Sigulda/Magdeburg l Die Familientage in Sigulda finden ohne ihre Eltern statt. Die Familie der Anabel Galander sind in den Wochen der Weltcups im lettischen Eiskanal Bobanschieber und Bobpiloten. Der deutsche Verband hat wegen der Corona-Pandemie und zum Schutz vor einer Ansteckung seine Athleten nämlich tatsächlich in Familiengruppen eingeteilt. „Ich finde das Hy-gienekonzept des Verbandes sehr gut“, sagt Galander. Die Magdeburgerin darf deshalb im Hotel mit Kim Kalicki, ihrer Pilotin, und Ann-Christin Strack, der zweiten Anschieberin, dinieren. Und sie diniert zudem mit dem Olympiasieger und Weltmeister Francesco Friedrich und seiner Crew. Man könnte sagen: Sie ist dort in sehr prominenter und elitärer Gesellschaft. „Das ist sehr cool, mit ihnen an einem Tisch zu sitzen. Trotz ihrer großen Erfolge sind sie alle auf dem Boden geblieben“, freut sich Galander.

Und so galant, wie die Anschieberin vom Mitteldeutschen Sportclub (MSC) einst über die 100 und 200 Meter für den SCM gesprintet ist, so galant wird sie nun durch den Eiskanal von Sigulda rauschen. „Schön schnell“, blickt die 21-Jährige ob der prognostizierten kühlen Temperaturen um die drei Grad Celsius am Tage voraus. Das Eis wird hart und glatt sein, zwei temporeiche Fahrten sind garantiert. Die beiden ersten Fahrten der Anabel Galander im Weltcup überhaupt. „Das war von vornherein so abgesprochen, dass ich in Sigulda und danach in Innsbruck meine Einsätze bekomme“, sagt sie. „Und meine Vorfreude ist natürlich groß.“

Ein wenig Nackenschmerz

Und die Verwunderung darüber wohl zuweilen ebenso. Als Galander vor einem Jahr angesprochen wurde von MSC- und Landestrainer Birk Lösche, war dieser schnelle Sprung auf die große internationale Bühne nicht zu erwarten. Zumindest hatte auch Galander nicht mit diesem Tempo gerechnet. „Aber es hat für mich schon gut angefangen. Ich konnte mich zu Beginn der vergangenen Saison im Europacup gut präsentieren“, erinnert sie sich an ihre ersten Wettbewerbe. Ihre Premierenfahrt hatte sie indes im Eiskanal von Oberhof absolviert. „Das war gar nicht schlimm“, berichtet sie von ihren ersten Eindrücken. „Nur der Nacken hat ein wenig geschmerzt.“ Der Anfang ihrer Karriere war damit getan.

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Und das Ende der Karriere in der Leichtathletik längst besiegelt. „Ich war ja schon öfter angesprochen worden, ob ich nicht zum Bobsport wechseln wollte. Irgendwann kam der Sinneswandel, nachdem es in der Leichtathletik nicht mehr so gut funktioniert hat. Ich wollte mit Sport nicht komplett aufhören. Also dachte ich, ich kann es mal probieren. Und war nach dem ersten Versuch wirklich positiv gestimmt.“ Und sie kann inzwischen behaupten: „Ich vermisse die Leichtathletik nicht.“

Am liebsten in Winterberg

Es ist dieses Teamgefühl, dass Anabel Galander ebenfalls überzeugt hat. Das vermehrte Krafttraining, das sie mag. Sie hat auch schon alles erlebt, einen leichten Sturz in Winterberg, auf ihrer Lieblingsbahn. „Mit ihr verbinde ich meine bislang schönste Erinnerung“, sagt Galander und meint den sechsten Platz bei der Junioren-WM im vergangenen Winter im Schlitten von Lisa Buckwitz. Sie hat inzwischen die meisten europäischen Eiskanäle gesehen – und einen amerikanischen. „Die Bahn in Lake Placid ist sehr ruppig, da wird man ordentlich durchgerüttelt“, berichtet sie lächelnd. Aber Galander hat auch dort jeden blauen Fleck erfolgreich verschmerzt.

Blaue Flecken gehören zu dem Leid, das die Studentin für Soziale Arbeit mit allen im Bob-Zirkus teilt, also auch mit „Anni“ Strack, die ihre Teamgefährtin und Konkurrentin zugleich ist. „Eine sehr starke und erfahrene Konkurrentin“ sogar, sagt Galander. „Deshalb ist es zunächst mein Ziel, an sie überhaupt ranzukommen.“

Familie immer dabei

Auf die Saison will sie indes gar nicht zu weit vorausschauen. „Ich möchte mich einfach gut präsentieren und dann lasse ich mich überraschen, wohin es noch in diesem Winter gehen wird.“ Vielleicht nicht gleich zur Elite-WM, die in den ersten beiden Februar-Wochen in Altenberg abgehalten wird. Vielleicht aber zur Junioren-WM, die vom 18. bis 24. Februar auf der Natureisbahn in St. Moritz in der Schweiz ausgetragen wird. „Das wäre schon cool“, sagt Galander.

Konstanze und Oliver Galander waren zunächst etwas skeptisch ob der Entscheidung ihrer Tochter, sich in einen Eiskanal zu stürzen. „Aber sie stehen immer hinter mir und unterstützen mich in jeglicher Hinsicht“, berichtet Anabel Galander stolz. Wenngleich der Mama womöglich beim Zuschauen die Knie schon mal schlottern. Dennoch: Ob live und in Farbe vor Ort oder am Livestream im Internet, ihre Familie ist immer dabei. Auch an solchen Tagen mit Francesco, Kim und der Crew.