Küttigen/Schweiz l Es fällt Steffen Wesemann nicht schwer, eines seiner Gelben Trikots für das Friedensfahrt-Museum in Kleinmühlingen zu spenden. Immerhin eroberte er 29 dieser Trophäen bei seinen sieben Starts auf dem „Course de la Paix“. Der einstige Radstar lebt seit knapp 19 Jahren mit seiner Ehefrau Caroline und Tochter Svena im schweizerischen Küttigen im Kanton Aargau. Seit 2005 ist der heute 47-Jährige Schweizer Staatsbürger. Seine alte Heimat hat er aber nich vergessen: weder seine Geburtsstadt Wolmirstedt in der Magdeburger Börde noch Frankfurt (Oder), wo er die Sportschule besuchte

„An der Sportschule bildeten Frank Augustin, Dan Radtke und Hagen Bernutz und ich eine Trainingsgruppe. Bei Trainer Thomas Schediwie holte ich mir die Grundlagen, die mir später als Profi zugute kamen“, erinnert sich Wesemann. Gerade jetzt im Mai denkt er gern an die Friedensfahrt zurück. „Es waren Eindrücke, von denen ich mein ganzes Leben zehre. Ich hoffe immer noch, dass dieses Rennen doch noch einmal zum Leben erweckt wird“, gesteht der Ex-Profi. Siebenmal krümmte er unter dem Zeichen der Friedenstaube den Buckel. Fünf Siege, ein zweiter und ein dritter Platz im Gesamtklassement lassen sich sehen.

Karriereende im Jahr 2008

Beim Treffen zum 70. Jubiläum vor kurzem in Kleinmühlingen fehlte „Wese“. Er gestand ehrlich warum: „Die 850 Kilometer von uns zu Hause in die Börde sind ein Hammer. Mein Vater, er startete selbst dreimal bei der Friedensfahrt, hat mir aber vom Treff zum Jubiläum berichtet.“

Der einstige Radprofi keuchte zwischen 1993 und 2006 für das Team Telekom und T-Mobile über die Landstraßen. „Eine richtig schöne Zeit hatte ich besonders bei Walter Godefroot im Team Telekom“, schwärmt Wesemann ein bisschen. Wesemann gehörte zu den Lieblingen von Godefroot. „Der ,Wese‘ macht immer ohne zu murren seine Arbeit“, urteilte der einstige Team-Telekom-Manager.

Wesemann hat in dieser Zeit nichts ausgelassen, war bei fast allen großen Rennen am Start: viermal Tour de France, dreimal Giro d‘Italia und viermal Vuelta. Ein bisschen Stolz klingt aber schon mit, wenn Wesemann über die Flandern-Rundfahrt spricht: „In der 115-jährigen Geschichte bin ich der einzige lebende Deutsche, der den schweren Klassiker gewonnen hat.“ Außer Wesemann stand nur der schon verstorbene Rudi Altig 1964 ganz oben auf dem Siegerpodest dieses Klassikers.

Als Wesemann 2008 mit einem Gala-Abschluss-Rennen in seiner Geburtsstadt Wolmirstedt vom Rad stieg, glaubte er für die Zukunft alles gerichtet zu haben. Mit der Firma „Speedimport“ vertrieb er hochentwickelte Carbonteile und Leichtlaufräder. „Die Firma gibt es noch. Wir haben aber kaum noch Umsatz. Unser Zulieferer hat die Produkte nicht weiterentwickelt. Wenn du zwei Jahre keine neuen Sachen auf den Markt bringst, bist du schnell verschwunden und stehst im wahrsten Sinne des Wortes schnell auf dem Schlauch“, gibt Wesemann zu. Gemeinsam mit Giro-Sieger Tony Rominger betreute er zudem in einer Agentur 15 Radprofis. „Als immer mehr windige Figuren auftauchten, habe ich die Notbremse gezogen. Mit 47 kannst du nicht mehr lange warten, da musst du zusehen, einen möglichst sicheren Job zu bekommen.“

Vom Rennrad-Sattel stieg Wesemann danach auf den Lkw-Bock um. Der einstige Edelrenner erwarb einen Führerschein und heuerte bei einem Lebensmittel-Konzern an: „Ich fahre mit einem Truck Waren für Tankstellen, Hotels und Supermärkte aus.“ Derzeit macht er den Busschein und fährt wohl bald im Kanton Aargau im Linienbetrieb.

Die Jagd ist sein Ausgleich

Auf dem Rennrad saß „Wese“ in diesem Jahr noch nicht. „Wenn ich abends nach Hause komme, fehlt mir der Antrieb, zumal ich nach der Arbeit mehrere Wochen auf der Schulbank saß, um mich als Jäger zu qualifizieren und den Busschein zu erwerben“, erklärt er. Den Giro verfolgte der einstige Radstar nur an den Wochenenden. „An den Werktagen bleibt keine Zeit.“ Auch für die beiden englischen Jagdhunde der Familie findet „Herrchen“ nur am Wochenende die notwendigen Stunden. „In der Woche kümmert sich meine Frau um die Hunde“, meint der Ex-Profi.

Wenn Steffen Wesemann auch nur selten in seine alte Heimat düst, so ist in dem Anwesen der Wesemanns in Küttingen für Vater aus Wolmirstedt, Mutter aus Magdeburg oder die alten Kumpel aus Frankfurt immer ein Platz.

Stieftochter Antonia ist 23 und hat eine eigene Wohnung. Tochter Svena ist 18, im zweiten Lehrjahr und auch bald aus dem Haus. Da gibt es Platz für kurze Besuche und Erinnerungen. „Wenn ich mich mit einem oder mehreren ehemaligen ASK-Fahrern treffe, haben sie die meisten gemeinsamen Erlebnisse vergessen. An eine Sache erinnern sie sich aber ganz genau: Wann sie mich im Rennen einmal geschlagen haben.“