, erzählt Max Friese. Er ist 24 Jahre alt und als Sportstudent eigentlich topfit. Es begann beim Kaffee. Kein Duft, kein Geschmack – wie heißes Wasser. Irgendwann biss er in eine Ingwerknolle. Doch selbst der Schärfeschock half nicht. „Es schmeckte absolut nach nichts. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so etwas gibt.“ Das ist mittlerweile sieben Monate her. Jetzt ist Max Friese geheilt. Die Lunge blieb intakt. Fieber hatte er auch nicht. „Nur schlapp habe ich mich gefühlt“, erinnert er sich. Doch Corona lässt ihn bis heute nicht ganz los. Jede Woche fährt Max Friese in die Uniklinik und lässt sich gut einen halben Liter Plasma abzapfen. Die Mediziner sind heilfroh, dass sie so einen Spender wie Max Friese gefunden haben. Denn in seinem Blut sind genügend aktive Antikörper. Die hat nicht jeder.

In Ischgl war`s

Im Februar fährt Max Friese mit etwa 50 Kommilitonen nach Österreich. Es ist eine Truppe von Sportstudenten der Uni Magdeburg. In den Alpen, an den Hängen von Kappel, wollen sie sich zum Skilehrer ausbilden lassen. Und klar, es wird auch gefeiert. Das geht am besten im Nachbarort: in Ischgl. Berühmt und mittlerweile auch berüchtigt, da die Aprés-Ski-Hochburg schnell zu Österreichs Corona-Brennpunkt Nummer eins wurde. Mehr als 11.000 Infektionen sollen dort ihren Ursprung gehabt haben. „Doch damals war Corona noch keine Thema“, erinnert sich Max Friese. Ende Februar fahren alle frohgelaunt nach Hause.

Ein paar Tage später zieht er mit acht Freunden erneut los nach Österreich zum Skifahren: dieses Mal geht es nach Kitzbühel. Nach ein paar Tagen kommt eine Mail aus der Heimat: Einer der Studenten aus der ersten Skitour hat Corona. Nun ist klar: Zu Hause in Magdeburg erwarten die Heimkehrer Tests und Quarantäne. Neun junge Männer gehen zum Abstrich. Das Ergebnis verblüfft: Max Friese ist positiv, die acht Mitfahrer nicht. Obwohl alle neun tagelang zusammen wohnten, manchmal aus derselben Flasche tranken und stundenlang zusammen im Auto fuhren.

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In den folgenden zwei Wochen folgen weitere drei Tests. Es bleibt dabei: Max Friese hat Corona, die anderen haben es nicht. Nun sind auch Tests nicht hundertprozentig sicher - aber gleich acht falsch-negative Ergebnisse in einer Gruppe? Die Wege der Viren bleiben bisweilen mysteriös. In der dritten Woche geht es Max Friese allmählich wieder besser. Die Sinne kehren zurück. Erst schmeckt der Kaffee wieder. Ein paar Tage später brennt auch der Ingwer wieder auf der Zunge. Zwei weitere Tests sind nun negativ.

Beatmung verhindern

Wann eine wirksame und verträgliche Spritze gegen Corona kommt, weiß niemand. Und Medikamente sind rar. Remdisivir ist zwar jetzt zugelassen, wirkt aber eher schwach. Professor Hans-Gert Heuft setzt daher auf einen weiteren, anderen Weg: Plasma. Transfusionsmediziner Heuft ist Chef der Blutbank an der Uniklinik in Magdeburg. Bereits im Frühjahr zeigten erste Studien: Im Blutplasma genesener Covidpatienten können genügend Antikörper sein. Können. Denn manche, vor allem Jüngere, haben trotz Krankheit gar keine Antikörper gebildet. Andere wiederum haben zwar welche, aber nicht genügend wirksame. Benötigt werden „neutralisierende Antikörper“, wie es die Mediziner nennen. Gesucht werden also ehemalige Patienten, die genügend dieser wirksamen Viren-Killer im Blut haben.

Die Nadel im Heuhaufen? Im Mai fing die Uni an, ehemalige Patienten anzusprechen. Und in einer der Volksstimme-Corona-Sprechstunden Anfang Juni machten die Mediziner ihre Pläne öffentlich. 14 Ex-Patienten meldeten sich und wurden untersucht. Etliche können nicht genommen werden: Zu kleine Venen, Vorerkrankungen zu wenige Antikörper. Jetzt im September hat Heuft fünf Spender. Doch das ist mehr als es scheint, erklärt der Mediziner: Von jedem kann er bis zu 15 Spenden bekommen. „Das sind 75 Beutel Plasma – damit können wir 75 Patienten helfen.“ Das wäre nicht wenig. Selbst in der ersten Hochphase im Frühjahr hatte die Uni maximal 23 schwerstkranke Corona-Patienten.

Die Mediziner stellen sich darauf ein, dass im Winterhalbjahr wieder akute Fälle eingeliefert werden können. Die Erfahrungen vom Frühjahr lehren, dass sich die Lage der Betroffenen oft in kürzester Zeit dramatisch verschlechtert. Dann hilft nur noch eine künstliche Beatmung. Dabei wird ein Schlauch in die Luftröhre geführt. So eine Intubation ist durchaus riskant. Hier setzt die Plasma-Behandlung an: Verschlechtert sich die Atmung, bekommen Patienten – bevor die Lage kippt – die Antikörperspende. „Wenn wir den schweren Eingriff einer Beatmung vermeiden können, dann wäre das ein großer Fortschritt“, sagt Heuft.

Erste Ergebnisse aus anderen Kliniken machen Mut. In Erlangen sind acht Patienten mit Plasma behandelt worden: sieben konnten gerettet werden, einer starb. „Ich glaube an die Wirkung“, sagt Heuft. Denn: Antikörper dringen gut in die innere Schutzschicht von Gefäßen vor, also genau dorthin, wo Coronaviren sitzen und ihr Unheil anrichten. Die Viren zerstören die Schutzschicht, es kommt zu Organschäden und Blutverklumpungen. Antikörper würden die Eindringlinge ausschalten.

Max Friese hatte von Antikörper-Spenden gehört und sich gemeldet. Doch ehe die erste Nadel gesetzt wird, muss das Blut untersucht werden. Hepatitis, Immunschwäche und andere Krankheiten wären Ausschlussgründe. Auch die Blutgruppe wird bestimmt. Bislang hat die Uni durchweg Spender der Blutgruppe A – diese kommt in Deutschland am häufigsten vor. Die Mediziner hätten gern auch andere Blutgruppen für den Notfall parat. „Daher suchen wir weitere Spender“, sagt Heuft.

Nicht hingucken

Es ist Dienstag. Spenden-Tag für Max Friese. Jede Woche fährt er dafür in die Uniklinik. 15 Spenden sind geplant. Er liegt entspannt auf der Liege. Schwester Karin Bußmann setzt die Nadel. Blut fließt in die Plasma-Maschine: Dort wird es zentrifugiert und gefiltert. Das hellgelbe Plasma fließt in einen Plastikbeutel; die roten Blutbestandteile werden in einem kleinen Behälter gespeichert. Ist der voll, pumpt die Maschine den roten Anteil wieder zurück in Max Frieses Kreislauf. Daher fühlen sich Plasmaspender meist auch nicht so schwach wie Blutspender. Max Friese nippt immer mal an einer Flasche Mineralwasser – das reicht. Außerdem drückt er mit der linken Hand einen kleinen Gummiball, um den Blutfluss zu verbessern.

Nach einer halben Stunde sind drei Beutel gefüllt: 600 Milliliter lebensrettendes Plasma. Diese wandern sofort in den Schockfroster. Bei minus 50 Grad sind sie ein gutes halbes Jahr haltbar. „Es tut nicht weh“, sagt Max Friese, nachdem die Nadel wieder ab ist. „Nur hingucken kann ich nicht.“ Eine kleine Entschädigung spendiert die Uni ja auch: 25 Euro je Abgabe sowie ein Essen in der Mensa. Schmeckt das? „Das Essen ist topp.“