Halberstadt l Schottenuhren, Pendulen, Torsionspendeluhren, Taschenuhren, Armbanduhren, große und kleine Zifferblätter mit römischen Zahlen, Punkten, Strichen, aus Holz, Metall, Emaille, goldglänzend, matt schimmernd. An den Wänden, in den Vitrinen – überall da, wo Katrin Köther keinen Schmuck ausstellt, haben in ihrem Juwelier- und Uhrengeschäft viele Zeitmesser Platz.

Umstellen wäre Zeitverschwendung

So viele Uhren – und dann die Sommerzeit. „Wir stellen die Uhren nicht mehr um“, sagt Uhrmacher Michael Hohmann lachend, „das würde einfach viel zu lange dauern.“ Schließlich müssen für ihn Uhren genau laufen, das heißt, auf die Sekunde genau. „Das sieht sonst komisch aus, wenn zehn Uhren nebeneinander hängen und unterschiedlich laufen“, sagt Hohmann. Sekunden genau zu stellen heißt auch, fast eine Minute zu warten, bis die Sekundenzeiger wieder synchron sind. Und das bei so vielen Uhren. „Wir haben mal zu dritt eine ganze Woche gebraucht“, berichtet Dietlind Winnig, die viele Jahre in Magdeburg in einem Uhrenladen tätig war, bevor sich ihr die Chance bot, wieder in ihrer Heimatstadt zu arbeiten. Auch in dem Magdeburger Geschäft ließ man diese Umstell-Aktion rasch bleiben. „Das wäre doch Zeitverschwendung“, sagt Michael Hohmann schmunzelnd.

Auf Restaurierung spezialisiert

Der Uhrmachermeister ist bei Katrin Köther angestellt, seit mehr als 20 Jahren schon. Als die Goldschmiedin damals in Halberstadts Altstadt ein eigenes Geschäft aufbauen wollte, war sie auf der Suche nach einem Uhrmacher. Und für Michael Hohmann bot sich eine Chance, neu anzufangen. Hatte er doch zuvor einen eigenen Laden in Blankenburg betrieben, den er aufgrund familiärer Veränderungen aufgeben musste. Also wechselte er ins Angestelltenverhältnis, aber nicht in eine andere Branche. Er ist Uhrmacher mit Leib und Seele, liebt es, sich den mechanischen Schätzchen zu widmen, die ihm seine Kunden anvertrauen. Hat sich Hohmann doch auf die Reparatur und Restaurierung alter Uhren spezialisiert.

Einzig möglicher Berrufswunsch

Schon als Kind habe er gerne „herumgefriemelt“, alles auseinandergebaut und manchmal auch nicht wieder zusammenbekommen, wie er erzählt. Seine Eltern, aus der Rhön stammend und nach der Grenzziehung 1961 in den Huy umgezogen, waren als Hausmeister auf der Huysburg tätig und ließen ihm die Freiheit, zu tüfteln und auszuprobieren. Eine Leidenschaft, die für ihn letztlich nur eine Berufswahl sinnvoll erscheinen ließ – er wurde Uhrmacher. Hohmann lernte bei Bernhard Rademacher von der Pike auf, lernte, Kaputtes durch selbst geformte neue Teile zu ersetzen, wenn es nötig war. Zwei Jahre lang blieb er nach der Lehre noch bei seinem Chef, dann wagte er den Schritt in einen eigenen Laden.

Schmiede als Ursprung

Dass er sich mal mit einer Goldschmiedin die Werkstatt teilen würde, hätte er damals nicht gedacht. „Goldschmied und Uhrmacher können sich nicht leiden“, sagt er grinsend. Und zitiert einen alten Spruch: „Strecken, stauchen, löten, hilft dem Schmied aus allen Nöten.“ Ein Uhrmacher lötet und klebt hingegen nicht, arbeitet auch nicht mit Säuren. Er schraubt und zieht, spannt und dreht Metall in Form. Muss unterschiedlichste Öle und Fette kennen, damit die verschiedenen Uhrwerke im Wortsinne laufen wie geschmiert.

Wobei das Uhrmacherhandwerk auf dem der Schmiede fußt, wie Michael Hohmann zugibt. Und noch heute erfordern große Turmuhren Werkzeug, wie es Schmiede nutzen. Theoretisch könnte jeder Uhrmacher eine Turmuhr reparieren. „Aber das ist so wie in einer Kfz-Werkstatt. Ob man einen Moped- oder einen Lkw-Motor repariert, ist theoretisch kein großer Unterschied. Aber man braucht anderes Werkzeug.“

Geduld ist wichtig

Das Handwerkszeug, mit dem er hantiert, ist erkennbar für filigranes Arbeiten gedacht. Dabei liegt das allerwichtigste nicht auf dem Tisch. „Es ist nicht die ruhige Hand oder das gute Auge, was einen guten Uhrmacher auszeichnet, wie man landläufig meint“, sagt der Endfünfziger, „es ist die Geduld. Die ist das wichtigste Werkzeug.“

Wobei Geduld auch von der Kundenseite wichtig ist. Nicht nur, weil einem die Lösung für ein Problem nicht auf Knopfdruck einfällt. Oft erfordert schon die Fehlersuche Geduld. „Wenn man eine Uhr auseinandergebaut und wieder zusammengesetzt hat und feststellt, dass sie immer noch nicht läuft, muss ich sie ein zweites, drittes oder viertes Mal auseinandernehmen, bis ich den Fehler wirklich beseitigt habe.“ Und bei Uhren, die zum Beispiel ein Acht-Tage-Werk haben, dreht sich das unterste Rad einmal in vier Tagen. „Die Uhr kann also drei Tage problemlos laufen und erst am vierten Tag merkt man, aha, da liegt der Fehler.“ Zum Glück ist das bei den sogenannten Jahresuhren nicht so, dass man ein Jahr lang warten muss, aber mehrere Tage dauert es auch hier, bis sich alle mechanischen Teile einmal bewegt haben.

Dicke Ordner

Manche Schäden sind natürlich mit bloßem Auge zu erkennen, dann geht es mit der Reparatur schneller und die moderne Uhrenindustrie liefert Anleitungen mit, auf die man im Notfall schauen kann. „Die Hersteller geben an, welches Öl verwendet werden darf. Und auf den mitgelieferten Schaltplänen erkennt man, wo auf der Leiterplatte die Punkte sind, an denen man nachmessen kann, welche Spannung anliegt und ob die noch ausreicht, um das Uhrwerk anzutreiben.“ Mehrere dicke Ordner mit solchen Herstellerangaben stehen in der Werkstatt. Wobei die meisten Billiguhren eine Reparatur gar nicht zulassen.

Die alten Mechaniken haben es Hohmann ohnehin mehr angetan, auch wenn so manche auf alt getrimmte Uhr auf seiner Werkbank elektronisch gesteuert wird. Aber auch an einem Schlagwerk kann mal was kaputt gehen, dann ist sein Können wieder gefordert.

Präzisionswerke für Schifffahrt

Mit besonderer Hingabe widmet sich der Uhrenfan Marinechronometern. Diese Präszisionsgeräte fordern das Können, das mechanische und physikalische Verständnis des Uhrmachermeisters. Allein die Mechanik der Hemmung ist bei diesen besonderen Zeitmessern ein kleines Kunstwerk. „Marinechronometer sind das ,Who‘s who‘ der Uhrmacherkunst“, sagt Hohmann. Ein Zufall führte ihn auf diese Hochleistungsmechanik. Ein Schiffsverwerter brachte ihm reparaturbedürftige alte Chronometer. „Ich nutzte die Chance, mich nicht nur theoretisch mit solcher Technik auseinanderzusetzen.“

Diese Uhren sind etwas Besonderes, schließlich waren sie es, die ein genaueres Navigieren auf See ermöglichten. „Der Breitengrad lässt sich anhand der Sonne oder des Polarsterns recht leicht berechnen“, sagt Hohmann, „für den Längengrad ist das schwieriger.“

Quarzuhren im Vormarsch

Eine exakte Zeitmessung zwischen Heimathafen und eigenem Standort ermöglicht die Längengradbestimmung. Aber dazu braucht es wirklich exakt laufende Uhren, die zudem so konstruiert sind, dass ihnen die Schiffsbewegung nichts anhaben kann. Dem Briten John Harrison gelang es, so ein Präsizionsuhrwerk zu entwickeln. Sein Modell wich in fünf Monaten nur fünf Sekunden von der Heimathafenzeit ab. Der Franzose Pierre Le Roy lieferte dann 1756 ein Marinechronometer, wie man sie heute kennt. Wobei mittlerweile die Mechanik auch hier von Quarzuhren abgelöst wird.

Quarzuhren werden am kommenden Montag bei Michael Hohmann liegen – zum Umstellen. So ganz kommt er also nicht darum herum, an der Uhr zu drehen. „Wir haben Kunden, denen wir bei der Umstellung ihrer Armbanduhren helfen, weil die Kronen verschraubt oder so klein sind, dass man sie nicht herausziehen kann.“

Fakten zur Zeitumstellung

  • Uhren auf Sommerzeit umzustellen, ist keine Erfindung der  jüngsten Geschichte. Bereits 1784 machte sich Benjamin Franklin Gedanken, wie man das Tageslicht besser ausnutzen könne. 1907 löste William Willett in England eine Debatte aus, als er anregte, gegen die „Verschwendung des Tageslichts" an der Uhr zu drehen. Was das britische Unterhaus 1908 ablehnte, aber 1916 dann zuließ. Drei Wochen, nachdem die Deutschen erstmals eine Sommerzeit eingeführt hatten. 1919 nahm die Regierung der Weimarer Republik diese Umstellung zurück. 1939 führten die Deutschen wieder eine Sommerzeit ein – eine Stunde mehr Tageslicht bedeutete, eine Stunde mehr Arbeitszeit, was mit Beginn des Krieges in der Rüstungsindustrie wichtig war.
  • Nach Ende des Zweiten Weltkrieges war Deutschland in vier Besatzungs- und zwei Zeitzonen aufgeteilt. Die westlichen Besatzungszonen hatten eine Sommerzeit, die sowjetische Besatzungszone richtete sich gar nach Moskauer Zeit – zwei Stunden voraus. Von 1947 bis 1949 gab es nicht nur eine Sommerzeit in den westlichen Gebieten, sondern sogar eine Hochsommerzeit von Mitte Mai bis Ende Juni.
  • Als „Nachwehe" der Ölkrise von 1973 wurde 1980 die Sommerzeit in der DDR und der BRD eingeführt, Nachbarländer zogen nach. Seit 1996 gilt in allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Sommerzeit. Die ist durchaus umstritten, Befürworter sehen den größten Nutzen in der besseren  Ausnutzung des Tageslichts. Kritiker verweisen auf gesundheitliche Beeinträchtigung. Kleinkinder und Alte reagieren meist besonders empfindlich.Schlechter verkraftet wird die Abweichung vom Biorhythmus vor allem bei der Umstellung auf die Sommerzeit. In Krankenhäusern meldeten sich bis zu drei Tage nach der Umstellung bis zu 25 Prozent mehr Patienten mit Herzbeschwerden, das Unfallrisiko steigt am Tag nach der Umstellung.