Magdeburg l Zwei Tage vor dem ersten Start erlebt Wolfgang Zierz das Wunder der Entschleunigung. Wenn die Kehrmaschine des Stadtbauhofes zweimal über den 2,2 Kilometer langen Rundkurs im Stadtpark Rotehorn streift, den Weg von Ästen, Laub und anderen natürlichen und unnatürlichen Hindernissen säubert, fährt Zierz auf seinem Rad nebenher, sammelt die Verkehrspoller ein, inspiziert das Ergebnis der Reinigung. Mittlerweile viermal hat er das an einem Freitag im Jahr getan, mittlerweile viermal in einem Jahr hat er am folgenden Sonntag den Startschuss zum Radrennen rund um den Adolf-Mittag-See gegeben.

Und in diesem Jahr womöglich besonders gerne. Trotz der 37 Grad Celsius im Schatten. Denn bei der neuerlichen Auflage am vergangenen Sonntag meldeten 160 kleine und große, jüngere und ältere Radsportenthusiasten ihren Start – ein neuer Teilnehmerrekord.

Professionelle Bedingungen

Die Resonanz auf diese Auflage hat Zierz ebenso gefreut. Nicht nur über jene an der Strecke, auch über jene auf der Facebook-Seite des Events: „War wieder eine Super-Veranstaltung, die sich in meinen Augen positiv von anderen abhebt, zum Beispiel durch die Livebilder von der Strecke für alle im Zielraum, tolle Preise und Prämien, schönes Umfeld und Verpflegung“, schrieb da der Potsdamer Tim Starker, der das Hobbyrennen für Fahrer ohne Lizenz (U 40) über 35,2 Kilometer gewonnen hat.

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Auch wenn das Rennen für den Nachwuchs, der zugleich einen Lauf zum Landescup absolviert, und für Amateure ausgelegt ist, wollten Zierz vom Team Maxim und seine Mitstreiter vom RC Lostau und Magdeburger SV 90 die Bedingungen professionell gestalten. So wurde in diesem Jahr ein besonderes Schmankerl angeboten: „Das gesamte Rennen konnte live auf einer Videowand verfolgt werden“, sagt Zierz stolz. Aber nicht nur deshalb „denke ich, können sich andere Veranstaltungen von der Organisation eine Scheibe abschneiden“. Bis hin zu den Preisen. Neben Radsport-Equipment gab es als Prämie auch Gutscheine für Reifenwechsel und Hauptuntersuchungen für Pkw oder für einen Gaststättenbesuch.

Vom Raucher zum Radsportler

Allein der Ort ist ja schon ungewöhnlich: Vor fünf Jahren hatten Zierz und ein Mitstreiter die Idee, das Event rund um den Adolf-Mittag-See auszutragen. „Er liegt zentral, dort finden sich noch mehr Zuschauer an der Strecke, dort sind gastronomische Einrichtungen. Bei vielen Rennen ist das anders. Sie gehen durchs Gewerbegebiet, dort gibt es keine Zuschauer“, erklärt der Maschinenbau-Ingenieur, der selbst noch Ausfahrten wie die des MSV 90 von Magdeburg nach Warnemünde über 300  Kilometer absolviert. So auch eine Woche vor dem Rennen: „Wir haben neuneinhalb Stunden gebraucht.“

Für solche Rundfahrten oder eben die Organisation solcher Veranstaltung muss man selbst schon sehr radsportaffin oder gar -verrückt sein. So wie Zierz. Zwei Erinnerungen verbindet er mit dem Sport besonders gern. Zum einen „hat mich mein Cousin 1962 ins Ernst-Grube-Stadion mitgenommen, und da habe ich den Etappensieg von Täve Schur bei der Friedensfahrt gesehen“, erzählt er. Zum anderen war auch der 66-Jährige mal ein Heißsporn „mit großer Klappe“, der nur 70 Kilo gewogen hat – und ein Kampfraucher, der das Nikotin von 40 Zigaretten am Tag inhalierte. Bis ihn ein Freund zur Brockenfahrt über zwölf Kilometer einlud.

„Drei Kilometer habe ich mitgehalten, dann musste ich pusten und das Rad weiterschieben. Aber das hat mich nicht beleidigt“, sagt er lächelnd. Sondern die Tatsache, dass ein sehr korpulenter Mitstreiter die Tour zum Gipfel durchgefahren war.

Termin 2020 noch nicht fix

Zierz hörte auf zu rauchen, nahm 26 Kilo zu, setzte sich aufs Rad. So wurde aus einem regen Interesse eine aktive Leidenschaft, die der seit über 40 Jahren verheiratete Familienvater von zwei Söhnen und Opa von drei Enkelkindern pflegt.

Auch das Radrennen, das bei seiner vierten Auflage mit dem ehemaligen Kickbox-Weltmeister Sascha Poppendieck einen lokalen Sieger in der Hobbyklasse (Ü 40) fand, wird Wolfgang Zierz weiter pflegen. Sicher ist: Im nächsten Jahr gibt es die fünfte Auflage. Nicht sicher ist: der Termin. „Wir werden warten, bis alle anderen Rennen terminiert sind“, sagt Zierz. Das Radrennen rund um den Adolf-Mittag-See soll eben keines von vielen, sondern ein besonderes bleiben. Inklusive der alljährlichen Entschleunigung.