Schwimmen

Florian Wellbrock: Die Stille nach dem Sieg

Florian Wellbrock ist beim SC Magdeburg zu einem Weltklasse-Schwimmer und zu einer Persönlichkeit gereift - nach schwerem Schicksalsschlag.

Von Daniel Hübner 01.09.2018, 01:01

Magdeburg l Bernd Wellbrock hat einen kleinen und gepflegten Fahrradladen in Bremen. Er erfüllt dort allerhand Wünsche, baut mit zwei Mitarbeitern Zweiräder zusammen und vertreibt sie selbständig. Jeden Tag ab 9.30 Uhr öffnet sich der Eingang des Hauses in der Martinistraße 30/32, jeden Tag fragen Kunden nach Fahrradschlauch, Fahrradklingel oder Fahrraddynamo. Nur am 7. August dieses Jahres ging es kaum ums Fahrrad. An jenem Dienstag ging es um seinen Sohn Florian. Wellbrock berichtet: „Ich arbeite eigentlich achteinhalb Stunden täglich, aber davon habe ich an dem Tag sechs Stunden lang Hände geschüttelt.“

„Wildfremde Menschen“, sagt Wellbrock, betraten das Geschäft, um den Vater zum Erfolg seines Sprösslings zu beglückwünschen. Manche erklärten sich stolz, dass mit Florian ein Bremer Jung‘ die Stadt mit seinen Leistungen repräsentiert. Denn Florian Wellbrock vom SC Magdeburg hat am 5. August die Europameisterschaft über 1500 Meter Freistil gewonnen, in deutscher Rekordzeit von 14:36,15 Minuten. Vor den Augen der Eltern Anja und Bernd sowie der Freundin Sarah im Tollcross International Swimming Centre zu Glasgow. Und in Gedanken an Franziska, seine Schwester, die am 14. Dezember 2006 verstorben ist. Mit nur 13 Jahren.

Bernd Wellbrock kann heute über den Tod der Tochter reden, verwinden werden seine Frau und er ihn nie. Es war beim Weihnachtsschwimmen des TSV Osterholz im Bremer Tenevar-Bad, dort, wo Anja und Bernd sich einst kennenlernten und wo Franziska und Florian erstmals in ein Becken sprangen. Als sich die Tochter freute, dass ihr Vater gegen ihren Trainer beim Familienduell gewonnen hatte, als sie selbst gerade ihren eigenen Wettkampf über 200 Meter Lagen absolviert hatte, als sie plötzlich rief: „Oh, mein Kopf.“

Sie brach zusammen, jegliche Reanimationsversuche scheiterten. Franziska wachte nicht mehr auf. Die Ursache ist nicht geklärt, auf eine Obduktion verzichtete die Familie. „Ich war damals neun Jahre alt, und klar war es ein Schock, die Schwester verloren zu haben“, sagt Florian Wellbrock, „aber ich habe es eigentlich nicht richtig verstanden. Ich habe einfach weitergemacht. Und ich glaube nicht, dass es mich in meiner persönlichen Entwicklung geprägt hat.“

Vielleicht ja doch. Vater Wellbrock erinnert sich an die schweren Tage danach. „Wir hatten so viele Sorgen, aber Florian hat für uns eine schützende Funktion und Verantwortung übernommen, indem er nicht noch mehr Sorgen bereitet hat. Er hatte immer eine soziale Ader, ist für andere eingestanden“, sagt der 52-Jährige, selbst mal ein Radrennfahrer, der sich frühzeitig gegen die Karriere und für eine „vernünftige Arbeit“ entschied. „Und er hat immer seine Meinung gesagt.“

Zwei Wochen nach seinem Coup von Glasgow sitzt Florian Wellbrock in seinem Magdeburger Lieblingsrestaurant. Hier wird er mit Handschlag begrüßt, hier errät der Kellner seinen Menüwunsch. Er hat seine Freundin zum Gespräch mitgebracht: Sarah Köhler, sie startet für die SG Frankfurt, sie hält den deutschen Rekord über 400 und 1500 Meter Freistil. Beide sind herausragende Athleten ihrer Generation. Sie lächeln sich an, ihre Hände berühren sich.

Zwei selbstbewusste Menschen haben im Höhentrainingslager der Sierra Nevada (Spanien) zueinander gefunden, weil „wir dort morgens miteinander trainieren mussten“, sagt Wellbrock lächelnd. Dann kam der Gothaer Pokal in der Elbeschwimmhalle. Im März 2017. „Sarah war einen Tag früher angereist, ich habe sie dann zum Essen eingeladen, sonst wäre sie allein gewesen“, erklärt er mit einem Augenzwinkern. „Und dann hat alles seinen Lauf genommen.“

Anja und Bernd Wellbrock haben Sarah herzlich aufgenommen. „Sie ist ein tolles Mädchen“, sagt der Vater. Die Medien haben das junge Paar ebenso herzlich aufgenommen. Interviews im Fernsehen gehörten während der EM zum Programm. „Ich habe mit so viel Aufmerksamkeit gar nicht gerechnet“, erklärt Köhler, 24 Jahre. „Wir sind ja nicht Britta Steffen und Paul Biedermann“, das Schwimm-Traumpaar der jüngeren Historie, die Olympiasiegerin und der Weltrekordler. „Sie haben doch noch ganz andere Leistungen gebracht.“

Wellbrock, 21 Jahre, findet die Aufmerksamkeit „eigentlich ganz angenehm“ und ergänzt: „Das gehört eben auch zum Sport dazu. Es ist das, was ich schon immer haben wollte. Und noch kann ich den Fokus auch genießen.“

Woanders wollte er nicht im Fokus stehen. Erst recht nicht beim Fußball. Dreimal ist er dorthin zum Training gegangen. „Aber das war nicht seine Welt“, sagt Bernd Wellbrock. Seine Welt war das Schwimmen, auch wenn Florian als Kind „körperlich den anderen hinterher gewesen ist“. Aber seine Lust auf Erfolg war schnell gewachsen. Und die wollte er erst recht in Magdeburg ausleben.

Im September 2014 sitzt Wellbrock auf der Tribüne der Elbehalle. Sein Körper schlaksig, seine Muskeln kaum ausgeprägt, aber bereits von toller Ästhetik im Becken. Sein Blick ist keineswegs schüchtern, seine Aussagen kurz, aber deutlich. Wellbrock verschwendet nie viele Worte, um sich zu erklären. Damals nicht, heute nicht.

Warum er zum SCM gekommen ist? „Ich wollte mehr trainieren!“ Nicht mehr 40 Kilometer pro Woche, wie an der Bremer Sportschule, die er seit der fünften Klasse besucht hatte. Sondern 100. Mit welchem Ziel er zum SCM gekommen ist? „Ich möchte zu den Sommerspielen nach Tokio 2020!“ Welche Chancen ihm sein Trainer Bernd Berkhahn damals gegeben hat? „Für mich war er ein Überraschungspaket, niemand wusste im Vorfeld, wie das härtere Training anschlagen würde“, so der Coach. Was Berk­hahn allerdings sofort wusste: „Er war von den Anlagen her ein sehr talentierter, technisch gut ausgebildeter Schwimmer, den ich auch haben wollte.“

Wellbrock verließ mit 17 Jahren die Heimat, um die Welt­spitze zu erobern. Es war seine Entscheidung, wie er überhaupt alle Entscheidungen selbst traf. Wie die zum Wechsel im Frühjahr 2007 an die Sportschule, in die auch Franziska gegangen war. Trotz aller Bedenken, es könnte ihn zu sehr belasten, täglich mit dem Tod der Schwester konfrontiert zu werden, berichtet sein Vater. „Franziska war sehr beliebt, und die Schule stand unter Schock. Aber Florian wollte unbedingt dorthin.“

Auch nach Magdeburg. Als er sein Zimmer in der Wohngemeinschaft an der Elbe einrichtete, war er ein jugendlicher Fastfood-Junkie, verliebt in seine Playstation. Es gab morgens Burger, mittags Burger, abends Burger. „Die Ernährung ist hin und wieder ein Thema gewesen“, erklärt er lächelnd über Diskussionen mit seinem Coach. „Ich habe damals extrem viel Mist gegessen. Aber auch gerne. Ich hatte mein Taschengeld, ich wusste, meine Eltern gucken nicht drauf, wofür ich es ausgebe.“

Trotzdem hat Berkhahn alsbald Wetten mit Kollegen abgeschlossen, dass sein neuer Schützling es bereits zu den Sommerspielen in Rio schaffen würde. „Da haben mich alle ausgelacht“, erinnert sich der 47-Jährige. Wellbrock schaffte es. Aber Wellbrock belegte an der Copacabana nur den 32. Platz, weil die Nerven auf dem Startblock versagten. „Die einzige richtige und die wichtigste Niederlage für mich“, schätzt der Athlet ein. „Aber für 2020 war es sehr gut, dass ich in Rio dabei gewesen bin.“

Die Lehren daraus hat er längst gezogen. „Der Misserfolg von Rio war die Grundlage für seinen heutigen Erfolg. Und seine Entwicklung ist noch nicht abgeschlossen“, ist sich Berkhahn sicher.

Nicht nur sportlich. Die Schule hat er frühzeitig abgebrochen, im Winter 2015. Acht Monate lebte er in den Tag hinein. Für Wellbrock war das ein schönes Leben, gibt er zu. Aber Berkhahn war es wichtiger, dass er „parallel zum Schwimmen an seiner Ausbildung schraubt“. Wellbrock hat sogar etwas gefunden, das ihm Spaß macht: Er lernt Immobilienkaufmann. Im nächsten Jahr schließt er die Lehre ab. Zumindest sind jetzt „alle mit meinen Noten zufrieden“.

Sarah Köhler ist mehr als das. Für sie ist ihr Florian „fast perfekt, nur an seiner Ordnung zu Hause können wir noch arbeiten“, sagt sie lächelnd. Seiner Freundin hört der schlanke, kräftige, 1,92 Meter große Mann gerne zu. Egal ist ihm indes, was andere über den Sportler Florian Wellbrock sagen.

Nach seinem EM-Titel wurde seine Leistung als „galaktisch“ betitelt und auf „einen anderen Stern“ geschrieben. Andere heben aufgrund solcher Einschätzungen ab und fallen umso tiefer. „Ich glaube nicht, dass ich großartig abhebe“, erwidert Wellbrock, den eine Aura norddeutscher Kühle umgibt, der aber immer mit einem lockeren Spruch überraschen kann. „Ich bin jemand, der Erfolg auch ein bisschen raushängen lassen kann. Eine große Klappe gehört zum Individualsport dazu. Aber ich weiß genauso, dass es bei der nächsten WM komplett anders aussehen kann. Leistung ist keine Gerade, die steil nach oben geht. Wir sind alles keine Maschinen.“ Sein Blick bleibt trotzdem nach oben gerichtet.

Berkhahn hat beobachtet: „Florian ist in den vier Jahren bei uns eine selbständige, erwachsene Persönlichkeit geworden.“ Seine Eltern sind sich sicher: „Florian wird seinen Weg gehen“, sagt Bernd Wellbrock. Und sie wünschen ihm natürlich „den größtmöglichen Erfolg“. Auch wenn der Vater im kleinen und gepflegten Fahrradladen in Bremen dafür noch viele Hände schütteln muss.

Auf seiner Reise nimmt der Sohn seine Schwester mit. Wie am 5. August 2018: Wellbrock sitzt Sekunden nach dem Sieg in Glasgow im Becken auf einem Wellenbrecher. Für einen Moment jubelt er mit geschlossenen Augen und in aller innerer Stille. „Genieß dein Leben ständig, du bist länger tot als lebendig“, steht unterhalb seiner linken Schulter geschrieben. Eine Zeile aus dem Lied „Fühl dich frei!“ des Rappers Sido, die er sich als Tattoo auch im Gedenken an Franziska hat stechen lassen. Florian Wellbrock hat längst verstanden.