Magdeburg l Antje Lauenroth ist gestern in Kolding angekommen, einer dänischen Hafenstadt mit zirka 62 000 Einwohnern. Sie ist nicht zum Fischen an den Koldingfjord gereist, nein, sie will dort Handball spielen und vor allem genießen. Schon ab morgen, wenn die EM der Frauen in Dänemark beginnt. Erster Gegner ist Rumänien (18 Uhr/Sportdeutschland.tv).

Dennoch ist Lauenroth erleichtert. Zum einen, weil die EM überhaupt ausgetragen wird. Das ist nach der kurzfristigen Absage des dänischen Veranstaltungspartners Norwegen wegen der Corona-Pandemie keine Selbstverständlichkeit. Und zum anderen ist Lauenroth erfreut, dass ohne sie ein Spiel der Nationalmannschaft derzeit nicht mehr über die Platte geht. „Ich bin froh, dass ich schon längere Zeit wieder dabei sein darf“, sagt die „„Spätstarterin“, wie sich die gebürtige Haldensleberin selbst bezeichnet: „Ich habe mich in der Mannschaft etabliert.“ Schon im vergangenen Jahr bei der WM in Japan, als sie mit der DHB-Auswahl Platz acht belegte.

Position gewechselt

Inzwischen hat die 32-jährige Rechtshänderin 29 Länderspiele (58 Tore) bestritten seit ihrem Debüt im Juni 2017 gegen Dänemark, als sie noch als Kreisspielerin – sowohl bei BBM Bietigheim als auch im Nationalteam – zum Einsatz kam. Nur ist sie am Kreis nicht mehr zu finden. Lauenroth ist im vergangenen Jahr auf Linksaußen gewechselt, sie hat in der laufenden Saison in neun Bundesliga-Partien allein 49 Treffer markiert. „Im Nachhinein denke ich: Wäre der Positionswechsel ein paar Jahre früher gekommen, wäre ich in meiner Entwicklung auch weiter gewesen“, sagt Lauenroth, deren Weg einst über den HSC 2000 Magdeburg (bis 2006) und HSG Bensheim/Auerbach letztlich nach Bietigheim führte, wo sie zwei deutsche Meisterschaften feierte (2017 und 2019).

Dabei sind ihre Qualitäten wie gemacht für Linksaußen. „Ich bin vielleicht nicht die Schnellste, aber schnell genug fürs Konterspiel“, schätzt sie ein. „Und ich habe ein gutes Timing, genau im richtigen Moment den Gegenstoß anzuziehen.“ Und diesen erfolgreich zu beenden.

Erfolg – das ist nun nichts, womit sich die deutschen Damen in den vergangenen Jahren verwöhnt haben. Der letzte Podestplatz bei einem großen Titelkampf rührt aus dem Jahr 2007, als die damalige Mannschaft den dritten WM-Platz belegte. Die Heim-EM 2018 endete derweil mit einem enttäuschenden zehnten Rang.

Groener fehlt zum Start

Trotzdem haben sich Lauenroth und Co. für die 14. kontinentalen Titelkämpfe ein hohes Ziel gesetzt: „Das Halbfinale zu erreichen, das wäre schön. Aber es wäre sicher kein Halsbruch, wenn wir den fünften oder sechsten Platz belegen würden.“

Die Vorbereitung dazu haben die deutschen Damen in Frankfurt am Main absolviert. Auch mit Julia Behnke (Kreis) und Emily Bölk (Rückraum links), die beide für Ferencváros Budapest in Ungarn spielen und die „wir fast ein Jahr nicht gesehen haben“, berichtet Lauenroth. Seit der WM also. Ihren Bundestrainer Henk Groener hat die Mannschaft auch schon einige Wochen nicht mehr gesehen. Der Niederländer befindet sich coronabedingt in Quarantäne und wird gegen Rumänien nicht auf der Bank sitzen. Diesen Part übernehmen seine Assistenten Alexander Koke und André Fuhr.

„Trotzdem hatten wir sehr gute Bedingungen“, berichtet die 1,70 Meter große Lauenroth über den letzten Feinschliff vor der EM. „Mit Henk Groener hatten wir immer Online-Meetings.“ Und nicht zuletzt: „Allein sechs Mädchen aus dem Team kommen aus Bietigheim. Da sollte es im Spiel eigentlich kein Problem sein, sich schnell zu finden.“

Licu trainiert Rumänien

Apropos Spiel: Zwei Testspiele hat das Team bestritten. Die ersten und einzigen seit der WM. Am 1. Oktober gewann die Auswahl gegen die Niederlande mit 27:25, am 3. Oktober verlor sie gegen jenen Kontrahenten mit 26:32. Auf den amtierenden Weltmeister könnten die Deutschen in der Zwischenrunde treffen – und damit auf dem Weg in die K.o.-Runde.

Zuvor müssen Groeners Damen allerdings mindestens den dritten Platz in der Vorrunden-Gruppe D erreichen – die Gegner heißen dort Polen, Norwegen („Das ist ein Kracher“) und eben Rumänien. „Da erwarte ich ein ausgeglichenes Spiel“, blickt Antje Lauenroth voraus. In dem übrigens auch auf rumänischer Seite ein Hauch von Magdeburg weht: mit Trainer Robert Licu, dem ehemaligen Bundesliga-Handballer des SCM (1993 bis 1998).