Magdeburg l Die Fußstapfen könnten größer nicht sein. „Es ist schon krass, jemanden in seiner Familie zu haben, der Olympiasieger ist“, sagt Ole Ehrhardt. „Und dann noch meine Oma.“ Oma Annelie, die in München 1972 zu Gold über die 100 Meter Hürden gesprintet war in 12,59 Sekunden. Eine Zeit, mit der sie auch bei allen folgenden Spielen eine gute, ja medaillenträchtige Rolle gespielt hätte. „Die Geschichte höre ich gefühlt jedes Mal, wenn ich sie sehe“, sagt der 17-Jährige lächelnd. Und er sieht sie in einer normalen Saison oft – denn immer, wenn es Annelie Ehrhardt möglich ist, unterstützt sie ihren Enkelsohn direkt an der Tartanbahn.

Ole Ehrhardt sagt also: „Meine Stärke sind die Gene meiner Oma.“ Auch wenn er das Erbe nicht vollständig angetreten hat. Sprint ja, Hürde nein. „Das lasse ich mal lieber“, hat er nach den ersten Versuchen über das Hindernis festgestellt. Aber die 100 und 200 Meter haben es ihm angetan. In dieser coronabedingt kurzen Saison konzentriert er sich allerdings nur auf die kurze Distanz, was nicht dem Virus, sondern einer Schwäche geschuldet ist: „Ich bin ziemlich verletzungsanfällig. Es gibt keine Saison, in der ich nicht irgendwo Schmerzen habe.“ Deswegen hat er mit Trainer Marco Kleinsteuber entschieden, sich in der laufenden Serie allein auf die 100  Meter zu konzentrieren.

Hoffnung auf eine Medaille in Heilbronn

Und Kleinsteuber sagt: „Auf dem Weg zum Sprinter sind wir mit ihm bei etwa 20 Prozent.“ Was Ehrhardt wiederum lächelnd zur Kenntnis nimmt: „Es freut mich zu wissen, dass noch so viel Potenzial in mir steckt.“ So viel Potenzial, dass er sich für diese Saison eine 10,80 Sekunden vorgenommen hat. „Vielleicht geht es sogar noch schneller“, erklärt Ehrhardt, der derzeit Platz zwei in der deutschen U-18-Rangliste mit seiner aktuellen Bestzeit belegt (10,85) – erzielt bei der Landesmeisterschaft in Haldensleben. Und die ihm wiederum auf eine Medaille bei den deutschen Meisterschaften vom 4. bis 6. September in Heilbronn hoffen lässt.

Dabei war bis vor vier Jahren gar nicht klar, dass es Ole Ehrhardt wie seine Oma eines Tages auf die Tartanbahn ziehen würde. Denn eigentlich hatte er als Junge die allgemeine Lust aufs Fußballspielen. Für Fortuna Magdeburg zog er die Töppen an. Bis er zum Probetraining in die Sprintergruppe des SCM eingeladen wurde. „Und dann bin ich auch dabei geblieben“, sagt Ehrhardt. Gene lassen sich eben nicht leugnen.

Usain Bolt mitiviert zusätzlich

Und nicht nur das Gespür für schnelle Zeiten und Rhythmus hat der 1,77 Meter große Ehrhardt von seiner Oma geerbt. „Ich habe auch einen großen Trainingsehrgeiz“, berichtet er. Und er ist ebenso motiviert bei seinen Rennen. Für den richtigen mentalen Schub hat sich der künftige Zwölftklässler am Sportgymnasium allerdings zusätzliche Hilfe in laufenden Bildern geholt. „Ich schaue mir vor dem Wettkampf eine Dokumentation über Usain Bolt an“, berichtet Ehrhardt. Über jenen Jamaikaner also, der über eine Dekade die Welt auf den 100 und 200 Metern dominiert hat. Ole Ehrhardt findet den mittlerweile 34-jährigen Bolt faszinierend. Nicht nur wegen seiner Motivation, wegen seiner Art zu trainieren, wegen seiner Weltrekorde. Sondern auch, „weil er auch das Leben neben der Karriere genießt“.

Mit den Erfolgen des zwölffachen Olympiasiegers Bolt will sich der Magdeburger allerdings nicht messen. Sein Vorbild findet er in der Familie. Annelie Ehrhardt hat ja nicht nur Olympia-Gold gewonnen, sondern auch einen Titel bei der Europameisterschaft 1974 und Silber bei der EM 1971. Ole Ehrhardt sagt also: „Auch wenn ein Olympiasieg für mich weit weg ist, möchte ich wenigstens ein bisschen in die Fußstapfen meiner Oma treten.“