Halle/Staßfurt l Weißer Krankenhauskittel statt Cocktailkleidchen, bequeme Arbeitsschuhe statt Highheels, um 4 Uhr früh aufstehen, statt nach einer glamourösen Partynacht auszuschlafen: Wer von Lucie Bringmanns Alltag hört, kommt nicht so schnell auf die Idee, dass es sich hier um die amtierende Miss Sachsen-Anhalt handelt. Denn das Modeln ist zwar ihre Leidenschaft, doch die 18-Jährige verfolgt auch noch andere Ziele. „Ich habe mich nicht die ganze Schulzeit über angestrengt, um das alles für das Modeln wegzuwerfen“, sagt die Staßfurterin, die seit einigen Monaten in Halle wohnt.

Wer Lucie Bringmann dann allerdings sieht, mit ihrem dichten braunen Haar, einem ansteckenden Lächeln und ihren Modelmaßen, ist nicht mehr überrascht, dass sie im November zur Schönsten im Bundesland gewählt wurde.

Modeln manchmal oberflächlich

Wer wiederum mit ihr spricht, merkt schnell, dass sie nicht nur eine überdurchschnittlich hübsche, sondern auch sehr intelligente junge Frau ist – die genau weiß, was sie will. Ihr Abitur hat sie im vergangenen Sommer mit einem Top-Durchschnitt von 1,3 bestanden, derzeit macht sie in Halle eine Ausbildung zur Kinderkrankenschwester.

Lucie lebt also ständig zwischen zwei Welten. Die eine ist derzeit die Kinderchirurgie im Krankenhaus, in der anderen misst sie sich mit den Schönsten der Schönen. „Das kann manchmal schon ganz schön oberflächlich zugehen“, gibt Lucie zu. Warum reizt sie diese andere Welt trotzdem? „Ich sehe das als Ausgleich, als eine Art Hobby“, sagt sie.

„Ich war schon immer ein selbstständiger Mensch“, erklärt Lucie. Ihren Eltern wollte sie nie auf der Tasche liegen. Musste sie auch bereits seit einigen Jahren nicht mehr. Denn Lucie modelt bereits seit ihrem 14. Lebensjahr. Entdeckt wurde sie zufällig. „Ich war in Magdeburg unterwegs und wurde angesprochen, ob ich beim Wettbewerb für das Schülerferienticket mitmachen möchte“, erzählt sie. Damals habe es ganz schön viel Überzeugungskraft gebraucht, fast hätte sie das Angebot abgelehnt.

Kinder liegen Kandidatin sehr am Herzen

Letztendlich sprang sie doch über ihren Schatten – und gewann vor genau vier Jahren. „Meine Mutter hatte dann die Idee, dass ich mich bei Model­agenturen bewerben könne“, sagt sie. Angenommen wurde sie dann bei der Agentur „First Contact“ in Magdeburg. Dort erhielt sie auch ihr erstes Model-Training. „Uns wurde gezeigt, wie wir am besten auf dem Laufsteg laufen und uns präsentieren“, so Lucie. Klingt ein bisschen nach Germany’s Next Topmodel. Lucie grinst und erzählt: „Meine Freunde haben oft gesagt, dass ich mich dafür bewerben soll.“ Jedoch sei sie mit ihren 1,72 Metern für Heidi Klum zu klein.

Für die Ausbildung ist Lucie im September vergangenen Jahres von Staßfurt in eine Wohngemeinschaft nach Halle gezogen. Auf Kinder wollte sie sich auf jeden Fall spezialisieren, erzählt Lucie. „Ich komme einfach super mit ihnen zurecht und habe das Gefühl, dass ich Kinder zum Lachen bringe.“

Während der Ausbildung hat sie auch ihren Freund Lukas kennengelernt. Der Hallenser absolviert ebenfalls die Ausbildung im Krankenhaus zum Kinderkrankenpfleger.

Medizinstudium ist langfristiges Ziel

Lucie hat neben kurzfristigen Plänen – nämlich Miss Germany zu werden – auch langfristige, für die Zeit nach der Ausbildung. Sie möchte gerne Medizin studieren. Bei diesem Thema gerät sie ins Schwärmen: „Mich fasziniert einfach alles daran. Der menschliche Kreislauf, die Anatomie, die Biologie dahinter.“ Sie hätte zwar eigentlich bereits im vergangenen Jahr nach dem Abitur damit anfangen können, hat jedoch erst die Zusage erhalten, als sie bereits mit der Ausbildung angefangen hatte. „Ich hätte dann nach Jena ziehen müssen. Das wäre finanziell schwieriger geworden als Halle“, so Lucie und fügt schnell hinzu: „Meine Eltern hätten mir natürlich geholfen, aber da wären wir wieder bei der Selbstständigkeit.“

Außerdem ist Halle nicht ganz so weit weg von ihrer Heimat, dem Salzlandkreis. Dorthin zurück fährt Lucie übrigens fast jedes Wochenende – wenn sie nicht gerade für einen Modeljob nach Magdeburg muss.

Model vermisst ihr Haustier

Denn neben ihrer Familie vermisst sie ihren Wellensittich „Dipsy“ ganz besonders. „Er ist super zutraulich, spricht mit mir und wenn ich wieder zurück nach Halle muss, will er sich nicht mehr von mir trennen“, sagt Lucie und zeigt auf ihrem Handy ein „Beweisvideo“, auf dem der Vogel auf ihrem Arm sitzt und sie erfolglos versucht, ihn abzuschütteln.

Im Gespräch mit Lucie ist man unweigerlich immer wieder auf der Suche nach dem Haken, der sprichwörtlichen Leiche im Keller. Doch es ist schwer, fündig zu werden. Lucie rückt zumindest mit zwei Eigenschaften raus, die sie als „schlecht“ bezeichnet. „Ich bin sehr vergesslich und tollpatschig“, sagt sie und rührt sich vorsichtig Zucker in ihren Tee.

Teilnahme war eher Zufall

Ein mit ganz schön viel Glück gesegneter Tollpatsch. Denn während andere Models von Wettbewerb zu Wettbewerb tingeln in der Hoffnung, einmal zu gewinnen, war ihre Teilnahme an der Wahl zur Miss Sachsen-Anhalt eher Zufall. Nur eine Woche vor der Wahl im November wurde sie auf einer Modenschau angesprochen. „Ich hatte das Wochenende drauf eh noch nichts zu tun, da habe ich ohne große Erwartungen teilgenommen“, erzählt sie lässig.

Lucie: „Die Präsentation im Bikini vor der Kamera war völlig neu für mich.“ Doch Lucie weiß, was sie und die 21 weiteren Miss-Germany-Anwärterinnen ab Freitag im „Model-Camp“ erwartet. Nach vier Tagen im Europapark im badischen Rust geht es für die Teilnehmerinnen für zehn Tage nach Fuerteventura. Und viel Zeit für Entspannung wird dort sicherlich nicht bleiben. So erzählt Lucie: „Bereits im Flieger müssen wir laufen – dort wird dann passend zur Fluglinie die Miss-Condor gewählt.“

Für das Camp erfüllt Lucie jedes Klischee einer jungen Frau auf Reisen. Jedoch gezwungenermaßen. Denn ihre zwei Koffer, die sie mitnehmen darf, muss sie voller Klamotten stopfen, die sie für die verschiedenen Auswahlrunden braucht. Etwa: Ein komplett weißes Outfit, einen roten Bikini und schwarze Unterwäsche.

Knigge-Kurs und Personal Trainer

Neben Foto-Shootings und Videodrehs muss sie ihr Können beim Talentwettbewerb zeigen. Lucie beherrscht den Shuffle-Tanz, eine Tanzform, die dem Moonwalk ähnelt. Außerdem wird es einen Knigge-Kurs geben und – Lucie schluckt einmal kräftig – die jungen Mädels werden einen Personal Trainer bekommen, der sie fit halten soll.

Wenn die Staßfurterin jedoch sagt, sie mache kaum Sport, glaubt man ihr das nur bedingt. Sie versichert dennoch: „Mein Sportprogramm besteht derzeit vor allem daraus, Krankenhausbetten zu machen. Zum Trainieren komme ich kaum mehr.“ Im Sommer spiele sie häufig Beach Volleyball am Löderburger See. Im Winter sehe es kritischer aus mit der Motivation. Um doch dem für eine Miss so gefürchteten Winterspeck vorzubeugen, achtet sie auf ihre Ernährung, jedoch in der zu ihr passenden Gelassenheit. „Dann esse ich halt einen Salat mehr und ein bisschen weniger Fast Food.“

Jury wählt Miss Germany am 24. Februar

Am 24. Februar wird die Jury entscheiden, welche der 22 jungen Frauen sich für ein Jahr Miss Germany nennen darf, zu einer möglichen Fernsehübertragung konnte der Veranstalter noch keine genauen Angaben machen.

Lucie geht die anstehende Wahl entspannt an. Denn das mit den Schönheitstiteln scheint bei ihr eh in den Genen zu liegen, scherzt sie. Denn einen selbsternannten Mister hat sie bereits in ihrer Familie. Sie erzählt grinsend: „Mein 14-jähriger Bruder ist so frech. Er meint immer, er sei Mister Universe.“

Vielleicht wird Lucie ja Miss Germany? Aber ein Gewinn würde bedeuten, dass sie ihre Ausbildung an den Nagel hängen müsste – zumindest für ein Jahr. Model oder Medizin? Das wird keine leichte Entscheidung für Lucie aus Staßfurt.