Magdeburg (dpa/sa) - In Sachsen-Anhalt sollen sich Pflegeangehörige künftig besser in eigenen Selbsthilfegruppen miteinander austauschen können. "Viele Angehörige spüren ein Gefühl der Überforderung", sagte die Referentin für Gesundheit und Selbsthilfe beim Landesverband des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, Romy Kauß, in Magdeburg. Gerade in der Corona-Zeit, in der Tagespflegeeinrichtungen und andere Angebote geschlossen waren, waren Menschen, die ihren kranken Mann, Eltern oder ein beeinträchtigtes Kind pflegten, stark belastet. Seit Mai gebe es fünf Kontaktstellen im Land, die die Betroffenen künftig an passende Selbsthilfegruppen vermitteln wollen, hieß es.

Die Aufgaben der sogenannten Selbsthilfekontaktstellen Pflege seien vielseitig, erklärte Kauß. Einerseits würden die Beratungsstellen Menschen helfen neue Selbsthilfegruppen zu gründen, in denen sich die Betroffenen über ihre Erfahrungen offen und vertrauensvoll austauschen könnten. Pflegeangehörige könnten sich dazu in den Kontaktstellen melden und darüber sprechen, ob es bereits bestehende Selbsthilfegruppen gebe oder eine neue gegründet werden könne. Anderseits müssten die Kontaktstellen die Angebote bekannt machen - beispielsweise bei Ärzten, in Apotheken oder bei ambulanten Diensten. So könnten mehr potenziell Betroffene erreicht werden.

Bislang gibt es den Angaben nach Kontaktstellen in Halle, dem Raum Mansfeld-Südharz, dem Saalekreis, dem Burgenlandkreis sowie dem Harz. Die meisten Betroffenen meldeten sich in den vergangenen Wochen in den Beratungseinrichtungen, weil sie überfordert waren. Ansprechpersonen klärten sie über die Möglichkeit des gemeinsamen Austausches in Selbsthilfegruppen auf. Künftig sollen weitere Kontaktstellen entstehen.

"Aus den Gesprächen in den Selbsthilfekontaktstellen Pflege wird offensichtlich, dass sich viele Menschen oftmals gar nicht als pflegende Angehörige bezeichnen", so Kauß. Sie würden teilweise gar nicht erkennen, dass sie in einer besonderen Situation seien. In den Selbsthilfegruppen könnte sich künftig sowohl der Angehörige eines Krebspatienten als auch der Ehemann einer an Demenz erkrankten Frau anschließen. Die Gruppen seien für Teilnehmer kostenlos.

"Betroffene sind in den Selbsthilfegruppen auf Augenhöhe und können beim Austausch mit Gleichgesinnten Trost finden", erklärte Kauß. Viele Pflegende würden sich in einer ausweglosen Opferrolle sehen. In den Gruppen könnten sie über das Gefühl, allein gelassen zu sein, reden, Akzeptanz finden oder über den Pflegealltag sprechen.

Das Sozialministerium sicherte den Selbsthilfekontaktstellen und -gruppen in Sachsen-Anhalt mehr als 650 000 Euro jährlich zu. Das Geld kommt von den Pflegekassen und vom Land, hieß es. Grundlage ist eine bundesgesetzliche Regelung. Dank der finanziellen Mittel könnten die Gruppen auch Ausflüge finanzieren oder Referenten zu ihren Treffen einladen, so Kauß. "Jeder macht sich seine eigenen Regeln in der Selbsthilfe", erklärte die Expertin weiter. Das bedeute, dass sich die Gruppen nicht nur im Stuhlkreis treffen müssten, sondern auch ein Picknick im Freien möglich sei.

In Sachsen-Anhalt leben nach Angaben der Paritätischen Wohlfahrtsverbandes rund 110 000 Pflegebedürftige. Davon wiesen rund 80 Prozent den Pflegegrad zwei und drei auf. Drei Viertel von ihnen werden zu Hause versorgt, meist von weiblichen Angehörigen. Landesweit gibt es den Angaben zufolge mehr als ein Dutzend Selbsthilfekontaktstellen mit hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Selbsthilfegruppen, an die sie weitervermitteln, reichen von den Anonymen Sexsüchtigen bis zum Austausch von Menschen mit Zwangs- und Angsterkrankungen.

Selbsthilfekontaktstellen