Westeregeln l Es war laut in der Halle. Wirklich keiner blieb auf seinem Platz sitzen. Der Applaus der vielen Zuschauer donnerte durch die Halle in Westeregeln. Und mittendrin Markus Grau. Er war am Sonnabend einer von vielen, aber stand doch im Mittelpunkt. Die Leute klatschten nur für ihn. In seinem Abschiedsspiel wurde der 34-Jährige kurz vor dem Ende ausgewechselt. Und die Gefühlslage ließ sich dabei kaum in Worte fassen. Nicht nur die Härchen stellten sich beim Herzblut-Handballer am ganzen Körper auf, im emotionalen Höhepunkt seiner langen Karriere konnte er auch die Tränendrüse nicht mehr so ganz kontrollieren. „Ich musste schon ein paar Tränen verdrücken“, gab er zu.

Doch was gibt es für beide Seiten Schöneres, als so einen Moment, so einen Tag, bis zur letzten Sekunde zu zelebrieren. Er klatschte nochmal mit jedem einzelnen Spieler ab und verabschiedete sich dann aus seinem Wohnzimmer. Der SV Wacker hatte Grau 15 Jahre begleitet, aber das grün-weiße Handballer-Leben ist nun mal irgendwann vorbei. Und den würdigen Rahmen bot der Dorfverein mit den leidenschaftlichen Anhängern am Sonnabend.

Doch wie kam es dazu? Seit Wochen tüftelten die ehemaligen und aktuellen Weggefährten von Grau daran, ihrem „Motor, Antreiber und Vorbild“ Lebewohl zu sagen. Eine Woche vor dem Saisonstart für den Verbandsligisten war die Halle dann für die große Abschiedsparty geblockt. Und dem Mann im Mittelpunkt? Der sollte nicht einfach so Bescheid bekommen. René Loewe, Co-Trainer des SV Wacker, klingelte in der Redaktion durch und hatte ein Anliegen. Grau sollte aus der Zeitung von seinem Glück erfahren. Und der Plan ging voll auf.

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Der KFZ-Meister saß gemeinsam mit seiner Familie zusammen, als ihm plötzlich die Kinnlade herunterfiel und die Augen immer größer wurden. Seine Nichte hat aus der Volksstimme vorgelesen und ihrem Onkel so die frohe Kunde übertragen. „Ich war total fassungslos, ich hatte vorher nichts von dem Spiel gewusst. Ich hab mich riesig gefreut und sehr geehrt gefühlt“, beschrieb es der zweifache Papa.

Erstes Abschiedsspiel überhaupt

Und das durfte er auch. Denn so ein Abschiedsspiel gab es beim SV Wacker vorher noch nie. Verdiente Spieler hatten die Grün-Weißen ohne Zweifel schon zahlreiche in ihren Reihen. „Wir haben das als junge Spieler oft nicht verstanden, es als selbstverständlich angesehen und die Spannweite von solchen Aktionen nicht erfasst“, gibt Grau zu. Umso glücklicher war er nun, dass zahlreiche verdiente Akteure als „Oldies“ am Spiel teilgenommen haben. Doch bevor es losging, wurden dem ehemaligen Rückraum-Shooter noch ein paar Geschenke überreicht. Über die neu entworfene Wacker-Mütze und eine große Fotocollage freute er sich sehr.

Außerdem wurden auch Statistiken aus seiner Vereinskarriere vorgetragen. Von September 2002 bis Mai 2017 absolvierte er 271 Spiele für Westeregeln und kam dabei auf 1804 Treffer. Im Vorjahr musste er dann aber seine Karriere verletzungsbedingt beenden. Zu den „typischen Handballer-Beschwerden“ in Rücken und Schulter bereitete in erster Linie sein rechtes Sprunggelenk Probleme. „Da habe ich mich vier Mal operieren lassen“, berichtet Grau. Doch es ging nicht mehr und er wollte nichts riskieren. „Es ist ja auch nur ein Hobby.“ Aber eben eins, das sein Leben geprägt hat.

Das zeigte auch das Spiel am Wochenende, das aber, und das passt zum Charakter von „Metti“, nicht nur dem Spaß diente. „Es war kein reines Gaudi-Spiel, es ging schon zur Sache“, so Grau. Der Geehrte lenkte die Partie aber schon immer in seine Richtung. Mit der aktuellen Verbandsliga-Mannschaft führte Grau zur Pause mit fünf Toren. Als er dann in der Pause das Trikot wechselte, leitete er die „Oldies“ zur Aufholjagd an und ging kurz vor dem Ende mit dem zweiten Team in Führung. Am Ende stand ein gerechtes 28:28 auf der Anzeigetafel. Doch das interessierte kaum jemanden. Viel wichtiger war die tolle Atmosphäre an diesem Tag. Noch mehrere Stunden saßen alle Beteiligen bei Bier und Pizza zusammen. „Einige wohnen ja nicht mehr hier, da haben wir schon die alten Geschichten wieder herausgeholt“, schwärmte Grau.

Wie es für den 34-Jährigen, der gerade sein Haus in Westeregeln baut, nun sportlich weiter geht? „So richtige Pläne habe ich noch nicht.“ Fakt ist aber: „Irgendwas mit Handball“ würde er gerne machen. In Westeregeln, das versteht sich von selbst. Durchaus möglich, dass er in nächster Zeit als Trainer oder Betreuer zu sehen ist. Und dann gibt es da ja auch noch den Nachwuchs, der eventuell in die Fußstapfen des Papas treten kann. Drei Jahre und acht Monate sind die beiden Kinder alt. „Das dauert also noch eine Weile“, sagt Grau lachend. Ausschließen will er es aber nicht. Denn die Handball-Gene sind zweifelsohne vorhanden. Ob sein Nachwuchs dann eines Tages eine ähnlich handballverrückte Geschichte in Grün-Weiß schreiben kann, wird die Zukunft zeigen.