Handball-EM Olympia-Held Uscins startet mit neuer Energie in die EM
Das Handball-Wunder von Lille ist für immer mit Renars Uscins verbunden. Doch die Olympia-Last wiegt schwer. Warum sich der Bundestrainer selbst rügt und wie es Uscins vor der EM geht.

Hannover - Renars Uscins verschwand einfach. Raus aus dem Rampenlicht, keine Interviews, einfach nur weg. Es sei zu viel gewesen und er habe sich selbst schützen wollen, verriet der deutsche Handball-Nationalspieler später über seinen wortlosen Abgang nach der Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Portugal im Januar 2025. Es war die Zeit, in der Deutschlands Olympia-Held den Kampf mit dem Druck verlor und sich erschöpft von Spiel zu Spiel schleppte.
Fast ein Jahr später steht der 23-Jährige strahlend vor den Mikros. Nicht nur, weil Deutschland gerade die EM-Generalprobe gegen Kroatien mit Bravour gemeistert und mächtig Selbstvertrauen für den EM-Auftakt am Donnerstag gegen Österreich getankt hatte. Sondern auch, weil sich Uscins besser fühlt. „Ich habe mehr Energie im Tank. Ich fühle mich frisch und hoffe, dass die Energiekurve nicht so schnell nach unten sinkt“, sagte der gebürtige Lette.
Pünktlich zur EM und vor der kniffligen Vorrunde gegen Österreich, Serbien und Spanien findet Uscins zurück zu alter Stärke. Im zweiten Test gegen Vize-Weltmeister Kroatien gehörte er mit fünf Toren zu den besten DHB-Schützen.
Eine „Bilderbuchgeschichte“, die müde macht
Nach seinem Debüt in der Nationalmannschaft im April 2023 war es für Uscins im Eiltempo bergauf gegangen. Bei den Olympischen Spielen avancierte er zum wertvollsten Spieler für die deutsche Silber-Auswahl. Für immer mit seinem Namen verbunden sein wird das Sechs-Sekunden-Wunder von Lille: Uscins rettete Deutschland gegen Frankreich im letzten Moment in die Verlängerung und traf mit seinem 14. Tor dort zum umjubelten Sieg.
„Am Anfang war es natürlich schon cool, dass man so eine Bilderbuchgeschichte schreiben konnte. Aber je öfter man das erzählt hat, umso müder wurde man davon einfach. Da ist das Coole ganz schnell vorbeigegangen, weil das gibt mir nichts“, berichtete Uscins in der ARD-Dokumentation „Goldene Generation“ rückblickend über eine Zeit, die ihn mental sehr gefordert habe.
Vor allem bei der WM 2025 wurde deutlich, wie sehr der junge DHB-Profi mit der Erwartung zu kämpfen hatte. Entkräftet, angeschlagen und weit entfernt von seiner Bestform schleppte sich Uscins durchs Turnier. „Das ist schwierig für ein junges Riesentalent, daran gemessen zu werden, was er bei Olympia gemacht hat. Ich erwische mich selber dabei oft, ihm ein bisschen zu viel Druck zu machen, weil ich weiß, was er kann“, sagte Bundestrainer Alfred Gislason.
Wolff kennt das Gefühl: „Plötzlich bist du der Hoffnungsträger“
Einer der weiß, wie es ist, als junger Spieler hochgejubelt zu werden, ist Torhüter Andreas Wolff. Im Alter von 24 Jahren parierte der Schlussmann vom THW Kiel Deutschland 2016 zum EM-Titel. „Plötzlich bist du der Hoffnungsträger einer ganzen Nation. Das ist eine ganz andere Rolle, die Renars auf einmal einnehmen musste. Das zollt körperlich Tribut, weil es auch mental so zehrend ist“, erklärte der 34 Jahre alte Routinier.
Rasenmähen bei Oma und Holz sammeln
Uscins gilt als extrem reflektierter Mensch, der sich Kritik zu Herzen nimmt. Ein Spieler, der eher introvertiert und kein Lautsprecher ist. Und ein Mensch, der am liebsten Zeit mit seiner Familie verbringt - im Sommer auch gerne mal ein paar Tage bei seiner Oma in Lettland, um den Rasen zu mähen, wie die ARD-Doku zeigt.
„Wenn wir hier sind, mähe ich den Rasen. Dann helfen wir mit dem Holz, es aus der Scheune ins Haus zu bringen, damit sie an kalten Tagen das Haus wärmen kann. Hier geht es wirklich um Mensch sein. Ein sehr schöner Ort, um Kopf und Körper zur Ruhe zu bringen“, berichtete der Rückraumspieler.
Uscins schenkt seiner Mutter ein Café in Dessau
Mama Aija erfüllte er zuletzt sogar einen Lebenstraum, indem er ihr ein Café in Dessau schenkte. Kaffee ist nach Handball die zweite große Leidenschaft im Hause Uscins. „Ein Café zu betreiben, war der Traum meiner Mutter. Ich habe ihr die Voraussetzungen geschaffen, damit sie das machen kann“, berichtete der BWL-Student. Der Name „10/23“ spielt auf seine Rückennummern bei Hannover und in der Nationalmannschaft an.
Uscins genießt die Zeit abseits des Parketts und des Handballtrubels. „In der heutigen Zeit von Instagram, TikTok, dem ganzen - ich sage mal - 'Mist', denken Leute, dass sie was Besseres sind. Weil sie vielleicht mehr Klicks haben, mehr Tore werfen. Das kotzt mich schon extrem an, wenn ich solche Leute sehe“, sagte Uscins. Er selber möchte auf dem Boden bleiben: „Ich möchte zeigen, dass ich mehr kann als Handball spielen.“