Handball-EM Angstgegner kommt mit Wut: DHB-Team will „alles“
Nach dem Sieg gegen Frankreich träumen die deutschen Handballer vom EM-Gold. Vor dem Duell schimpft der Gegner lautstark über unfaire Bedingungen und spricht von einer „Schande“.

Herning - Miro Schluroff versuchte es erst gar nicht mit branchenüblichen Floskeln. Weder wollte der deutsche Handball-Nationalspieler von Spiel zu Spiel gucken noch ein Tor mehr werfen als der Gegner. „Wir wollen Europameister werden. Mehr muss man nicht sagen“, erklärte der wurfgewaltige Rückraumspieler unmissverständlich nach dem ersten EM-Sieg über Frankreich seit 1998.
Das am Ende souveräne 38:34 gegen den Titelverteidiger soll nur eine Zwischenstation auf dem Weg zur ersten EM-Medaille seit dem Titel 2016 sein. „Ist schön, ins Halbfinale zu kommen, aber klar reicht uns das jetzt nicht“, erklärte Bundestrainer Alfred Gislason. Sportvorstand Ingo Meckes formulierte es so: „Wir wollen jetzt alles. Der große Druck ist weg.“
Nach der „Todesgruppe“ kommt der Angstgegner
Im Kampf ums Finale wartet am Freitag (17.45 Uhr/ARD und Dyn) Angstgegner Kroatien. Das andere Halbfinale bestreiten Topfavorit Dänemark und Island. „Wir haben die sogenannte Todesgruppe überstanden, um jetzt gegen die Vize-Weltmeister spielen zu dürfen“, fasste Torhüter Andreas Wolff die knifflige Aufgabe zusammen. Ihre Niederlagenserie im direkten Duell hatten Deutschlands Handballer unmittelbar vor der EM mit zwei Testspielsiegen beendet. Aber das Team von Ex-Bundestrainer Dagur Sigurdsson ist eine Turniermannschaft.
„Sie werden ganz anders auftreten. Die Kroaten leben von ihren Emotionen und wachsen insbesondere bei Turnieren immer wieder über sich hinaus. Die werden mit Cleverness und physischer Dominanz antreten“, kündigte Wolff an. Der 34-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, dass sich Deutschland schwertut mit dem Spielstil der Kroaten. Wolff stand auf dem Parkett, als die DHB-Riege bei den Olympischen Spielen 2024 mit 26:31 verlor.
Sigurdsson schimpft über Bedingungen: EHF ein „Zirkus“
Ein Vorteil könnte sein, dass Kroatien zuletzt an zwei Tagen nacheinander spielen musste und am spielfreien Donnerstag von Malmö nach Dänemark gereist ist. „Was die Belastung betrifft, haben wir ein Ungleichgewicht im Turnierbaum. Diesen Wettbewerbsvorteil gilt es zu nutzen“, forderte Teammanager Benjamin Chatton.
Kroatien-Coach Sigurdsson reagierte in einer beispiellosen Wutrede auf den Reisestress. „Ich muss diesen Zirkus hier mitmachen. Das ist eine Schande. Die EHF interessiert sich nicht für uns Spieler und auch nicht für das Team“, schimpfte Sigurdsson. Die Planung sei nicht zu akzeptieren und unfair.
Sigurdsson bezeichnete die EHF als „Fast-Food-Firma“, die sich nicht um die Qualität der Spiele schere. „Sie wollen einfach nur verkaufen. Sie bestellen Artisten, um eine großartige Show zu liefern. Alles andere ist ihnen egal“, sagte der kroatische Nationaltrainer und erklärte: „Sie haben uns in einen kalten Bus gepackt wie gefrorenes Hühnchen.“
Deutschland bangt um Abwehrchef
Um der Wucht im Angriff Paroli zu bieten, wäre ein Einsatz von Abwehrchef Tom Kiesler immens wichtig. Gegen Frankreich fehlte der erkrankte EM-Debütant. „Als wir das Hotel verlassen haben, hat er im Viertelstundentakt gekotzt. Er hat Magen-Darm. Ich hoffe natürlich, dass wir es hinkriegen, dass er in zwei Tagen spielen kann und keinen angesteckt hat. Er ist Zimmerkollege gewesen mit Miro Schluroff. Also werden wir erst mal auf Schluroff schauen“, hatte Gislason am Abend berichtet.
Am Morgen nach dem Frankreich-Sieg gab es zumindest leichte Entwarnung. Die Situation habe sich etwas verändert und Kiesler fühle sich besser, sagte Chatton. Ein Einsatz sei dennoch weiterhin unsicher.
Knorrs Turnierdurchbruch: „Eine Klasse besser“
Was Deutschland Mut machen dürfte: Mit Spielmacher Juri Knorr ist nun auch der letzte DHB-Profi endgültig im Turnier angekommen. Zehn Tore gegen Frankreich nach zuvor enttäuschenden Auftritten sollen den Turnierdurchbruch markieren. „Wenn er in den Flow kommt, macht er uns eine Klasse besser“, lobte Renars Uscins seinen Teamkollegen. Gislason befand: „Heute hat er das beste Spiel gemacht, das ich je von ihm gegen so eine Nation gesehen habe.“
Knorr sparte hingegen selbst nach seiner Top-Leistung nicht an Selbstkritik. „Ich kam mir ziemlich verarscht vor. Drei Spiele funktioniert nichts und auf einmal geht jeder Gurkenwurf rein“, sagte der Spielmacher und schüttelte ungläubig den Kopf.
Uscins mahnt: „Nicht durchatmen“
Es ist das dritte Halbfinale, das Deutschland mit einem nahezu identischen Kader erreicht. Bei der Heim-EM vor zwei Jahren landete man am Ende auf dem undankbaren vierten Platz. Bei Olympia gab es Silber - und jetzt? „Wir wollen uns darauf nicht ausruhen, sondern den nächsten Schritt gehen. Wir sind noch nicht fertig“, kündigte Kapitän Johannes Golla verheißungsvoll an.
Dass Deutschland plötzlich zu den vier besten Teams Europas gehört, hätten zu Turnierbeginn wohl nur die wenigsten vorhergesagt. Nach der überraschenden Pleite gegen Serbien drohte der vielversprechenden Auswahl das historische Turnier-Aus in der Vorrunde - und Gislason das vorzeitige Ende als Bundestrainer.
Zehn Tage später spricht niemand mehr über ein EM-Debakel. Plötzlich plant der Olympia-Zweite den Gold-Coup. „Klar wollen wir den Titel. Es wird entscheidend sein, dass wir den Druck aufrechterhalten und nicht durchatmen. Die Spannung muss ganz oben bleiben. Wir brauchen nicht in große Euphorie zu verfallen“, appellierte Uscins an seine Mitspieler und erklärte: „Angst haben wir nicht.“